Ausgabe 
13 (16.10.1853) 42
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und rasselnden Trommeln den Anfang der Pujah verkündeten. Das unaufhörliche Ge-summe der ungeheuren Menge glich dem Rauschen der MeereSwellen, die in weiterFerne gegen eine felsige Küste schlagen. Schmerz, Freude, Klagen, Jubel, Gebete undGesänge, welche sich mit den Ausbrüchen des Wahnsinns oder dem Geschrei derFrömmler zu einem seltsamen gewaltigen Mißklang vereinten; die Hitze und das blen-dende Sonnenlicht, die vielen neuen und ausfallenden Trachten, daS Meer von dunklenGesichtern und hellfnnkelnden Augen, welches ringö um das mannigfaltige prachtvolleLaubwerk wogte uud einen eigenthümlichen Gegensatz zu der Anmuth und Lieblichkeitferner Hügel und Wälder bilvete alles dieß vereinigte sich zu einem Riesengebilve,daS ich nimmer zu vergessen aber eben so wenig zu beschreiben vermag. Meine Auf-merksamkeit ward indessen bald auf einige Zurüstuugen gelenkt, welche mau in meinerNähe machte. Ich hatte vorhin mehrere ungeheure Pfähle auf einer Anhöhe bemerkt,von welchen verschiedene eigenthümliche Instrumente an Seilen herabhingen, derenGebrauch ich nur vom Hörensagen kannte; dort entfaltete man jetzt eine geräuschvolleThätigkeit. Mehrere Fest- uud Pvlizeidiener «riebe» die Menge zurück, um einen freienPlatz ringö um einen der höchsten Pfähle herzustellen; dieß war eine sehr schwierigeArbeit, deuu die Menschenmasse war dicht zusammcngekeilt uud befand sich in einemziemlich aufgeregten Zustande. Trotzdem gelang ihnen endlich, und da ich deuRaum zwischen dem Ort, wo daS Schauspiel aufgeführt werden sollte, und meinemStandpunct von Neugierigen gesäubert sah, so begab ich mich in die unmittelbareNähe deö Pfahles. Diesen umschloß ein Kreis von Fakirs, einer Art von Einsied-lern, welche hoffen uud fest glaube», daß, wenn sie ihre Glieder in die verschiedensten,faum denkbaren und mögliche» Stellungen hineinzwängen, sie sich die Gewogenheit irgendeiner uuaussprechlichen Gottheit sichern uud damit einen allezeit fertt'gcn und znver-läßige» Paß zu irgend einem zukünftigen Zustande, von dem sie nicht den entfern-testen Begriff habe» wcu' ihre Frömmigkeit um so preiswürdiger macht. Unterandern sah ich dort ein unglückliches Wesen, dessen langes, verfilztes, schmutzig rothesHaar auf die Schulttr» herabhing und dessen einer verdorrter Arm regungslos überseinen Kopf hinausragte; derselbe war vor Zeiten in diese unnatürliche Stellung hin-eingezwängt worden; was dazumal eine Handlung des freien Willens gewesen, warjetzr ein Ding der Nothwendigkeit: der Arm wollte nicht mehr in seine ursprünglicheStellung zurückkehren, sondern starrte in fleischloser, scheußlicher Dürre zum Himmelempor. Ein anderer dunkeläugiger und dunkelhaariger Fakir hatte seine Hände seitJahren so fest in einander gepreßt, daß die langen, krallenartigen Nägel dnrch dieFlächen derselben gewachsen waren und 5uf der Rückseite zum Vorschein kamen. Nochandere sah ich, welche ein dickes Seil im wahren Sinn des Wortes durch ihr Fleischgefädelt hatten, daö ihren Körper in vielfacheil blutigen Windungen umschlang; auchwaren mehrere junge Frauenspersonen da, deren Nacken uud Schultern eine Menge tiefins Fleisch gebohrter scharfer kurzer Nadeln zur Schau tragen. Ein Mann, undzwar eiu noch sehr junger Mann, hatte sich eine Art von Wurfspieß gerade durch denfleischigen Theil seines Fnßes getrieben, so daß der dicke hölzerne Griff dem Bodenzugekehrt war, und schien im Gehen durchaus keine Unbequemlichkeit davon zu spüren.So gab es noch unzählige andere, welche sich alle selbst verstümmelt, gefoltert, gespießtund wie Geflügel, waö zum Braten auf's Feuer gebracht werden soll, aufgezäumthatten. Der Gegenstand aber, auf welche» sich alle Blicke richtete», war einjunges hübsches Weib, fast noch ein Kind in Haltung nnv Geberde, welches so trau-rig und doch so ruhig und beinahe glücklich auf dem Boden saß, daß ich mich nichtüberreden konnte, man wolle ein so juuges und schönes Wesen aus eine so barbarischeWeise martern. Und dennoch war es so. Ihr Gatte hatte nämlich vor mehrerenMonaten eine gefährliche Reise nach einem entfernten Lande angetreten, und als erüber die Zeit ausblieb uud sich Gerüchte über seinen Tod verbreiteten/gelobte sie, dieangstvolle Gattin, dem Schiwa, dem Beschützer des Lebens, sich bei seinem nächstenFest einer Selbstpeinigung zu unterziehen, wenn ihr Mann unversehrt heimkehre; dieserwar zurückgekommen, und daö aufrichtige, treue Geschöpf war nun im Begriff, sich