will ich ins Spital gehen." Bei diesen Worten umschlang das junge Mädchen seineMutter mit beiden Armen, bedeckte sie mit Küssen und Thränen und schluchzte unterSeufzern: „Mutter, meine gute Mutter, warum sprichst Du so? . . . Nein, Du gehstnicht ins Spital . . . Auch ich will Tag und Nacht arbeiten. Wenn es sein muß, soernähren wir uns hier beide zusammen ... So lange ich Arbeit habe . . ."
Man kann sich leicht denken, wie dem Künstler zu Muthe war; er war ties ge-rührt, und die Thränen entströmten seinen Augen . . . Die letzten Worte des jungenMädchens waren eine Offenbarung für ihn. „Was arbeiten Sie?" fragte er dasselbe. —„Ich bin Näherin." — „Gut, einer meiner Freunde hat Hemden zu machen, ich werdesie Ihnen herbringen." Des anderen Tages erschien er mit einem Ballen Tuch, den ermit seinem Gelde bezahlt hatte. Er ließ einen Arzt holen, den er für einen seinerFreunde ausgab, der aber aus seiner Börse das theuere Honorar bezog. Der Arzt bestä-tigt, die arme Wittwe sei nur krank wegen Armuth und Entbehrungen. Er verordneteeine gute Nahrung, Fleischbrühen und kräftiges Fleisch; nichts durfte fehlen. Der gureKünstler, welcher bisher nur halbe Tage gearbeitet, änderte dieselben in Tage um, undzwar unter dem Spotte seiner Freunde, die seinen Fleiß und seine Zurückgezogenheitverspotteten. Er hatte aber einen wahren Schatz gefunden: das Glück der Arbeit undOrdnung.
Die Lage der beiden Frauen hatte sich indessen wesentlich verbessert. Behaglich-keit war an die Stelle der Noth getreten. Bei seinen öfteren Besuchen hatte der Künstler
die edlen Eigenschaften des jungen Mädchens kennen gelernt, das durchaus nicht für das
Leben der Armuth bestimmt schien. Der junge Künstler, welcher, wie so viele Andere,bisher nur von einer reichen Verbindung geträumt hatte, nur an Lurus gedacht, verlangtevon der Mutter Die zur Ehe, welche nichts mitbrachte, als eine schöne Seele ....
Wenige Tage nachher segnete die Kirche ihre Verbindung. Der Segen des Himmels
wird ihnen gewiß nicht ausbleiben.
Recept zur Dämpfung eines Bolksaufstaudes.
* Im Jahre 18^8 war in einer kleinen französischen Provinzialstadt ein Aufruhrausgebrochen; ein Bataillvnscommandant wurde zur Dämpfung dorthin beordert. Der-selbe war ein munterer, jovialer Soldat, dem es nicht darum zu thun war, Blut zuvergießen, und er wendete deshalb ein ganz eigenthümliches Mittel an, den Aufstand zuüberwältigen, ein Mittel, das in nichts Geringerem bestand, als in seiner ausgezeichnetschönen Stimme. Als er vor dem Volkshaufen ankam, der aus Revolutionären allerSchattirungcn bestand, sah er, wie ein Redner von seinem Karren herab die Masse haran«guirte und die Köpfe erhitzte. Der Commandant ließ ihn Herabsteigen und nahm sogleichseinen Platz ein, indem er ausrief: „ES ist noch nicht genug gesprochen worden, jetztkommt erst noch die Reihe an mich!" und damit stimmte er vor der erstaunten und ver-blüfften Menge ein altfranzöstscheS Lied an, das bet den Aufrührern sehr bald ein allge-meines Gelächter hervorbrachte. Damit war aber auch der Aufstand total besiegt, dennder Franzose ist entwaffnet, wenn es gelingt, ihn zum Lachen zu bringen. (Mulleisund Müller, das Elend zu Paris ).
Redacn'en uu« Bering: Dr. M. Huttler. — Druck vo» I. M. Älcinle.