Dreizehnter Jahrgang.
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zur
Augsburger PostLeitung.
18. September M- S8. 1853.
Dieses Klatt erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnement«»»!«M lr., wofür e« durch alle löuigl. daher. Postämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kaun." '----------------------------- ----..... —— i —^
Joseph Ottmar von Rauschers, Fürstbischofes von Wien ,
Hirtenbriefe.
Bereits sins die Leser des SonntagsblatteS mit dem herzlicheil gemüthvollenHirtenbriefe deS obengenannten Kirchenfürsten an das Landvolk bekannt gemacht wor-den, und noch werden sie sich mit Vergnügen an den großen Gewinn erinnern, densie daraus für Geist und Herz gezogen haben. Wir glauben daher, die weitern zweiHirtenbriefe des hochwürdigsten Herrn Fürst-Erzbischofes, die sich in Verbindung mitdem ersten gegenseitig ergänzen und von denen der eine an die Geistlichkeit, der anvere,gleichsam die Mitte haltend, an alle Gläubigen der Erzdiocese Wien gerichtet ist, nichtlange vorenthalten zn dürfen, und lassen nun den Hirtenbrief an die Geistlichkeit folgen:
Joseph Othmar , von Gottes und des apostolischen Stuhles Gnaden Fürst-erzbischof von Wien , Doctor der Theologie zc. zc, Ritter v. Rauscher, der gesamm-ten ehrwürdigen Geistlichkeit der Erzdiocese Wien Heil und Segen vom Herrn!
Die Körperwelt ist ein großes Ganzes, in welchem ein großer Aus-ausch vonKraft und Regsamkeit den Umlauf hält. Die Wasser der Erde verflüchtigen sich undstreben empor und breiten über unseren Häuptern den blauen Bogen des Firmamentsaus mit all den vielgestalieten Wolkenbildern, welche freundlich oder drohend über ihnhinziehen. Die Wolken senden ihre Wasser hernieder und nähren die stille Quelle undden mächtigen Strom und erfrischen die Wiese und befruchten den Acker. Von derSonne eilt der Lichtstrahl herab, sie ist der Mittelpunkt einer wunderbaren Bewegung,deren Schwingungen das Auge berühren und dem Geiste oie sichtbare Schöpfung ent-hüllen. Die Sonne selbst mit dem folgsamen Geleit ihrer Sterne steht mit den Nach-barsonnen in einem Wechselverkchre, welcher die menschliche Berechnung überragt. Aberauch die Geisterwelt ist ein großes Ganzes. Michael, der Fürst der himmlischenSchaareu, welcher zur Rechten steht am Altare des Weihrauches und der arme Blöd-sinnige, dessen verkümmerter Leib dem Geiste seine Dienste versagt und die von Außenkommende Anregung ihm nur in verkümmerten Bruchstücken vermittelt, beive sind, umGott zu lieben, geschaffen. Gott will das höchste Ziel des Verlangens und Strebensaller Geister seyn; alle sind eingeladen, seine Gnade und Barmherzigkeit zu verherr-lichen; wollen sie es nicht, so müssen sie seiner Gerechtigkeit vaS Zeugniß geben. DerSchöpfer bedarf seiner Geschöpfe weder für sich, noch für die Werke seiner Erbar-mungen : denn er ist die Herrlichkeit und Macht und Seligkeit ohne Wandel und Mangelin ewiger Fülle Weil es ihm aber gefiel, Wesen hervorzurufen, welchen das Ge-präge seines Ebenbildes verliehen ist, so will er diese Hochbegnadigten auch dadurchadeln, daß er sie als Mitarbeiter an den Werken seiner Gnade zuläßt. Darum hater dem Flehen der Liebe eine große Kraft zugetheilt, und dnrch daS Flehen der Liebesollen alle seine Diener mitwirken, damit die zur Kindschaft Berufenen in das Vater-haus eingehen. Es steigt von den Chören der Verklärten, es steigt aus den Tiefen