Ausgabe 
20 (1.4.1860) 14
Seite
110
 
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Marrauna vom heil. Nincenz a Paula.

(Fortsetzung.)

Was Ihres Pfarrers Amtspflicht ist, habe ich nicht zu unterscheiden; aberder Priester, der übrigens am Sterbebette weit mehr zu thun hat, als einCapitel aus der Bibel vorzulesen ist nicht gewohnt, die Erfüllung einer sei-ner wichtigsten Pflichten einer Krankcnwärterin oder einem Arzte zu überlassen.Einige vielleicht am andern Ende des Zimmers gemurmelte Gebete, eine eiligeFrage nach diesem oder jenem Kranken: und die geistlichen Funetionen euerer

Spital-Geistlichen sind zu Ende. Noch mehr-Was ist denn das? fragte

hier Frau M. die Magd, welche hereintrat und Marie ein beschmutztes,

sonderbar gefaltetes Papier übergab, welches mit einer kolossalen, noch feuchtenOblate zugemacht war. Marie blickte auf die Adresse, welche lautete: An das ge-ehrte Fräulein v. S Gnaden; sie öffnete den Brief lächelnd und las folgende,in wunderlicher Orthographie geschriebene Worte: Höchst gütiges und ehrwürdi-ges Fräulein, Bitte, Fräulein, Eur' unterthänigste Dienerin, Winnh Prall,liegt sprachlos aus dem Sterbebett, und sagt, Fräulein, sie kann nicht ruhig ster-ben, wenn sie Sie nicht sieht; so hoffen wir demüthig, Eur' Gnaden wollennicht zögern, da unsere Mutter die Nacht durchaus nicht überleben kann. Eur'Gnaden ergebenste Diener, ihre Söhne Franz und Joseph Prall, Fischerbrücke rc.

Laß Las Mädchen hereinkommen, sagte Marie, und ehe noch Frau M.fragen konnte: Was soll denn dies Alles heißen, so spät in der Nacht? standein blasses Mädchen vor ihr, dessen Züge die Spuren von Sorge und Entbehrungtrugen. Ist denn die Frau Prall wirklich so krank?

Ich bin nur eine Nachbarin von ihr. Aber ich hörlc, sie wäre schon fastbesinnungslos; sie könne aber nicht sterben, ehe Sie kämen.

Hat man den Geistlichen rufen lassen? fragte Marianne ängstlich. Ichweiß nichts, gar nichts; aber wenn Euer Gnaden kommen, so werden Sie Alleserfahren! und das Mädchen wendete sich hastig zur Thüre. Gut, ich werdemit dir da sein, sagte Marie. Aber du willst doch nicht wirklich gehen, Marie?meinte Frau M...., als ihre Nichte den Hut aufsetzte und sich die Mantillereichen ließ: Es ist ja spät! Es ist sehr spät; jedoch in diesem Falle ruft

den wir das Schaffet aufgerichtet, um Vergehen gegen die Religion zu bestrafen, und überallsehen wir Scenen, die das Herz mit Trauer ertüllen: Nom bildet eine Ausnahme von derRegel, dasselbe Rom , welches man als ein Ungeheuer von Intoleranz und Grausamkeit dar-gestellt hat. Allerdings haben die Päpste nicht, wie die Protestanten, allgemeine Duldunggepredigt; aber die Thatsachen zeigen den wahren Unterschied zwischen den Päpsten undden Protestanten: die Päpste haben trotz ihres intoleranten Tribunales keinen Tropfen Blutvergossen, die Protestanten und Philosophen ganze Ströme.

Ich will nicht eine ausführliche Prüsting des Benehmens der spanischen Inquisitiongegen die judaisircndcn Christen versuchen, und ich bin weit entfernt, ihre Strenge gegen dieseMenschen der Milbe vorzuziehen, welche die Päpste empfahlen und übten. Ich wollte hiernur zeigen, daß die Strenge eine Folge von außerordentlichen Umstände», ein Ausdruck derdamals bei den europäischen Völkern herrschenden harten Anschauungen und Sitten war.Dem Katholicismus können diese durch verschiedene Gründe veranlaßten Ercesse nicht zumVorwurf gemacht werden. Wenn wir aber ferner den Geist beachten, welcher in allen In-struktionen der Päpste in Betreff der Inquisition herrscht, wenn wir sehen, wie sie augen-scheinlich immer zur Milde geneigt und bemüht waren, den Schandflecken zu vertilgen, welcheran den Schuldigen und an ihren Familien haftete, so dürfen wir annehmen, daß die Päpstewohl noch weiter gegangen sein würden, wenn sie nicht gefürchtet hätten, dadurch allzusehrdie Unzufriedenheit der Könige zu erregen und verderbliche Zwistigkeiten zu veranlassen.

Welches Verfahren wurde von Luther empfohlen? Nach Seckendorf sagte er: mansolle die Synagogen der Juden anzünden, ihre Häuser niederreißen, ihre Gebetbücher, denTalmud, und selbst die Bücher des Alten Testamentes ihnen wegnehmen und ihren Rabbineriverbiete» zu lehren, und sie nöthigen durch Handarbeit ihr Brod zu verdienen."