Ausgabe 
20 (6.5.1860) 19
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gezogen und war statt des Mannes an die harte Arbeit gegangen. Durch ihrHerumwandern war ihr diese List möglich geworden, ohne auch nur Verdachtgegen sich zu erregen. So hatte die heldeumüthige Mutter Jahr aus Jahr eindas Brod für die Familie herbeigeschafft, bis in Valence die ärgste Noth übersie hereinbrach und des Mannes Tod sie zur Entdeckung zwang. Auf ihrem Be-tragen ruhte kein Mackel. Auch in der rauhen Umgebung und unter dem Ar-beiter-Kittel hatte sie des Weibes christliche Würde bewahrt.

Die Kunde von dieser Entdeckung verbreitete sich schnell in der ganzenStadt und gar viele Leute, die das Große um so mehr bewundern, als sieweniger im Stande sind, es nachzumachen, eilten nach der Wohnung des ver-storbenen Hübschgens, um die herrliche Mutter zu sehen, die mit solch helden-mütiger Hingebung für ihre Familie gearbeitet, gekämpft und gelitten. Man fandeine erschreckliche Armuth. Da war kein Tisch, kein Stuhl die armen Kin-der saßen auf kleinen Holzstückcn, kein Bett und Geräthe. Die Leiche lagnoch da auf dem letzten Rest von Stroh und alten Kleidungsstücken, worauf derarme Mann seinen Geist aufgegeben. Aber bei dem Kommen und Zusehen bliebes natürlich nicht. Man brachte Speise und Trank, Mobilien und Kleider,Bett und Geräthe und was sonst zu des Lebens Nothdurft gehört. Man rech-nete es sich zur Ehre an, hier Hilfleistung zu bringen. Selbst der todte Manngelangte noch zu einem recht anständigen Begräbnisse.

Als man der armen Frau neue Frauenkleider brachte, äußerte sie nur dieeine Furcht, in den langen Gewändern ihrer gewohnten Arbeit nicht nachgehenzu können. Und wie sollte sie sonst ihre Kleinen ernähren? Mit diesem letztenhatte es indeß keine Noth mehr, die Gaben flössen so reichlich, daß die guteWittwe sich bereits in einigem Wohlstände befindet und zu Hacke und Schaufelihre Zuflucht nicht mehr zu nehmen braucht. Sie selbst kann nur nicht begreifen,was die Leute Großes darin finden, daß eine Mutter sich für Mann und Kinderaufopfert. Das, meint die fromme Frau, verstehe sich ja von selbst. Deßhalbhat sie auch bisher in ihrem Leben nichts geändert, bleibt eingezogen, fromm undbescheiden und verdient dadurch die gerechte Bewunderung aller braven Leutenoch mehr, als durch die frühere harte Arbeit.

Der Präfect des Drome-Departements, in welchem Valence liegt, hat dieedle und die hochherzige Handlungsweise der Wittwe Hübschgen nach Paris anden Kaiser berichtet. Die Kaiserin hat durch ihren Secretär der braven Frauein einiges Schreiben zugeschickt, das folgendermaßen lautet:

Madame! Die Kaiserin hat die Schilderung der frommen List, zu derSie Ihre Zuflucht genommen, um Ihren kranken Mann und Ihre Kinder zuernähren, mit besonderer Theilnahme gelesen. Durch diese Schilderung tief ge-rührt, kam der Kaiserin sogleich der Gedanke, sich Ihnen hilfreich anzubietenund die Versorgung zweier Ihrer Kinder zu übernehmen und sie hat mir be-sohlen, mich zu dem Zwecke mit dem Herrn Präfecten des Drome-Departementszu verständigen. Die Kaiserin weiß wohl, daß es Tugenden gibt, für welche dieGroßen dieser Erde keine Belohnung haben; allein Sie möchte Ihnen doch auchein Zeugniß davon geben, welche Gefühle Ihr Thun in Ihrem Herzen rege ge-macht; sie will Sie überzeugen davon, Madame, daß die sich aufopfernde Gattinund entschlossene Familienmutter ihren höchst persönlichen Beifall erworben hat.Ich bitte Sie, Madame, empfangen Sie die Versicherung meiner ehrfurchtsvollstenHuldigung. Palast der Tuilerien, den 18. Jänner 1854.

Der Secretär der geheimen Angelegenheiten."

So schlägt oft unter der ärmsten Hülle das größte Herz! So lohnt Gott oft in diesem Leben wahre Tugend doch nicht immer hier, jenseits abergewiß noch reichlicher!