Ausgabe 
20 (1.4.1860) 14
Seite
113
 
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Napoleon I. in der Katechese.

K. Im Jahre 1811 gegen Ende März rief Napoleon l. unvermuthet eineVersammlung zu sich. Sie bestand aus den Cardinälen Fesch, Maury, dem Erz-bischof von Mecheln, den Bischöfen von Nantes, Trier, Evreux , Verweil undAbbö Emerv und p. Fontaer. Zwei Stunden ließ er auf sich warten. Menschen,sagte er, welche gewartet hätten, werdenstumpfsinniger." Endlich erschien erin außerordentlichem Aufzuge von seinen Großoffieieren umgeben. In einer sehrlangen und heftigen Rede ward die Sitzung eröffnet gegen den Widerstand desPapstes Pins VII. Keiner der Cardinäle oder Bischöfe hatte den Muth gegendie Verläumdungen und Entstellung die Wahrheit gegen die Macht und Gewaltdes Kaisers und Königs geltend zu machen. Zum Ruhm der Religion fand sichaber ein einfacher Geistlicher ein anderes Mitglied jener Versammlung. Eswar nämlich der 80jährige Priester Greis Abbö Emerh, empfehlenswert!) durchseine Wissenschaft und Frömmigkeit.

Nachdem Napoleon gesprochen hatte, sah er alle Anwesenden an und fragtehierauf diesen Abbö:Mein Herr, was halten Sie von der Gewalt des Papstes?"Mit einer Art ehrerbietigem Vorzüge blickte er den Bischöfen und Cardinälenin's Angesicht, als wollte er sie um die Erlaubniß bitten, seine Meinung zuerstauszusprechen und antwortete dann:Sire! Ich kann keine andere Gesinnunghaben, als jene, die in dem Katechismus enthalten ist, der aus Ihren Be-fehl in allen Kirchen gelehrt wird. Auf die Frage: Was ist der Papst? heißtes dort: Er ist das Oberhaupt der Kirche, der Stellvertreter Jesu Christi, demalle Christen Gehorsam schuldig sind.Kann nun je ein Körper seines Hauptes,kann er desjenigen entbehren, dem er nach göttlichem Rechte Gehorsam schuldig ist?"

Nachdem Napoleon das Wort Katechismus murrend ausgespochen, fuhrer fort: 'Nun dann, ich streite Ihnen die geistliche Gewalt des Papstes nicht ab,da er dieselbe von Christus empfangen hat, aber Christus hat ihm die zeitlicheMacht nicht gegeben; diese hat Carl der Große ihm gegeben, und ich, der Nach-folger Carl des Großen, will dieselbe ihm Hinwegnehmen, weil er sie nicht zugebrauchen weiß und sie ihn verhindert, seine geistlichen Funktionen auszuüben.Wie denken Sie hierüber, Herr Emerp? Derselbe erwiederte: Eure Majestätehren den großen Bossnet und finden Gefallen daran, ihn oft anzuführen. Nunkann ich selbst keine andere Gesinnung haben, als Bossuet in seiner Vertheidi-gung des Klerus ausspricht. Ich will die Stelle anführen, die daraus meinemGedächtniß genau gegenwärtig ist. Bossuet, Sire, spricht also: Wir wissen eswohl, daß die römischen Päpste und der priesterliche Stand durch die Verleihungder Könige Güter, Rechte und Fürstenthümer (imperia) erhielten und solcherechtmäßig besitzen, wie andere Menschen mit sehr gutem Rechte dieselben besitzen.Wir wissen, daß diese Besitzungen, insoferne sie Gott gewidmet sind, heilig seinmüssen, und daß man solche ohne gotteslästerlichen Raub nicht überfallen nochrauben und an Weltliche verschenken kann. Man hat dem apostolischen Stuhldie Oberherrschaft über die Stadt Rom und andere Besitzungen verliehen, damitderselbe freier und gesicherter seine Gewalt in der ganzen Welt ausübte. Dazuwünschen wir nicht nur dem apostolischen Stuhle, sondern auch der gesammtenKirche Glück und beten aus ganzem Verlangen unseres Herzens, daß dieses ge-heiligte Fürsten thum (nrinichmt) auf alle Weise frei und unberührt bleibe.Iüi>. I. 860t. 10, eap. 16.

Nachdem Napoleon in Geduld zugehört, sprach er in sanften Worten: Ichverwerfe das Ansehen Bossuets nicht; dieß Alles war wahr zu seiner Zeit. AlsEuropa mehrere Oberherrn erkannte, war es nicht schicklich, daß der Papsteinem besondern Souverän unterworfen wäre, allein, was kann es wohl wehren,