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mich eine gebieterische Pflicht. — Aber ich sehe hier gar keine Pflicht — und ichglaube die Frau kann auch warten bis morgen. Ich würde mich kaum wundern,wenn Alles nur eine List wäre, um dich herauszulocken und zu ermorden. —Ich wüßte nicht, was man dabei gewinnen könnte; aber ich kenne die Frau.Dennoch begreife ich nicht, was es dich angeht! murrte Frau M.... Protestan-tische Damen kennen ihre Pflichten gegen die Gesellschaft zu gut, als daß sie sichunter solche Leute wagen sollten! Ueberdics dürste kein Frauenzimmer in eineKrankenstube gehen, ehe sie wenigstens Jahre alt ist. Aber ich könnte ebenso gut zu einer Bildsäule reden, fuhr sie fort, als die Thür sich hinter M. schloß,ich wünsche zu Gott, sie wäre einmal verheirathet, dann würde sie vielleicht ge-scheiter werden.
Mit leichten, eiligen Schritten und ruhiger Entschlossenheit schritt Fräulein
S. durch einige Straßen, dann über einen Platz und ließ nicht eher von
ihrer Eile ab, bis Sie die Wohnung erreicht hatte.
Das Gesicht der kranken Frau Prall hatte schon jene grünlichblaue Farbe
angenommen, welche das letzte Stadium der fürchterlichen Krankheit begleitet.
Ihre Söhne und einige Frauen befanden sich bei ihr; aber wenn sie gleich ge-schäftig hin und her liefen, so sah man doch, daß Keiner von ihnen sich derStubenccke zu nähern wagte, wo die Kranke lag.
Es ist die Cholera, sagte Marie, indem sie die Hand der Frau ergriff.Sie erblaßte, als sie den schnellen, aber schwachen Pulsschlag derselben fühlte.
Sie hat nicht lange mehr zu leben; habt ihr nach dem Geistlichen geschickt? —
Sie wollte sich von uns nichts sagen lassen und verlangte nur nach Ihnen.
Trinken! Trinken! Ich ersticke, kreischte die Frau; gebt mir zu trinken, sag'ich.
Marie fand in einer zerbrochenen Tasse etwas kalt gewordenen Thee, wel-chen sie der Kranken an die Lippen hielt. Dann schrieb sie ein paar Zeilenauf ein Blatt ihres Taschenbuches und übergab dieses dem Sohne Franz mitder Weisung, ja leine Zeit zu verlieren, bis er es in die Hände eines Geistlichenüberliefert bättc.
Wer ist da? schrie die Frau und starrte um sich. Teufel sind's, die ichüberall sehe. Ich sterbe, ich sterbe — und was wirb aus meiner armen Seelewerden?
O Mutter, sagte Joseph, indem er sich vorsichtig näherte, der Geistliche
wird gleich hier sein, und Fräulein S. will mit dir beten. — Guten Abend,
Fräulein, sagte die Mutter hastig, hab' ich nicht versprochen, ich wollte zu meinerPflicht zurückkehren? Jetzt ist es zu spät; ich werde todt sein, ehe der Geistlichekommt, und beten kann ich auch nicht.
Ein neuer fürchterlicher Krampf trat ein, so daß M. glaubte, diese Be-fürchtung möchte in Erfüllung gehen. — Ich will für Euch beten, sagte M-, alsdie Kranke etwas ruhiger wurde. Sie kniete nieder und begann die Litanei fürdie Sterbenden; von Zeit zu Zeit blickte sie ängstlich nach der Thüre. — SagenSie mir, Fräulein, sagte Plötzlich die Frau und erhob sich in ihrem Bette,müssen wir unsern Feinden vergeben? Das möchte ich gern wissen. — Gewiß,wenn wir selbst Verzeihung hoffen wollen; sicherlich haben wir Gott öfter belei-diget, als irgend ein Geschöpf uns beleidigt haben kann. — Wie? ich soll mei-nem Manne vergeben? Hat er mich verlassen, daß ich mit den Kindern Hun-gers sterben konnte? Und hat er nicht vor meinen Augen eine genommen, dieprotestantisch ist, wie er selbst? Hat er mich nicht getreten, geschlagen und —
Denkt jetzt nicht an seine Mißhandlungen! Betet, damit ihr beide einst imHimmel glücklich zusammen werdet. — Im Himmel! schrie die Kranke, mit einemmehr noch von Wuth, als von Schmerz entstellten Gesichte; im Himmel? Was sollder im Himmel thun, der Abtrünnige! Wollte er mich nicht dahin bringen, daßich meine Religion verkaufen und heucheln sollte wie er, blos um das Armen-