S99
gehalten wird, so ist dieß ein sicheres Zeichen, das Großes und Hochwichtiges ver-loren ging. Unwillkommene Erfahrungen geben uns darüber Aufschluß: denn in weitem,nur allzu weiten Bereiche hat die öffentliche Sitte und das Familienleben sich von derWeihe deS Christenthums losgesagt. Wie ist aber Europa in Mitte seiner Erfindungenund gelehrten Kenntnisse bis dahin gekommen?
Der Reiz, welchen der Götzendienst für die Kinder Jakobs hatte, scheint etwasganz Unbegreifliches zu seyn. Die herrlichsten Offenbarungen, die treuesten Ermah-nungen, die furchtbarsten Strafgerichte helfen immer nur für kurze Zeit; sie kehrenstets von Neuem zu den Altären des schauerlichen Moloch unv der besudelten Astarothzurück. Wer aber hinunterblickt in die Werkstätte der verhüllten Mächte, welche anden Geschicken von Einzelnen und von Völkern weben, der kann das allerdings wahn-sinnige Treiben der Jsraeliten nicht räthselhafter finden, als so Vieles, was vor un-seren Augen vorgegangen ist und vorgeht. Für den Geist wie für den Leib desMenschen gibt es Krankheiten, welche bald mehr, bald weniger Opfer heischen, aberniemals gänzlich weichen. Hoffart und Neid, Habsucht und Unlauterkeit finden immerSolche, welche ihnen freies Spiel gewähren, bis daß die Seele getödtet ist. Alleinfür den Geist, wie für den Leib des Menschen gibt eS Seuchen, welche über weiteLänder den Hauch des TodeS verbreiten, und dann für lange Zwischenräume ruhenoder auch niemals in unveränderter Gestalt wieder kommen. Eine solche Seuche derGeister war jener Götzendienst, von dessen Lockungen das Volk Israel so oft besiegtwurde. Das Menschengeschlecht war damals in seiner Morzenzeit; das BewußtseynGottes war sehr stark und Niemand dachte daran, cS zu bekämpfen. Aber auch diesinnlichen Güter, welche noch in voller Frische glänzten, lockten sehr gewaltig. Durchjene Gebilde des Wahnes wurde dem Menschen die Stimme aus der höheren Weltnach Maaßgabe seiner zeitlichen Bedürfnisse gedeutet und die Ahnung des Ueberirdischenzum Dienste der sinnlichen Gelüste erniedrigt; deßhalb übte sie auf den Menschen einenso verführerischen Reiz.
Ueber diese Dinge sind wir längst hinaus. Einem Moloch von Eisen wird mandie Kinder nicht mehr in die glühenden Arme legen, die Befriedigung schändlicher Be-gierden wird man zu einem geheimnißvollen Walten, welches man von der aus Steingefertigten Göttin erwartet, nicht mehr in Beziehung setzen. Es scheint beinahe, alswollte eS allgemach Abend werden unter dem Monde. Wir haben vielerlei gelerntund sind über vielerlei enttäuscht worden. Der Begriff regiert in mannigfacher undkünstlicher Ausbildung; doch ermattet ist die gewaltige Unmittelbarkeit der Auffassung,welche zwar furchtbare Mißgriffe begehen kann, aber von derem Widerscheine der Be-griff sein ganzes Leben borgt. Wir berechnen weit kälter und in so weit wir unsnicht in dem Auszurechnenden vergreifen, anch weit richtiger. Das Bedürfniß nacheinem Zerrbilde des Höheren ist in die Bestrebungen des Lasters und der Thorheit nichtmehr so untrennbar verwebt, wie ehedem. Allein wie Gott der Herr und sein Gesetz,so sind auch die menschlichen Begierden und Bedürfnisse ganz die nämlichen»geblieben.Als daher das achtzehnte Jahrhundert mit offenem Trotze wieder Gott den Herrn indie Schranken trat, so schuf man Wahngebilde, welche in dem Verlangen nach denGütern dieser Welt und in dem Bedürfnisse, irgend einen Schein der Anknüpfung anetwas Höheres zn erkünsteln, ihre Erklärung finden.
Man hat das Christenthum zu verfälschen getrachtet. Man hat christliche Ge-danken aus dem Zusammenhange gerissen, mit frecher Willkühr umgedeutet und zunächstwiver die christliche Wahrheit, dann wider Alles, was über das Tastbare hinauSreicht,als Waffe gebraucht. Doch alle die flimmernden Redensarten von der menschlichenWürde, von der Beglückung der ganzen Welt, von der Gleichheit und Freiheit undBruderliebe sind nur der weithin reichende Schweif deS Kometen. Der Kern bestehtganz einfach in der Behauptung, daß Jedermann haben solle, was sein Herz begehrtund jedeS Mittel geheiligt sey, wenn eS der Durchsetzung dieses Rechtes diene. Dießliegt nun für alle Welt am Tage. So haben wir auch dießmal nichts unS gegen-über als die menschliche Begierde, welche sich in den Gütern der Welt wie in einem