Ausgabe 
9 (23.12.1849) 51
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und sie bewirkt die Reinigkeit deS Herzens, welche ist die zweiteStufe in der Auffahrt. Dazu haben wir als Lehrer die Vorgesetzten,damit wir daS Herz reinigen. Dort ist endlich der dritte Grad dieVerachtung der Herrschaft, hier ist er die dritte Stufe dieFrucht der Erbauung. Wer aber kein Verlangen zu herrschen hat,der steht mit Frucht den übrjgen zu Belehrenden vor.

Wir behaupten, eS gebe vier Stufen der Himmelfahrt.Die erste geht zum Herzen, die zweite ist im Herzen, die drittegeht vom Herzen und die vierte über das Herz hinaus. Aufder ersten wird der Herr gefürchtet, auf der zweiten als Rathgeber gehört, auf der dritten als Bräutigam verlangt, aufder vierten als Gott geschaut.

105. Himmelfahrt Maria.

Die Menschen bewundern Maria, daß sie von der Erde zum Him-mel aufgenommen wurde. Sie sollen vielmehr den armen Christus bewun-dern, dir aus der Fülle der himmlischen Herrlichkeit Herabstieg. Denn cSscheint eine weit größere Bewunderung zu verdienen, daß der SohnGott unter die Engel erniedrigt wurde, als daß die Mut-ter Gottes über die Engel erhöht wurde.

106. Hingabe an Gott .

Lerne, o Christ, von CristuS, wie du Christen lieben sollst. Lernelieben süß, lieben klug, lieben tapfer. Süß, damit wir nicht ver-lockt, klug, damit wir nicht getäuscht, tapfer, damit wir nichtunterjocht und von der Liebe des Herrn abwendig gemacht werken.Damit du von der Eitelkeit der Welt oder von den Lüsten deSFleisches nicht verführt werdest, sey dir vor diesen süß die WeisheitChristi. Damit du nicht vom Wege abkommst durch den Geist der Lügeund deS Irrthums, leuchte dir die Wahrheit Christi . Und damitdu durch Widerwärtigkeiten nicht ermüdet werdest, stärke dich dieKraft GotteS, " Christus. Deinen Eifer entzünde die Liebe, un-terweise die Wissenschaft, stärke die Standhästig keit. Ersey feurig, er sey umsichtig, er sey unbesiegt. Er habe keineLaut gleit, er wisse zu unterscheiden, er kenne keine Furcht.

Angenehm und süß sey deiner Zuneigung der Herr Jesus gegendie bösartigen jüßcn Reize des fleischlichen Lebens, und eine Süßigkeitüberwinde die ankere, wie ein Nagel den andern treibt.

Auch tapfer und standhaft sey deine Liebe, und sie weichekeiner Furcht, und unterliege keiner Anstrengung. Lasset unS also zärt-lich, klug und stark lieben!

Gott ist die Weisheit, und er will nicht nur zärtlich, sondern auchweise geliebt werden. Denn wenn du die Weisheit vernachlässigest,wird der Geist deS Irrthums gar leicht über deinen Eifer spalten können.

Wahrhaft und eigentlich gehört allein der Seele jene Liebe zu, mitder sie etwas geistig liebt, z. B. Gott, Engel, Seelen; aber sie mußauch lieben die Gerechtigkeit, die Wahrheit, die Frömmigkeit, die Weisheit und andere Tugenden der Art. Denn wenn sie etwas nach demFleische liebt, oder vielmehr darnach verlangt, z. B. Speise, Kleidung,Herrschaft und anderlei fleischliche oder irdische Dinge, dann verdient siemehr den NamenLiebe des Fleisches," als der Seele.

Der Beweggrund, Gott zu lieben, ist Gott , das Maaß, ihnzu lieben, ohne Maaß. AuS zweifacher Ursache, sage ich, muß Gottwegen seiner selbst geliebt werden, weil nichts billiger und nichts nütz-licher ist, als ihn zu lieben. Denn viel hat er um unS verdient, ja er!hat sich unS ohne unsere Verdienste gegeben. Denn waS konnte er Besseresgeben, als sich selbst? Wenn also gefragt wird um daS Verdienst GotteS ,so ist eS ein vorzügliches,weil er unS zuerst geliebt hat." Erverdient also unsere volle Gegenliebe, besonders wenn man bedenkt,wer unS geliebt, welche er geliebt hat, wie sehr er uns geliebt hat.

Von einem Ungläubigen darf eS unS nicht so sehr wundern,wenn er Gott weniger liebt, den er auch weniger kennt. Doch auch einsolcher weiß, daß er sich demjenigen ganz schulde, den er als den Urheberseines ganzen DaseyuS erkennt. WaS soll also ich thun, der ich meinenGott habe nicht nur als den unverdienten Geber meines Lebens,sondern überdieß auch als meinen reichsten Erlöser und ewigenErhalter? ^

Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke, Herr,meine Veste, und meine Zuflucht, und mein Erretter, meinGott, mein Helfer," und endlich mein Alles, waS nur immer wünschenSwerth und liebenswürdig ist, ich will dich lieben nach deiner Ein-gabe und nach meinem Maaße, daS zwar geringer ist, als cS^seyu

sollte, aber doch unter meinem Können nicht zurückbleiben soll. Wenn ichauch dich nicht so viel lieben kann, als ich sollte, so kann ich doch nichtmehr dich lieben, als ich kann. Ich werde dich aber noch mehr liebenkönnen, wenn du dich würdigest, mir mehr Können zu schenken, doch nie-mals werde ich dick, so lieben können, wie du eS verdienst.

Nicht ohne Belohnung wird Gott geliebt, obschon er ohne Rücksichtauf Belohnung geliebt werden soll. Denn die wahre Liebe kann niemalsleer seyn. Wahre Liebe ist mit sich selbst zufrieden, und sie hat als Be-lohnung daS. waS geliebt wird. Denn WaS du immer anders zu liebenscheinst, so liebst du gänzlich daS, wohin daS Ziel der Liebe dringt, nichtdurch das es dringt. Wer nicht liebt, dem wird kein Lohn verheißen, demLiebenden gebührt er, dem Ausharrenden wird er gegeben. Wenn wirGott lieben, verlangt die Seele keine andere Belohnung außer Gott : wennsie aber etwas anders verlangt, so ist eS gewiß, daß sie dieses Andere,nicht aber Gott liebt.

Durch Schmeicheleien nicht abwendig gemacht, durch Täuschungennicht verführt, und durch Unbilden nicht muthlos werden, das ist Liebenaus allen Kräften.

Umschau.

Unter den alten Griechen gab es nicht bloß große Künstler, sondernauch geschickte Wortverdreher oder Sophisten, die alles Unmögliche zu be-weisen verstanden. So hat der Meister Chrysippos den Satz aufgestellt:Wenn du von einem Gegenstände redest, so geht dir dieser Gegenstanddurch den Mund; wenn du also von einem Schubkarren redest, so gehtdir der Schubkarre» durch den Mund." WaS kann klarer seyn? Man lerntdaraus die Ursache, warum von denjenigen Dingen, von welchen am mei-sten gesprochen wird, oft am wenigsten g eschie ht. Sie sind eben durchden Mund gegangen. Und waS soll man, nach dieser Voraussetzung, vonder deutschen Einheit halten? ES ist neuerdings von zwei großenMännern wieder geredet worden: Heinrich von Gagern , dem ehemaligenPräsidenten in der Paulskirche, und Professor GervinuS, dem ehemaligenProtektor der Deutschkatholiken. Sie feierten ihre Zusammenkunft am 5. d.in DeideSheim, um mit Ausschluß Oesterreichs den engern Bundcöstaataufs neue zu besprechen. Sie verzehrten dabei zum Andenken KaiserCarl's des Großen einen Kalbsbraten, weil dieser des großen KaisersLieblingsspeise war. Die böse Welt erzählt: der Braten sey sehr zähe undhart gewesen, und sie hätten ihn kaum hinunter gebracht; allein Gagern,der Mann deS kühnen Griffs, habe seinen Gast ermuntert zu einem küh,nen Schluck, und da sey eS mit Hilfe deS Deidesheimer Rebensaftesgelungen. In der That, da sie eben vom neuen Kaiser redeten, war eSwohl schwer, daß noch ein anderer Gegenstand durch den Mund gehen sollte.

Glücklicher und glänzender ist beidcS: Essen und Reden, am 9. Dec.bei dem großen Bankett von Statten gegangen, welches in Paris durchDupin, den Präsidenten der Nationalversammlung, dem Präsidenten derRepublik zu Ehren veranstaltet wurde. Bei dem zweiten Feste, zum Jah-restage seiner Erwählung (10. Dec.) hielt der letztere eine gedrängte undgediegene Rede. Er sagte darin: daß der Sterbliche eine unwiderstehlicheKraft gewinnt, wenn er vor sich ein großes Ziel zu erreichen, und hintersich eine große Sache zu vertheidigen sieht, nämlich daS Ziel der Befesti-gung der Religion, Moral und gesunden Politik, so wie die Sache derweisen und heiligen Freiheit, und des Wohlstandes der arbeitenden Classen.Die Rede fand den lebhaftesten Beifall. WaS würde jedoch unser SophistChrysippoS dazu sagen?Wieder eine gute Sache und ein großes Zieldurch den Mund gegangen!"

Inzwischen geht eS doch in Frankreich anders als in Deutschland .Dort ists mit dem bloßen Reden nicht abgethan; die Gerechtigkeit wirdstreng geübt. So ist daS revolutionäre Journal la keuplo (daS Volk")unterdrückt, fünf Redacteure desselben sind in Haft; zwei davon lebens-länglich; Einer von ihnen, Duchöne, war seit 8 Monaten in 12 Processenzusammen zu 29 Jahren Gefängniß und 59,400 Franken Geldbuße verur-theilt worden. In Deutschland wird die Gerechtigkeit mehr und mehrzum bloßen Geschreibe und Gerede. Der Sprachlehrer Grünhagen hattezur Zeit deS Dresdner KampfeS geäußert: daS HauS Hohenzollernmüsse zertrümmert werben, daS Reich Friedrich'S deS Großen werde durchseine elenden Nachfolger, von denen einer dümmer sey, als der andere, inven Koth getreten. Die Frage an die Geschwornen: ob durch diese Wortedie Ehrfurcht gegen daS jetzige Staatsoberhaupt verletzt sey? wurdeverneint, und somit der Angeklagte freigesprochen. Das heißt doch wahr-lich Kanüle schlucken! Aber ein Sprachlehrer muß eben viel reden, undReden werden nicht als Thaten betrachtet. (Oest. V.-Fr.)

Verantwortlicher Redacteur : L. Schönchen.

Verlags-Inhaber: F. C. Krem er.