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denn nur von Oben kommt uns die Hilfe und Gott allein ist unser Schutz und Schild.Von den Mächten der Welt verlassen, ihres reichen Eigenthumes bar, jedeS nationa-len Einflusses ledig, hat die Kirche nur mehr ihre Wurzeln in dem Gewissen der Ein-zelnen, lebt sie an vielen Orten allein von den Almosen ihrer Kinder, und härtet sichin der Armuth und Verlassenheit, in dem Schweigen und Seufzen deS Gebetes fürdie schweren Kämpfe, die sie schon zu bestehen hat, und die schwereren, die ihrerwarten. Wollt Ihr als ihre getreuen Kinder Euch bewähren: so zanket nicht undhadert nicht, wie sehr man Ench von vielen Seiten anch dazu herausforderte. LassetEuch nicht erregen und erbittern, wie hart und schmerzlich Ihr Euch anch in Eurenheiligsten Gefühlen und theuersten Besitzihümeru verkannt sehet. Lasset Euch aber auchnicht entmulhigeu und zaghaft machen, wenn schwere Heimsuchungen Eure Treue undGeduld prüfen und heiße Kämpfe und Opfer von Euch fordern. Ringet vielmehrdarnach, täglich zu wachsen in der Erkenntniß des Glaubens und seiner göttlichenWahrheit, welche unsere persönliche Würde und Beruhigung immer erheischt, diegegenwärtige Zeit aber gebieterisch fordert. Lasset Euch jeden Rath, jede Uebung,jedeS Gebot der Kirche wichtig seyn und lernet ihren Segen durch das Leben erproben,dann werdet Ihr inne werden: ob sie ans Gott sind, oder eitel Menschenwerk. Seh?tauf das Unsichtbare, nicht ans das Sichtbare, „denn das Sichtbare ist zeitlich, dasUnsichtbare ewig. Wachet und achtet auf die Zeichen der Zeit und nehmt Euch dasVerhalten der ersten Christen zum Muster, die, wie Ihr, von einer Welt umgebenwaren, welche sich gegen den Glauben verschworen hatte, während sie selbst in ihrenGrundfesten wankte und bald in Trümmer sank. Betet und erhebet Eure Herzen zuGott früh und spät, für die Kirche nnd ihre Vorsteher, für den Kaiser und seineRegierung, für das eigene Heil und daS Heil alles Volkes, „denn das Gebet ist,"wie der heil. Bonaventura sagt, „die Waffe der Christen. Wie der Krieger in seinenWaffen bleibt, so verharret der Christ im Gebete," bis der Kampf ausgekämpft istund übergeht in den Sieg und die getreu erfunden sind bis ans Ende, um den Thrcndtö Lammes versammelt, ihr Halleiuja singen im Chöre der Seligen.
In diesem Hinblicke, Geliebteste! ende ich mein erstes Hirtenschreiben an Euchmit dem Worte, das eiust der heilige Gregor von Nazianz bei ähnlicher Veranlassunggesprochen: „Hier hast Du mich, o Vcrer! den gänzlich Ueberwundenen, mehr durchChristi Gesetz, als äußere Nöthigung Deiner Herrschaft unterworfen. Den Gehorsambringe ich, gib den Segen. Führe mich mit Deinen Gebote», gehe voran mit DeinemWorte, stütze mich mit Deinem Geiste. Denn dcS Vaters Segen befestigt die Häuserder Söhne. Und o, daß wir befestiget würden, ich und dieses geistige Hauö, dasich mir erwählt habe, das ich mir zur Ruhestätte wünsche in die Ewigkeit der Ewig-keit, wenn ich hinausgehoben bin von dieser Kirche zur himmlischen und zu s.inergefeierte» Schaar der CrstlingSblülhen, die in den Himmeln verzeichnet sind. Unddieß ist meine Bitte, eben so billig als geziemend: Der Gott dcö Friedens, der auöBeide» Eins gemacht, der uns einander geschenkt hat, der die Könige auf die Thronesetzt, die Armen von der Erde erhöht nnd die Dürftigen aus dem Staube erhebt,der den David, seinen Diener, erwählte nnd von den Heerden hiuwegnahm, den jüng-sten der Söhne Jesse'S, der zum Dienste des Evangeliums den Evangelisten das Wortverleiht mit großer Kraft: Er ftlbst möge halten unsere Rechte, nach seinem Willenuns führen und glorreiche Aufnahme bereiten. Er weide die Hirten und leite die Führer.Er verleihe Tugend uud Stärke seinem Volke und stelle sich dar eine glänzende Heerde,damit wir Alle, die Heerde und die Hiricn, in seinem Tempel Ihn verherrlichen inChristo Jesu, unserm Herrn, dem da sey jegliche Glorie in die Ewigkeit der Ewigkeiten.
Seine Gnade sey mit Euch Allen. Amen.
Gegeben Brcölau, am Feste des heiligen Lukas, dem Tag meiner feierlichenCansekratwn, 1853. Heinrich.