geld zu bekommen? Mißhandelte er mich nicht, weil ich die Kinder nicht vonihm zu Heiden gemacht haben wollte? Und hat er mir nicht mein liebes Mäd-chen gestohlen, damit es ihm und seinem Weibsbilde aufwarten mußte? Hat ernicht einen Teufel aus mir gemacht und mich zum Gotteslästern gebracht? Aberjetzt wird der Satan uns beide in die Klauen bekommen. — Ein neuer Krampf-anfall folgte; die arme W. sank erschöpft und ohnmächtig auf das Lager hin.Mit zitternder Stimme begann M. von Neuem die Litanei; sie sah, daß dasschlecht angewandte Leben der unglücklichen Frau sich dem Ende näherte. — Miteinem unterdrückten Freudenrufe aber sprang sie auf als der Priester hereintrat.
Komm ich zu spät? fragte der Priester. Fräulein M. Zeigte auf das
Bett. Der Geistliche beugte sich darüber, richtete einige Worte an die Krankeund gab dann den Anwesenden ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen. Mit derGefühllosigkeit, welche die Folge gewohnheitsmäßiger Gotteslästerung ist, schlichendie Männer auf den Gang, die Frauen waren in der anstoßenden Kammer baldam Plaudern. Marianna kniete auf der morschen Treppe nieder und verweiltedie nächste halbe Stunde im heißen Gebete, auf daß die heil. Jungfrau Fürbitteeinlege zu Gunsten des verirrten Geschöpfes, welches bald vor seinen beleidigtenRichter treten sollte.
Und wie brachte der Priester diese Zeit zu? Angegriffen und erschöpftdurch ein Tagewerk voller Anstrengung, war er mit freudiger Bereitwilligkeitdem Gebot der Pflicht gefolgt, welche ihn abrief, als er eben sich der ersehntenRuhe überlassen wollte. Jetzt stand er gestützt auf die Lehne des Bettes' erathmete die stinkende, verpestete Luft des schmutzigen, von Ungeziefer wimmeln-den Zimmers ein; er beugte sich über die Kranke, deren Athem den Tod brin-gen konnte, deren Wnthausbrüche wie giftigePfeile für sein Herz waren, welchesgern das Leben geopfert hätte, um das Heil einer einzigen unsterblichen Seelezu erkaufen. Er dachte nicht an Müdigkeit oder Gefahr; es war seine Pflicht.„Pflicht!" jenes wunderthätige Wort — das Fcldgeschrei der kath. Priester —die Fahne, um welche sie sich schaaren; das Wort, welches Verfolgung, Undank-barkeit, Krankheit, Armuth, jedes Hinderniß verachten lehrt, — das sie zumSiege oder Tode führt. Ohne Rücksicht auf den Beifall oder die Verachtung derWelt, voll Mitleid, aber erhaben über die kleinlichen Sorgen des Lebens, strebensie vorwärts, bis das Opfer ihrer Jugend oder die mühevolle Sorge eines lan-gen Lebens mit der Martyrerkrone und mit ewiger Seligkeit belohnt wird. —
Endlich öffnete sich die Thüre und auf ein Zeichen vom Priester kam M.
wieder ins Zimmer.
„Ich werde ihr das heil. Abendmahl reichen", sagte der Geistliche feierlich.
Fräulein M. sah sich vergebens nach einer Stelle um, welche sie für das
allerhciligste Sacrament würdig vorrichten konnte. — Der Priester begann jeneergreifenden Gebete, welche die Kirche für solche Gelegenheiten vorschreibt. Eswäre eine wirkungsvolle Scene für einen Maler gewesen: das wüste verfalleneZimmer, das helle Mondlicht, welches durch die zertrümmerten Fenster siel, die Gegen-stände mit seinem eigenthümlichen Glänze umsäumte und voll auf das weiße Kleidder knieenden Jungfrau fiel, die mit gebeugtem Haupte und gefalteten Händenfür nichts als die Gegenwart Gottes Sinn zu haben schien; die entfärbten undverzogenen Gesichtszüge der sterbenden Frau, deren Augen nun mit einem Aus-druck hoffnungsvoller Ergebung an den Zügen des Priesters hingen, welcher sichüber sie gebeugt hatte und in dessen Gesichte jene tiefe Andacht sich ausdrückte,welche der Feierlichkeit des Augenblickes und Dem gebührte, dessen erhabeneGegenwart jene Hütte des Elendes jetzt erfüllte.
(Schluß folgt.)