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Alls dem Pariser Leben.
* Ein junger Maler war für eine abgelieferte Arbeit so glänzend bezahlt worden, Laßes ihn drängle, seinen Freunden eines jener colossalen Frühstücke zu geben, die Mit-tags anfangen und erst am nächsten Tage endigen; Gelage, bei welchen der Champagnerin Strömen stießt, die Gläser und Flaschen zertrümmert unv die Wände deS Locales mitden Eingeweiden der Pasteten bemalt werden, kurz, die glücklich abgelaufen sinv, wennman mit blauem Auge und den Nest der Nacht auf der Polizci-Wachtstube davonge-kommen ist. Es war um eilf Morgens, als unser Künstler im besten Anzüge and inheiterster Laune sich nach dem verabredeten Locale begab und mit einem Leichenzugc zu-sammen traf, der außerordentlich armselig war, denn keine Seele begleitete den armen unbe-kannten Todten nach seiner letzten Ruhestätte. So froh gestimmt der Künstler auch war,er blieb stehen und sagte: „Ach, es ist doch sehr traurig, einen Menschen so ganz alleinzum Kirchhofe zu führen! Das ist eine Schande! Nein, so etwas sollte zu Paris nichtvorkommen. Ich will ihn begleiten. Die Freunde mögen warten." Er geht also hin-ter der Leiche her. Bald aber bemerkte er, daß er nicht allein war, er hatte zumBegleiter bei der frommen Pflichterfüllung einen jener kleinen alten schwarzen Hunde,die gern ihrem Herrn folgen,-der aber sehr schmutzig aussah, denn eS war Regcnwetter.Mann kommt auf den Kirchhof, und der arme Todte sollte in die allgemeine Grube hin-abgesenkt werden. Das that dem Künstler wehe; er beeilte sich, ihm eine Begräbniß-stätte zu kaufen. Es war in jeder Beziehung ein reicher Tag für ihn. Nachdem manein kleines schwarzes Kreuz über dem Hügel aufgepflanzt hatte, in dem der Unbekannteruhete, kehrte er zu seinen Freunden zurück. Er eilte in großen Schritten, als er Etwaszwischen seinen Füßen verspürte. Es war der kleine schwarze Hund, welcher ihn lieb-kosele. „Geh," sagte er, „Du machst mich schmutzig, du weißt nicht, daß ich meinebesten Kleider anhabe." Und er bemühte sich, ihn fortzujagen. Aber kaum hatte derjunge Mann einige Schritte vorwärts gethan, so war auch der Hund wieder da undverdoppelte seine unangenehmen Liebkosungen. Bald hätte das arme Thier einen Schlagmit dem Stocke erhalten; eS entfernte sich auf diese Drohung, blickte aber immer rück-wärts, wenn eS etwas Vorsprung hatte. „Drolliges Thier," sagte der Künstler, „mansollte glauben, es wünsche, daß ich ihm folgen möge. Laßt sehen, was daraus wird."Der Hund verfolgte seinen Weg, blicket aber von Zeit zu Zeit zurück, lenkte endlich ineine enge Gasse ein, dann in den Eingang eines alten, armseligen Hauses, fünf Stock-werke hinauf, und kratzte nun mit den Pfoten an einer Thüre, um Einlaß zu erhalten.
Der junge Künstler half ihm, indem er die Klingel zog, war aber ganz bestürzt, als einMädchen mit rothgeweinten Augen die Thüre öffnete. „Ich bringe Ihnen den Hundzurück, Mademoiselle," sagte er. Es war das gerade das Gegentheil, was er hätte
sagen müssen. „Sie haben Jemanden verloren?" . . . Das junge Mädchen seufzte undverbarg ihr Gesicht und ihre Thränen mit dem Tuche.
Da warf der junge brave Künstler einen Blick in das traurige Wohnzimmer.
Auf einem armseligen Strohsacke bemerkte er eine abgemagerte, vor Kälte zitternde Frau,deren Haut nur noch Knochen umhüllte; ein wahres Gerippe mit den Zügen der fürch-terlichsten Leiden . . . Diese Familie betrieb einen Handel in der Provinz, aber nachmancherlei Unglücksfällen war sie, wie so viele andere, nach PariS gekommen, um dort ihrGlück zu suchen, oder ihren Fall zu verbergen. DaS Elend war ihr Antheil. Der Künst-ler nahete sich der kranken Frau. „Sie sind krank," redete er sie an. — „Ach, ja,"antwortete sie, „ich bin krank und sehr unglücklich. Ich habe meinen Mann gelödtet;ich bin die Ursache seines Todes . . . Der arme gute Mann sah mich seit sechs Wochenkrank und arbeitete Tag und Nacht, um zu verhindern, daß ich nicht ins Spital gebrachtwerde ... Er war so schlecht genährt! Er ist vor Mattigkeit und Kumme gestorben ...Aber ich will meine Tochter nicht umbringen, wie ich meinen Mann umgebracht habe. . . Meine Tochter ist noch das Einzige, was mir auf Erden geblieben . . . Morgen