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Netze verwickelt hat und nicht höher hinauf zu kommen vermag, aber von dem, wasoben ist, doch noch irgend ein Zerrbild haben will. Die Schlagwörtcr der Aufklärungund Revolution sind die Götzen im modernen Style und nur zu oft haben sie gleichdenen der alten Zeit eine blindgläubige Menge hinter sich hergezogen. In der erstentobenden Aufwallung wurde sogar ein Versuch gemacht, denselben in Buhlerinnen,welche die Göttin Vernunft spielten, eine Verkörperung zu geben und des Opferbluteswurde wahrlich nicht gespart.
Allein viel weiter als die eingestandene Herrschaft dieser Wahngebilde verbreitetesich die Ermuthigung, welche sie den menschlichen Begierden gaben. Daß kein Ver-nünftiger sich um ein höheres Leben bekümmern dürfe, und Alles, was den Lüstenund Bestrebungen der Welt unbequem falle, Uebertreibung und Aberglaube» sey, dießist eine Weisheit, welche über die ganze Bildung des achtzehnten Jahrhunderts undAlles, was von ihrem Erbe zehrt, sich ausgebreitet hat. Häufig tritt sie mit derbenKraftwörtern auf, manchmal erscheint sie in gelinden und zierlichen Wendungen, nöthigenFalles umgibt sie sich mit senlimeutalem Dufte; aber immer und überall verfälscht siedie ganze Weltauffassung. Sie liebkoste mit Mvhamedanern, Juden und Peruanern;das Christenthum kam vor ihrem Nichtcrstnhle überall zu kurz, und sollte im Namender Verminst sich einer großen Läuterung unterwerfen. Der Geistliche möge thun,wofür er bezahlt sey, nur hüte er sich, zu tief in die Herzen einzugreifen. Moral soviel als man wider Diebstahl, Betrug und Gewaltthätigkeit braucht; ehrerbietige Scho-nung für den Irrthum in Glaubeussachen, dann die Versicherung, daß Gott ein guterBater sey; dieß und nicht mehr gehöre auf die Kanzel.. Der Laie möge seine Kindertaufen und seine Todten einsegnen lassen; auch wenn es denn durchaus seyn müsse,alle Sonntage in die Kirche gehen und alle Jahre dem Beichtvater mittheilen, daß erein ordentlicher Mann sey, welcher an sich wenig oder gar nichts auszusetzen finde.Dieß war Alles, was man vor der Hand noch erlauben wollte. Diese Botschaft desUnglaubens und der Verflachung drang auf Jeden, welcher an der Bildung ver ZeitAntheil nahm, von allen Seiten herein. Sie erfüllte die Literatur in Prosa undVersen und stieg bis zu den Kalendern hinab, sie erscholl auf der Bühne, sie bekamin den geselligen Kreisen die Oberhand. Und so geschah es denn, daß in größerenStädten und so weit als der Einfluß ihrer Bildungszustände reichte, große Zerstö-rungen angerichtet wurden. Das christliche Gepräge entwich aus den gesellschaftlichenBeziehungen und meistens anch von dem häuslichen Herde. Die frommen Christen,an welchen eS nicht gebricht, stehen vereinzelt da, und ihr Beispiel geht für ihre Mit-brüder größtentheils verloren. Auch wagen sie nur selten, eS offen hervortreten zulassen; denn sie glauben daS Vorurtheil schonen, der Sitte ein Opfer bringen zu sollenund durch ein blindes Hineinstürmen wird freilich wenig gewonnen. So gibt sichdie erschreckende Erfahrung kund, daß di? Frömmigkeit ihres belebenden Einflusses sogarim nächsten Bereiche verlustig gcht> daß die besten Leute nur schwache Versuche machen,in dem eigenen Hause christliche Ordnung herzustellen, daß fromme Eltern fast beiden Kindern um Duldung ihrer Andachtsübungen anhalten müssen. Allerdings bleibe»bei den Landgemeinden im Großen und Ganzen noch Glauben und kirchliches Lebenausrecht; allein man täusche sich nicht! Wenn in den geistigen Zuständen der tonan-gebenden Classen nicht ein tkefeingreifcnder und nachhaltiger Umschwung vorgeht, sowird die Entkräftung der höheren Ueberzeugungen auch bei dem Landvolke langsam undfast unmerklich vorwärts schreiten. Ist dieß in weitcrem Bereiche und bis zu einemgewissen Grade geschehen, so ist der Boden der Geselligkeit unrettbar untergraben.
Die so zahlreichen Gläubigen, zu deren Leitung ich berufen bin, bewohnen demgrößeren Theile nach eine mächtige, glänzende Hauptstadt, oder stehen unter demtäglich erneuerten Einflüsse derselben. Um so dringender ergeht an mich die Auffor-derung, meine und meiner Mitarbeiter Thätigkeit darauf zu richten, daß die katholischeUeberzeugung in verjüngter Kraft sich erhebe, daß sie rüstig inS Leben eintrete und dieMacht der christlichen Sitte, wo sie gebrochen ist, wieder herstelle. Der Herr scheintuns den Weg bahnen zu wollen. Er hat zu den Kindern der modernen Bildung,