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weil sie das sanfte Wehen seines Geistes nicht mehr hören wollten, mit Stimmen desDonners geredet. Und doch hat er keine verheerende Senchc gesandt, keinen Senna-herib als seine Znchtruthe ausziehen lassen; er hat die Welt bloß ihrer eigenen Weis-heit übergeben; er hat bloß gestattet, daß die Herolde des Fortschrittes zur Machtgelangten und mit ihre» Plänen zur Beglückung der Menschheit einen ernstlichen An-fang machten. Als Freiheit und Ausklärung die Larve des Lächelns abwarfen undnach Dolch und Brandesfackel griffen, da erschrackcn jene, welche im vollen Ernstegeglaubt hatten, Zusammenrottumgen, Katzenmusik, Coustitutionen auf Papier oderPergament seyen der gerade Weg zum irdischen Paradiese; es erschrack die weit größereMenge, welche dem Anstoße des Augenblicks ohne viel Nachdenken gefolgt war. Viele,welche früher jede kraflvolle Bethätigung der christlichen Gesinnung als Aberglaubenverhöhnt hatten, schrien in der Angst nach der Religion uud wünschten nichts Besseres,als daß die Gemüther durch den Richter der Lebendigen und Todten beschwichtigtwürden. Damit war dem Heiligen eigentlich nur als einem nützlichen Dinge gehul-digt; allein Gott ist ein geduldiger Lehrmeister. Als der Herr seinen Jüngern amSee Genezareth erschien, gab er sich ihnen nicht sogleich als ihren Gott und Heilandzu erkennen. Sie hatten die ganze Nacht hindurch vergeblich gearbeitet und nichtsgefangen; er aber sprach zu ihnen: Werfet das Netz an der rechten Seite aus undihr werdet finden. Sie gehorchten, .und siehe! vor Menge der Fische vermochten siedas Netz kaum zu bewegen. Da sprach Johannes zu Petrus : Es ist der Herr!und fortgerissen von dem Dränge seines Herzens sprang Petrus ohne zu säumen indie Wellen und erreichte schwimmend das Gestade, wo sein Erlöser stand. Da dieWelt das Reich Gottes als etwas Ueberflüssiges und Lästiges ablehnte, ließ der Herrvorerst sie fühlen, daß das Christenthum doch auch für die Sicherheit des LebenS undEigenthums etwas sehr Schätzbares, ja Unentbehrliches sey. Aber Mancher empfingbereits einen Funken der Erkenntniß, in deren Lichte Johannes ausrief: Es ist derHerr! und Mancher fühlt Etwas von dem Dränge, mit welchem Petrus zu demMeister hineilte.
(Schluß folgt.)
Unser Nachbarland Belgien , welches in der neueren Geschichte einen so höchstmerkwürdigen Entwicklungsgang genommen, ist durch die Vermählung einer Tochterdes österreichischen Kaiserhauses mit dem Herzog von Grabant wiederum in eine nahennd innige Beziehung zu Deutschland getreten. Belgien ist seinem ganzen Wesen nach,durch Sprache, Sitte, Geschichte, ein deutsches Land, und die Vorsehung hat es ver-hüten wollen, daß das schöne Land nicht gänzlich dem verderblichen französischen Ein-fluß anheimsiel. Die alten Ueberlieferungen von Carl V., von Maria Theresia sind in dem Herzen der belgischen Nation nicht verwischt und lebten neuerdings auf,als die jugendliche Braut von Wien nach «Belgien reiste, um dem Herzog vonBrabant die Hand zu reichen. Die Stadt Brüssel, wo die Vermählung stattfand,war schon Zenge anderer erhebender Scenen.
Am 25. October 1555 waren die allgemeinen Stände und die Repräsentantenaller Städte im Palaste zu Brüssel versammelt, um der feierlichen Abdankung KaiserCarls V. beizuwohnen. Ungefähr um 3 Uhr Nachmittags erschien der kranke Kaiserim Saale; er stützte sich ans einen Stock und lehnte sich mir der andern Hand andenselben Wilhelm von Oranien , der später der größte Feind seines Sohnes werdensollte. Philipp, aus Spanien gerufen, folgte ihm nebst seiner Schwester, der Statt-halterin Maria. Die Versammlung war außerordentlich zahlreich, und mehrere ge-krönte Hänptcr, die Geistlichkeit, die vornehmsten Edelleute und die Gesandten derfremden Mächte waren gegenwärtig.
Die Sitzung wurde durch eine kurze Anrede Philiberts von Brüssel im NamendeS Kaisers eröffnet, in welcher er. erklärte, daß der Fürst wegen seiner leidenden Ge-