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Im Jahre 1748 war durch den Frieden von Aachen Belgien der KaiserinMaria Theresia wieder zugefallen. Jetzt kam der Herzog Carl von Lothringen,Schwager der Kaiserin und Statthalter der österreichischen Niederlande, in Personnach Belgien , um die dortigen Provinzen zu verwalten; er schlug seinen Hofhalt inBrüssel auf und verließ das Land nicht wieder.
Herzog Carl war ein tugendhafter Fürst, wohlwollend und freundlich, tapferund thätig. Von gewandten Staatsmännern unterstützt, rettete er die Angelegenheitendes Landes aus der schrecklichen Verwirrung, in welche sie seit langer Zeit gerathenwaren, und wußte Mittel zu finden, den öffentlichen Schatz durch ansehnliche Einkünftezu bereichern. Seine Minister achteten nicht immer die Vorrechte und Gewohnheitender Belgier , ja sie veranlaßten wohl mitunter die Unzufriedenheit derselben; aber dannhörten die Kaiserin und der Herzog deren Klagen mit so vieler väterlicher Güte anund behandelten sie mit so offenbarer Rechtlichkeit, daß ihre belgischen Unterthanen sichmanche Aenderung gern gefallen ließen. Alle Zweige der Industrie und des Handelsfanden die kräftigste Unterstützung; der Landbau blühete mehr als je; die allgemeineRuhe gab Allen neuen Murh; ein gewisser Wohlstand bilvete sich unter dem Volke,und man segnete dankbar den Namen Maria Theresia's , unter deren weiser Regierungman, wenn auch nicht im Reichthum, doch in Frieden leben konnte.
1756 bekam die Kaiserin Krieg mit dem Könige von Preußen . Bei dieser Ge-legenheit gaben die Belgier ihrer Fürstin einen Beweis ihrer innigen Liebe. Sieschenkten ihr einen Zuschuß von 16 Millionen Gulden und ein Heer von 12,0l)0Soldaten. Auch während deS Krieges, der erst 1763 endete, war ihnen kein Opferzu schwer, um der Kaiserin gefällig zu seyn. Die edelmülhige Neigung der Belgierrührte Maria Theresia tief, und sie begann jetzt mic wahrer Vorliebe für das Heildes Landes zu sorgen. Sie bemerkte immlich, raß Belgien nicht bloß in materieller,sondern auch in geistiger Hinsicht gesunken sey. In der That war auch alle geistigeEntwickelung wie tod, der Unterricht schlecht, alle Gelehrsamkeit verschwunden. Manschlummerte, einen bessern Zustand nicht kennend, in der tiefsten Unwissenheit. MariaTheresia gebührt die Ehre, das Signal zum Erwachen gegeben zu haben. Wenn sichdie Belgier später wieder erhoben haben auf die sittliche Höhe, die ihnen durch ihrangeerbteS Recht unter den Nationen zukommt, so darf man nimmer'die Fürstin ver-gessen, welche zuerst den Stern einer bessern Zukunft am Horizont der Zeilen ausgehenließ. Sie ließ den Unterricht zweckmäßig gestalten, gründete viele Schulen, ließ guteLehrbücher schreiben, stiftete zu Brüssel die kaiserliche und königliche Akademie der Wis-senschaften, beschenkte Antwerpen mit einer Kriegsschule und wandte überhaupt vieleandere Mittel an, um die Wissenschaften und Künste auS dem Schlafe zu wecken undwenigstens für eine spätere Zeir der Blüthe vorzubereiten.
Herzog Carl trug nicht minder zur Erreichung dieser lobcnSwerthen Zwecke bei.Ihm setzten die Stände von Brabant noch während seines Lebens 1777 ein Stand-bild. Bis zum Jahre 1780 erfreuten sich die Belgier der Wohlthaten ihrer gutenFürsten. Da traf sie ein zweifaches Unglück. Herzog Carl starb im Juli und diegeliebte Kaiserin am 29. November desselben Jahres.
So lebendig ist die Kaiserin Maria Theresia im Andenken der Belgier ge-blieben, daß ihr Andenken in den Liedern der Kinder sich erhalten hat. „Diese edledeutsche Frau," so sagt Gustav Höfken in seiner Schrift „Vlämisch-Belgien", „lebtin Belgien noch heute wie eine Art Heilige in dem Gedächtnisse des dankbaren Land-volkes und der kleinern Städte, ja selbst die Bürgerclassen der größern Städte preisendie fast vierzigjährige Regierung der „guten Kaiserin" als das non plus ultra glück-licher Zeiten. Nur ein Theil der höhern Classen, die sogenannten neuen Reichen(nieu'iven k^ice, im Gegensatz zu den edlen und angeschensten Familien, die den alt-vaterländischen Wesen treu geblieben, den ouclen kiz-ko), hat mit der frühern ruhm-reichen Geschichte Belgiens auch die Tochter Carls IV. und die Mutter Josephs II. vergessen. In Antwerpen und andern vlämischen Städten ist eS noch Brauch, daßKnaben, selbst ältere Leute aus dem Volke, zur Weihnachtszeit Abends vor den Thüren