Warme Herzen unter einem groben Rock.
In einer Stadt eilte ein armer Handwerksgeselle schnell znm Thore hinaus,weil man schon die Sperre läutete. Unter WegS begegnete ihm ein Greis, welcherebenfalls, um einen Kreuzer zu ersparen, eiligst aus der Stadt gehen wollte. Alleiner war zu schwach, er konnte nicht fortkommen, obwohl er um eines Kreuzers wegenseine letzte Kraft anstrengte. „Guter Alter!" sagte der junge Handwerksbursche,welcher die Anstrengung des alten Mannes sah, „ich will euch gerne helfen; gebtmir euer« Arm. Der Jüngling führte den Greis; allein sie hatten doch zu langegezögert. DaS Thor war schon gesperrt. Der Greis fing bitterlich zu weinen an.„Guter Bursche", sagte er, „ich habe mir heute den ganzen Tag nicht mehr alszwei Kreuzer erbettelt, und nun ist die Hälfte dahin." „Sorge doch nicht, alterVater, erwiderte der HandwerkSburscke; ich habe sechs Kreuzer, bin noch jung undwerde bald Arbeit bekommen; da hast du all' mein Geld. Laß dir eine Maß Bierholen und thue dir etwas GuteS; ich kann wohl ein paar Tage hinbringen. Hieraufzahlte er den Sperrkreuzer und sie gingen znm Thore hinaus.
AIS sie vor das Thor kamen, zankten sie sich immer. Der Alte wollte daSGeld nicht nehmen, sich nicht satt essen und jenen hungern lassen. Zu diesem edlenStreit kam ein Grenadier, der auf der Wache war uud ihnen schon eine Weile zu-gehört hatte. „Ha, Brüder!" rief er, „was seid ihr ehrliche KerlS!" und eineThräne fiel ihm auf seinen Schnurbart. „Ich will den Ausschlag geben. Hier hab'ich mir einen Zwanziger erspart nnd wollte am Sonntag mit meinem Mädchen zum
Biere gehen; aber hol der T_ das Bier nnd den Tanz, wenn ihr Noth leiden
solltet. Da habt ihr den Zwanziger; nur macht mir nicht viel Flausen." DerGreis uud der HandwerkSbnrsche standen wie versteinert über diesen SchiedSmanuund ein Dank vom Herzensgründe war alles, was sie ihm antworten konnten; derGrenadier aber eilte nach der Wachtstube und trillerte sich eiu Lied vor mit ver-gnügter Seele. _
Eine kaiserliche That.
Ein Jnde, der als Soldat im österreichischen Heere diente, sich bei Montebelloausgezeichnet und die große silberne Tapferkeitsmedaille erhalten hatte, wurde beiMagenta gefangen; doch gelang es ihm, auf die abenteuerlichste Weise zu entkommenund er traf gerade recht bei -seinem Corps ein, um die Schlacht von Solferino mit-zumachen, wobei er sich abermals dermaßen auszeichnete, daß er die goldene Tapfer-keitsmedaille erhielt. In dieser Schlacht wurde er jedoch schwer verwundet und ver-ließ in der Folge den Militärdienst. Dieser Mann fand sich vorige Woche iu derAudienz bei Sr. Majestät ein und stellte in derselben die Bitte, Se. Majestät mögegeruhen, ihm eine Anstellung zu verleihen. Er trug bei der Audienz einen ziem-lich fadenscheinigen Rock, an welchem die beiden Medaillen, jedoch ohne Bänder ge-heftet waren. Nachdem der Bittsteller sein Gefach vorgetragen hatte, fragte der Kai-ser: „Warum tragen Sie die Medaillen ohne Band?" Der Mann erwiderte, eSfehle ihm daS Geld, nm Bänder zu kaufen. „Geben Sie die Medaillen her!" sagteder Kaiser in dem kurzen Ton des Kommandos. Der Mann erblaßte nnd legteschweigend die Medaillen in die Hände des Monarchen, worauf der Kaiser, sagte:„Morgen verfügen sie sich zu meinem Generaladjntauten, wo sie daS Nähere erfahrenwerden." — TagS darauf begab sich der Mann in die Burg; der Generaladjutautempfing ihn sehr freundlich, ging iu ein Nebenzimmer und brachte aus demselbeneinen OfficierSwaffenrock, auf welchen die beiden Medaillen nnd der Orden der eiser-nen Krone geheftet waren, und übergab ihm denselben mit den Worten: „Se. Maje-stät ernennt Sie hiemit znm Lieutenant und sendet Ihnen hier die Medaillen mitBändern versehen, nebst 400 st. zu ihrer Eqnipirnng."
Ncdacüvn und Verlag: I)r. M. Huttlcr. — Druck von I. M. Älcinlc.