Ausgabe 
13 (27.11.1853) 48
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war elegant; er war etwas aufbrausend, dennoch aber höflich; er hatte etwas Aus-gezeichnetes und Anstandvolles in seinem Benehmen. DaS Gespräch meiner Schüler,wie man es sich leicht denken mag, war selten sehr erbaulich; Hermann gab mitWohlgefallen sein Wort dazn; mehrere Mal erzählte er ohne Umstände von seinenEroberungen, von seinen Abenteuern, von den Lustpartieen, die er mit seinen Freun-den gemacht. . . > Nachdem er nun ungefähr fünfzehn Stunden bei mir genommenund schon so ziemliche Forlschritte gemacht halte, denn er hatte entschiedene Anlagefür das Sprachstudium, verschwand er mit einem Male plötzlich. . . . Damals wohnteer in der Rue de Provence Nr. 3V, verließ aber bald darauf diese Wohnung. Esverflossen so mehrere Monate; ich erkundigte mich bei einem seiner Freunde nach derUrsache seines Verschwmdens. Dieser Frennd antwortete mir, daß mein ehemaligerSchüler, durch tolle Verschwendung zu Grunde gerichtet, gezwnngen war, durchzu-gehen und wahrscheinlich im Auslande lebe. Ich hörte nichts mehr von ihm, bis ichim Laufe oder gegen Ende des JahreS 1847 einst ganz unerwartet auf Hermann inder Straße St. Dominiquc stieß. Ich wollte gerade in die Kirche Samt-Valkregehen, wo das Hochwürdigste ausgestellt war. Mein Erstaunen wurde noch mehrerregt beim Anblick der Haltung und der Kleivung dieses jungen ManneS. Er warblaß, sein Blick hatte ein ausfallendes Gepräge von Bescheivenheit; seine Toilettebesonders war ganz geändert: anstatt-eines nach der Mode zugeschnittenen Fracks,eines feinen Castorhu s und Glanzstiefeln, trug er einen langen Ueberrock, einen Filz-hut mit breiter Krempe und gemeine Schuhe. Er ging auf mich zu, sagte mir,daß er noch mein Schuldner sey, und brachte einige Entschuldigungen vor.WissenSie auch"", fuhr er fort,daß ich jetzt ein Katholik bin?"" Wahrlich nein, ant-wortete ich etwas.kalt, weil ich die Aufrichtigkeit dieser Mittheilung bezweifelte. WennSie mich einige Schritte begleiten wollen, sagte er, so will ich Sie davon überzeugen,Er führte mich in die Rue de l'Universits Nr. 102 in den zweiten Stock. Da hatteer sein Zimmer, dessen Mobilien kaum diesen Namen verdienten, aber dennoch merk-würdig waren. Sie bestanden in einer eisernen Bettstelle mit äußerst einfachem Bett-gcräthe, in einem Koffer, einem Piano, einem Crucifir, einer kleinen Statuette derMutter Gottes und zwei kleinen Tafeln, die heilige Theresia und den heiligen Augu-stinuS vorstellend.Sie sehen also,"" fuhr er fort,daß wirklich an dem ist. Nunwill ich Ihnen mir wenigen Worten die größte Begebenheit meines LebenS erzählen.""Und Hermann erzählte mir diese Begebenheit in einem Tone von hinreißender Innig-keit ungefähr mit folgenden Worten:

Als ich Ihre Bekanntschaft machte, war ich ausschweifend, unmäßig undallen möglichen Schwelgercien, allen Irrwegen der Jugend ergeben; die Nachwehendieser Unordnungen waren herb. Als all' meine Habe dahin war, begab ich michzu meinem Vater nach Hamburg ; aber er war unwillig über meine schlechte Auf-führung, und schlug mir mein Ansuchen ab. Ich bereiste dann Deutschland und fandin allen großen Familien eine glänzende Aufnahme. Die Concerte, die ich gab,gelangen nach Wunsch, ich wnrde mit ei-cr Auszeichnung, deren ich sehr unwürdigwar, am Hofe des Großherzogö von Mecklenburg-Schwerin aufgenommen. Dochverschwendete ich das Geld noch schneller, als ich es erwarb; der Gedanke deSSelbstmordes beschlich mich öfters, so schrecklich waren die Niederlagen, die ich amSpieltische erlitt.

Ich begab mich aufs Neue wieder nach Paris ; ich gelangte allda bald wiederzur glänzenden Lage, die ich vorher hatte. AlleS gelang mir, mein Erfolg war bei-nahe unglaublich. Ich wurde das Schooßkind des Fauvourg St. Germain, und da-vnrch der Liebling und der Götze der Mode. Mein Geist schwelgte in FortunensGunstbezeugungen und in einem Meere von Genüssen; ich sah weder vor- noch rück-wärts und lcbre so in den Tag hinein, unbekümmert für die nächste Zukunft. Diese,in den Augen vieler Menschen s>i schöne, so beneidenSwcrlhe Existenz ließ mir keineMuße zum Ueberlegen, und im Grunde wurde ich immer von innerer Unruhe geplagt.Ich taumelte so fort bis zum Maimonate vorigen JahreS. Damals wurde der Marien-