Vr-yehnt-r Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augsburger PgkMlung.
2. October M- ^ß»
Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Sonntage» Der halbjährige Abouncmentsprei»5tt fr., wofür e« durch alle köuifll. daher. Postämter und all« Buchhandlunge» bezogen werde» kau«
Joseph Ottmar von Rauschers, Fürsterzbischofes von Wien ,Hirtenbrief an alle Glaubige der Erzdiöcese Wien .
Joseph Othmar , von GotteS und des apostolischen Stuhles Gnaden Fürst-erzbischof von Wien , Doctor der Theologie .c. .c., Ritter v. Rauscher, allen Gläu-bigen der Erzviöcese Wien Heil und Segen vom Herrn!
Eine treue Mutter bewacht das Kind ihrer Schmerzen mit zärtlicher, unab-lässiger Sorgfalt. Sie trägt eS auf ihren Armen, sie säugt eS an ihrer Brust, sieläßt es in ihrem Schooße schlummern. Beginnt eS die noch unsichern Schritte zuprüfen, so hält sie es aufrecht, wenn es wankt, und reicht ihm die Hand, wenn esermattet. Auch dem Knaben, welcher ihrer Leitung nicht mehr zu bedürfen glaubt,solgt sie geduldig nach. Sie zeigt ihm den rechten Weg, sie warnt ihn vor jederGefahr, sie richtet ihn auf, wenn er strauchelt und fällt, sie reißt ihn zurück von demAbgrunde, an dessen Rand er nach dem Schmetterlinge hascht. Allein die Mutter-liebe in all ihrer Kraft und Lauterkeit ist nur ein Schattenbild der erbarmenden Huld,womit die ewige Liebe über all unseren Schicksalen und Erlebnissen waltet, und wennwir uns ihren Führungen ohne Widerstreben hingeben, so dürfen wir die Bahn desLebens mit ber Sicherheit kindlichen Vertrauens wandeln. „An den Brüsten wird maneuch tragen und auf den Knieen euch liebkosen; wie Einen, welchem, seine Mutter lieb-koset, will ich euch trösten." So spricht der Herr durch seinen Propheten. Ueberdem Großen, wie über dem Kleinen, über dem völlig Unscheinbaren, wie über dem,was auch vor den Menschen als wichtig gilc, waltet die Hand der Fälschung undordnet Alles zu unserm Heile; kein Haar fälil von unserem Haupte, zu dem derVater im Himmel nicht gesprochen: Falle hin! Wiewohl ich lebhast fühle, daß ichnicht würdig bin, dem Ewigen und Hohen als sein Werkzeug zu dienen, so glaubeich doch in dem Rufe, welcher mich zu Euch führt, theure Miterben der VerheißungenEhrifti, die Leitungen der göttliche» Fürsehung erkennen zu dürsen. Dieß ist derGrund, auf welchem meine Hoffnung ruht. Ich grüße Euch mit dem Gruße deSFriedens: denn ich komme zu Euch im Namen des großen Friedenöfürsten. SeineWorte sind es, die ich Euch zu bringen habe, sein Reich ist eS, nach welchem wirmiteinander pilgern wollen. Ich bringe Euch eine frohe Botschaft: denn ich bin ge-sandt, um die Würde zu verkünden, welche Euch einwohnt, um die Herrlichkeit zuenthüllen, zu welcher Ihr berufen seyd, um Euch dorthin einzuladen, wo Erquicknngist und Hilfe für Zeit und Ewigkeit.
Als der Sohn Gottes auf die Erde kam, schien an ihm und rings um ihnAlles nur Schwäche und Armuth, Beschwerniß und Erniedrigung zu seyn. Er warein zarteS, neugebornes Kind und hatte kein anderes Obdach, als eine rauhe Höhle,welche bloß Heerden zu beherbergen gewohnt war. Eine Krippe diente ihm statt derWiege und aus etwaö dürrem Grase war er gebettet. Zur selben Zeit aber leuchtete