Die römische Inquisition.
(Schluß.)
Wie zu erwarten war, wußte man znr Zeit der römischen Republik v. 18-19den Nutzen wohl zu würdigen, der bei einiger Klugheit und List aus der Jnqui-sition zn ziehen war. Man fand es sehr zweckmäßig, den befreiten Römern, welcheso lange Opfer des „PfaffentrugeS" gewesen waren, die Geheimnisse der Tyranneizu enthüllen, unter welcher sie so lange geseufzt hatten, und ohne die Revolutionnoch jetzt seufzen würde». Demgemäß wurde ein kleines Spektakelstück arrangirtund mit glänzendem Erfolge aufgeführt. Ju einem der Gemächer des h. OfficinmSbrachte man eine Fallthüre an, nnd in einem Loche, welches man eigens zu demZwecke grub, häufte mau einige Knochen auf, die man in den Kellern ansgegrabenhatte; nachdem alles arrangirt war — Fallthüre, Grube, Kerker, d. i. die Kellerund Knochen — stellte man es dem leichtgläubigen nnd staunenden Pöbel zur Schau,und daS protestantische Europa begrüßte die „Entdeckung" mit den gewohnten Aus-rufen des Entsetzens. Die römische Republik erreichte ihr Ende, und die zurück-gekehrten Beamten der Inquisition hatten uuu Gelegenheit, die Zweckdienlichkeit derVeränderungen, die man vorgenommen hatte, zn bewundern. Daß man menschlicheGebeine aus dem Boden anSgrabeu konnte, war nicht zu verwundern, da der Theildes Gebäudes, unter welchem man dieselben fand, auf einem Platze steht, welcherfrüher als Kirchhof benutzt worden war. Aber ein Pöbelhaufen pflegt keine beson-ders ausgedehnten archäologischen Kenntnisse zu haben, und wiewohl man in London und Paris und andern Städten nicht selten Menschenknochen und ganze Skelette daauSgräbt, wo jetzt Hänser stehen, ohne daß dieses besondere Aufmerksamkeit erregt,so ist eS ganz etwas Anderes, wenn man dergleichen zu Rom findet, zumal unterden Kellergewölben der Inquisition , wenn man gegen die päpstliche Regierung eineAnklage zu erheben wünscht.
Sehr begierig, die „Kerker der Inquisition" mit eigenen Augen zu sehen, begabich mich eines TageS mit einem Freunde auS England nach dem Gebäude des hl.OfficiumS, welches gegenwärtig von den Franzosen als Kaserne benützt wird. DieGefälligkeit des dienstthuenden französischen OfficierS setzte uns in den Stand, dasganze große Gebäude in allen seinen Theilen zn besehen. Große Gemächer undschöne Hallen, zum Theil mit herrlichen Fresken von großen Meistern geziert, wur-den mit sträflicher Gleichgiltigkeit raschen Schrittes durchwandert, da die Begierde,die „Kerker" zu sehen, uns unaufhaltsam voran trieb. Unser Führer, ei» sehr höf-licher und lebhafter Franzose, brachte uns endlich an das Ziel unserer Wünsche.Aber welche Enttäuschung! „Kerker" der Art, wie sie in den gewöhnlichen roman-haften Vorstellungen von der Inquisition vorkommen, fanden wir gar nicht, und alsErsatz dafür nur eine Anzahl von Hallen, die etwa 12 Fuß breit und 15 Fuß langwaren, und einige Gemächer von 16—18 Fuß Länge und Breite. Erstere warenzur vorläufigen Unterbringung von Verhafteten, letztere als Gefängniß der zu zeit-welliger Einsperrnng Verurteilten benutzt worden. Statt tief unter der Oberflächezu liegen, wo sich der Romanleser „die Opfer der priesterlichen Tyrannei in dergiftigen Atmosphäre eines dunkeln und dumpfen KerkcrS schmachtend denkt," befandensich alle diese Räume im zweiten Stockwerk, und waren vielleicht besser erhellt, alsnach italienischen Begriffen, namentlich während deS Sommers, bequem nnd ange-nehm ist. Man kann sich gar keine gewöhnlichern und minder merkwürdigen Räum-lichkeiten denken, als diese „Kerker" der römischen Inquisition. Man steht nicht ein-mal einen Nagel an den nackten Wänden, an den man einen Verdacht hängenkönnte, und kein Zeichen und keinen Strich auf dem Fußboden, welcher ahnen ließe,daß sich etwas Schreckliches unter demselben befinden konnte. Eine Zelle in einemgewöhnlichen Kloster bietet mehr Anlaß zu Phantasien; die Einfachheit und Unver-