Ausgabe 
13 (2.10.1853) 40
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Feste hielt, als man daS Bild der Göttermutter unter betäubendem Paukenschall undwildem Gesänge umhertrug, während die Priester des Wahnes sich mit Messern ritzten,stürzte mancher Jüngling wie von Wuth ergriffen hervor und wandte die scharfen,bereit gehaltenen Schwerter wider sich selbst. Wir haben AehnlicheS erlebt. Eineernste Zeit der Entscheidung liegt nicht sehr weit hinter uns. Von denjenigen nuu,welche damals an dem Werke der Zerrüttung und Zerstörung arbeiteten, wußten freilichdie Wenigsten, waS sie thaten; Jene, welche es wußten, waren arößteutheilS von denBestrebungen groben Eigennutzes geleitet, und sie Schwärmer schelten hieße ihnen eineunverdiente Ehre erzeigen. Aber es fanden sich darunter doch auch Solche, über welcheein schimmerndes Wolkenbild Gewalt übte. Der trügerische Schein, womit die Zweckedes Umsturzes prunkten, hatten sie wirklich geblendet; sie glaubten, etwas Höheresleuchte in sie hinein; sie suhlten sich in ihrem Innern gehoben und trachteten mit krank-hafter Ueberreizung dieß Gefühl auszubeuten; sie setzten für ein Wahngebilde Blutund Leben ein. Ich aber, theure Christen, bringe Euch dasjenige, was wirklich er-hebt und begeistert. Wir wandeln vor Gottes Angesichte und das Reich GottcS istdas uuö beschiedene Erbe. Wenn diese Ueberzeugung srischeS Leben gewinnt, so ver-leiht sie dem Geiste die Fittige zum wahren Aufschwünge: denn sie erweckt in ihmdas Gefühl seiner rechtverstandenen Würde und die Ahnung der himmlischen Güter.

Viele sonst erfahrene und verständige Leute lassen sich in Allem, waS den innigenAnschluß an Gott und sein Reich betrifft, durch eine fast kindische Furcht beirren. Esist ihnen, als werde durch die Ermahnung, cS mit dem Ewigen ernstlich zu nehmen,an sie die Znmuthung gestellt, Alles, waS sie lieben und ehren, aufzugeben. Sieirren aber. Wem ein kraftvolles Bewußtseyn der ewigen Bestimmung einwohnt, derwird ohne Zweifel Gott als das höchste Gut an den ersten Platz und alles Anderehinter ihn setzen. Aber jedes Ding gedeiht an seinem rechten Orte am besten. Derim Glauben wandelnde Christ kennt etwas Höheres als seine Gattin und Kinder;allein dadurch verklärt sich die Zuneigung, dadurch befestigt sich die Theilnahme, welcheer denselben zuwendet. Er sieht in seinen Kindern eine heilige Hinterlage, welcheder Sohn Gottes ihm anvertraut hat und dereinst zurückfordern wird. Er kennt dasBand unauflöslicher Pflichten, welches ihn an die Gattin knüpft, sie ist ihm Gefährtin,mit welcher er den Weg zum Himmel wandelt. Diejenigen, welche die Emancipationdes Fleisches predigen und Unterordnung der Gattenpflicht unter die wandelbare Be-gierde zn den Kleinodien ihres Reiches zählen, sind zugleich Feiude des Christenthums,und nnr daö Erbe der christlichen Ueberzeugung, welche sie mit unermüdlichem Hassebekämpfen, hat die Familie vor der Zerstörung bewahrt. Der Glaube, welcher denWeg zum Throne Gottes gefunden hat, gibt der bürgerlichen Gesellschaft ihre festeGrundlage und höhere Weihe. Der christliche Staatsbürger ehrt in dem LandeSfürftenGott, welcher ihn erhöht hat. Der christliche Landesfürst erkennt sich als einen DienerGottes zum Heile derer, über die er gesetzt ist. Fürst und Unterthanen sind Einesin dem, dessen Gesetz ihre höchste Richtschnur ist. Als den Gipfel politischer Weiskeilpries man vor Kurzem noch jene künstlich angelegten Einrichtungen, welche ans einunauslöschliches Mißtrauen und einen nimmer müden Kampf zwischen der Regenten,macht und dem Volke berechnet sind, und immer wieder endete die Sache damit, daßdas kostspielige Kunstwerk von der Revolution mit eiserner Faust zerschlagen wurde.Das Christenthum läßt diese Weisheit bei Seite liegen, weil es sie überflüssig macht.Auch im Heereslager schafft und adelt die christliche Begeisterung: denn ihr Abglanzist jenes ritterliche Ehrgefühl, welches der schönste Schmuck und die stärkste Waffe deSKriegers ist. Der Wissenschaft ist die Macht der christlichen Ueberzeugung kein Hemm-niß, sondern eine wohlthätige Führerin. Die menschliche Forschung hat in vielenGebieten Großes erreicht; sie hat viele Verhältnisse des Stoffes mit scharfem Blickerfaßt und ihnen die Ordnung vorgezeichnet, in welcher sie menschlichen Zwecken dienenmüssen. Hierin legt daS Christenihum ihr keine Hindernisse; höchstens ermahnt es,man möge den Gewinn, welcher daraus für die Befriedigung menschlicher Wünscheerwachse, nicht allzuhoch anschlagen, damit man sich nicht schmerzlichen Enttäuschungen