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sundheit die Last der Regierung abgeben und unter dem wärmeren Himmel Spaniens Linderung für seine Leiden suchen wolle. Vorzüglich wurde darin auf die Nothwen-digkeit, dem katholischen Glauben treu zu bleiben, und auf das Unglück, welches eineSpaltung für die Niederlande unvermeidlich herbeiführen müsse, aufmerksam gemacht.
Während die ganze Versammlung von dieser Rede ergriffen, stillschweigend sichtraurigen Gedanken hingab, stand der noch immer große Kaiser wankend auf und gabein Zeichen, daß er reden wolle. Er begann mit schwacher, fast unverständlicherStimme. Als er jedoch die Versammlung, an seine Kriegsthaten erinnerte, beseelteihn seine vorige Kraft. Seine Stimme wurde voll und stark; er richtete sich auf;aus seinen Augen schössen Feuerstrahlen, und es war noch der gewaltige Kaiser Carl,der folgende Worte sprach: „Ich bin neunmal nach Deutschland gezogen, sechsmalnach Spanien, siebenmal nach Italien, zehnmal nach den Niederlanden , viermal nachFrankreich, zweimal nach England, zweimal nach Afrika ; ich habe achtmal daS mittel-ländische Meer und zweimal den spanischen Ocean durchkreuzt." Dann mit der Ge-schichte seiner Heldenthaten fortfahrend, erhielt seine Stimme immer mehr Kraft, biser, von inniger Rührung ergriffen, solgendermaaßen schloß: „Der Friede sey mitEuch, meine niederländischen Unterthanen; bleibt vereinigt durch Gefühle gegenseitigerFreundschaft, schenkt den Gesetzen den Gehorsam, den man ihnen schuldig ist, achtetvor Allem darauf, daß die Ketzereien, die in den benachbarten Landen sich verbreiten,keinen Zugang zu Euch finden; wenn Ihr bemerkt, daß sie unter Euch Wurzel fassen,rotret sie aus, denn sie würden eine allgemeine Umwälzung herbeiführen. Um auchEtwas von mir selbst zu sagen, ehe ich schließe, muß ich gestehen, daß ich währendmeines Lebens ohne Zweifel viele Fehler begangen habe, sey es durch die Unwissenheitmeiner Jugend, sey es durch Hochmuth in meinen spätern Jahren oder durch irgendandere der menschlichen Natur eigenthümliche Schwächen; aber ich erkläre hier, daßich nie wissentlich oder willentlich Jemanden Gewalt oder Hohn angethan und auchnie geduldet habe, daß solches geschah. Ist eö dennoch der Fall gewesen, so war eSgegen meinen Willen; ich beklage eS aus Herzensgrund und bitte die Gegenwärtigenwie die Abwesenden um Verzeihung." Er sagte noch einige rührende Worte zu seinemSohne Philipp; aber dann drangen ihm die Thränen auS den Augen und er fielohnmächtig in seinen Sessel zurück. Kaiser Carl hatte vor den Augen der Völker wieeine strahlende Sonne geglänzt. Dieser Tag war seine Abendstunde, und gleich deruntergehenden Sonne hatte er während seiner Rede sich noch von aller Macht umgebengezeigt, die ihm Gott so milde geschenkt. Jetzt war seine Lausbahn zu Ende — dortlag er vor seinen weinenden Unterthanen, eine vom Sturm entwurzelte Eiche.
So mächtig waren alle Anwesenden ergriffen, daß kein einziges Auge trockenblieb bei dem Anblicke dieses rührenden Schauspiels und die Feierlichkeit unter demVergießen unzähliger Thränen ein Ende nahm, Kaiser Carl trat im folgenden Jahreden Thron von Spanien ebenfalls seinem Sohne Philipp, so wie die Kaiserwürbeseinem Bruder Ferdinand ab. Er begab sich darauf nach Spanien , wo er in einemThale von Estremadura im Kloster zu St. Just ein ruhiges, bußfertiges Leben führte,bis der Tod im Jahre 1558 den leidenden Helden von der Erve wegnahm.
Dieselbe St. Gudula-Kirche zu Brüssel , wo jetzt die Vermählung der öster-reichischen Erzherzogin mit dem Herzog von Vrabant stattfand, war im Jahre 1780Zeuge einer Trauer, wie sie kaum zu einer andern Zeit in Belgien gewesen. Damalswurde die Todtenfcier für die verstorbene Kaiserin Maria Theresia gehalten.„Nie," so erzählt der Geschichtschreiber Conscience in seiner Geschichte Belgiens ,»nie, man darf es sagen, war eine Betrübniß so allgemein, als diejenige, welche dieGemächer in Belgien bei der traurigen Kunde vom Tode Maria Theresia's ergriff. Man vergoß Thränen auf den Straßen und den Märkten. Jeder trauerte,als ob seine eigene Mutter gestorben wäre; bei der Todtenfcier in der St. Guvula-Kirche war nichts als Seufzen und Schluchzen. Der Fußboden der Kirche schimmertegegen den Schein des Tageslichtes, benetzt von den Thränen der Dankbarkeit unddes Schmerzes."