Ausgabe 
20 (1.4.1860) 14
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dächtigkeit dieser Gemächer ist in der That so groß, daß sie anf Jeden, der mit dengewöhnlichen Vorstellungen hinkommt, einen unangenehmen Eindruck machen müssen.Um die Sache noch schlimmer zu machen, fanden wir auch noch einen Garten mitBäumen und breiten Wegen, wo früher die Gefangenen täglich ihren Spazicrgangmachten, und -war ohne Ketten, Fesseln und andere dergleichen Dinge, mit welchensich eine lebhafte Phantasie die Gefangenen des h. OfficiumS geschmückt denkenkönnte.

Wo übrigens vormals Cardinäle beriethen, und ihre Consultoreu wichtigePuncte des GlanbenSsystcmS der katholischen Welt erörterten, da fanden wir jetztfranzösische Soldaten träge anf ihren Betten liegen, muntere Lieder von Liebe oderRuhm singen, oder Domino spielen; und Säbel nnd Musketen standen in den Ge-mächer», wo früher die dicken Folianten aufgestellt waren, in welchen die dogmati-schen Entscheidnngeu der Congrcgation des hl. OfficiumS aufgezeichnet wnrden.

Mit einem Worte: so wenig man die Beschreibung, welche TacituS von Nero'Sgoldenem Hause gibt, bestätigt findet, wenn man die Hänfen von Steinen undSchutt betrachtet, welche jetzr die einzige Spur seiner frühern Eristeoz sind, eben sowenig kaun man in der prosaischen Darstellung dessen, was daS h. Officinm wirk-lich ist, die Jugnisiton wieder erkennen, wie wir sie in Romanen und romanhaftenGeschichtswerkcn in den Tagen unserer gläubigen Jugend mit so köstlichem Schau-dern geschildert lasen.*)

*) Balmes charakterisier in seinem vortcfflichen Werke über die europäische Civilisationdie Milde der römischen Inquisition im Gegensatze zu der Strenge der spanischen, und zeigt,wie der Geist des hl. Stuhles von dem aller europäischen Regierungen und Nationen zu einerJett sich unterschied, welche wohl als die Periode der Verfolgungen bezeichnet werden könnte.In der Zeit der größten Strenge gegen die judaisirenden Christen", sagt er,verdient eineThatsache Beachtung. Manche, weiche bei der Inquisition angeklagt waren oder deren Ver-folgung fürchteten, gaben sich alle Mühe, aus dem Bereiche dieses Tribunals zu entkommen,indem sie Spanien verließen uuv nach Rom gingen. Werden diejenigen, welche meinen,Rom sei immer das wahre Treibhaus der Intoleranz, ein Fcucrbrand der Verfolgung ge-wesen, dieses glaublich finden? In zahllosen Fällen wurden während der ersten fünfzig Jahredes Bestehens der spanischen Inquisition die Processe von Spanien nach Rom hinübcr-genommcn und fast in allen Fällen zeichnete sich Rom durch größere Milde aus. Ich glaubenicht, daß man einen einzigen Fall namhaft machen kann, in welchem nicht der Angeklagtedurch eine Appellation nach Rom Vortheil gewann. Die Geschichte der Inquisition in dieserZeit berichtet von vielen Streitigkeiten zwischen Königen nnd Päpsten, und wir finden durch-gängig daß der heil. stuhl sich bestrebte, die Inquisition in den Schranken der Gerechtigkeitund Humanität zu halten. Die Weisungen der römischen Curie wurden nicht immer gebührendbeachtet; so sahen sich denn die Päpste genöthigt, viele Appellationen anzunehmen, und dasLoos zu mildern, welches die Appellanten getroffen haben würde, wenn ihre Sache in Spanien cndgiltig entschieden worden wäre ... In einer Bulle vom 2. August 1483 sagt der Papst,er habe die Appellation einer großen Anzahl von Bewohnern von Sevilla angenommen,welche aus Furcht, verhaftet zu werben, es nicht gewagt hätten, in Spanien an den höhernGerichtshof zu appellircn... Später beklagte er sich darüber, daß man die Strafmilderungen,welche er mehrcrn Angeklagten bewilligt, in Sevilla nicht gebührend berückficht habe. Nachmehrern andern Ermahnungen weist er Ferdinand und Jsabella daraus hin, daß Milde gegendie schuldigen Gort wohlgefälliger sei, als Härte, und erinnert an den guten Hirten, der demverirrten Schafe nachgehe. Schließlich ermähnt er sie, diejenigen milde zu behandeln, welcheihre Vergeben freiwillig cingcstäuden; er wünscht, mau möge ihnen gestatten, zu Sevilla oderan einem andern Orte, den sie wünschen möchten, zu wohnen und im Besitze ihres Eigenthumszu bleiben, als wenn sie sich des Vergehens dcr Ketzerei schuldig gar nicht gemacht hätten.

Wenn Angeklagte sich nach Rom wendeten, so geschah dieses nicht immer, um dieAufhebung eincS ungerechten Urtheils zu erlangen, sondern oft, weil sie wußten, daß sie dortGnade und Nachsicht finden würden. Einen Beweis dafür liefert die große Zahl von spani-schen Flüchtlingen, welche zu Nom wegen Nückfalls in das Judcnthum vcrurtheilt wurden.Man fand deren einmal im Jahre 1498 250; aber keiner derselben wurde hingerichtet. Eswurden ihnen nur einige Bußwcrke aufgelegt, und dann wurde ihnen die Lossprechung er-theilt und gestattet, nach Hause zurückzukehren.

Es ist bemerkenswerth, daß die römische Inquisition niemals ein Todcsurtheil fällte,vbschon damals auf dem apostolischen Stuhle Päpste saßen, welche in Allem, was auf diebürgerliche Verwaltung Bezug hatte, äußerst strenge waren. In allen Theilen Europas fin-