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man auch, mit welch' treuer Liebe Michael für die zahlreiche, blutarme Familiedaheim sorgte. War nämlich das Tagewerk gethan, dann eilte Michael heim,richtete und schaffte in dem kleinen Haushalte, pflegte den immer kränker wer-denden Vater und besorgte die Kinder mit einer so rührenden Sorgfalt, daßdieses selbst den übrigen Bewohnern des Hauses auffiel. Besonders trug ergerne das Jüngste herum, das in arbeitslosen Stunden fast nicht von seinenArmen kam.
Nun brach die Winterszeit herein. Es war ein besonders strenger Winter,so daß arme Leute sich kaum der Kälte zu erwehren wußten. Damit war dieArbeit bei den Eisenbahnen und Bauwerken in's Stocken gerathen; und war esbisher unserem Michael schon schwer geworden, der zahlreichen Familie von demnoch immerhin kargen Tagelohn das Allernothwcndigste zu beschaffen, so fing dierechte Noth nun erst an, da alle Lebensmittel im Preise stiegen, die Feuerungda sein mußte und sich kaum hie und da eine Gelegenheit fand, einen Frankenzu verdienen. Bald fehlte es in dem Haushalte Michaels an Allem, was desLebens dringendste Noth erheischt. Dazu legte sich nun der Hausvater aufsKrankenlager, das ihm zum Sterbebette werden sollte, und Gott allein weiß, wasdie arme, deutsche Familie ausgestanden hat in jenen Tagen der Bedrängniß aneinem Orte, wo kein Mensch an sie.dachte. Da war es allerdings nicht andersmöglich, als daß Michael sich nach fremder Hilfe umsehen mußte, und so besuch-ten dann die Mitglieder des Vereines vom heiligen Dincenz von Paula die armeFamilie und brachten dieß und das zur Linderung des ärgsten Elendes, währendnoch hinreichend übrig blieb, um den frommen Glauben an Gottes allwaltendeVaterliebe auf harte Proben zu stellen. Doch wie jammervoll es auch in derelenden Kammer aussah, Vater Nikolaus hielt treu aus seinen Gott und demMichael sank der Muth nicht, wie tief auch Kummer uud Elend anf seinemblaffen Gesichte sich eingruben. — Um Weihnachten gings mit Vater Nikolauszum Sterben. Michael war und blieb der treue Pfleger, der mit der rührend-sten Sorgfalt, wie es sonst kein Mensch ihm nachzumachen verstanden, den ster-benden Vater Pflegte und sich den letzten Bissen vom Munde abbrach, um denHunger der Kinder zu stillen. Endlich erlöste der liebe Gott am 31. Decemberden kranken Vater von seinen Leiden. Mit den heiligen Sacramenten gestärkt,ist er als ein blutarmer Mann, aber als ein guter Christ gestorben. Michaelund die Kinder weinten bei seiner Leiche.
Noch an demselben Tage wurde Michael mit den nunmehrigen Waisen —die Frau des Verstorbenen sollte vor zwei Jahren gestorben sein, — auf dasBürgermeisteramt beschieden, um den Todesfall des Vaters anzugeben und dieKinder in die Waisenlisten eintragen zu lassen. Hier sollte er von seiner vor-geblich verstorbenen Mutter Vor- und Zunamen angeben, wann und wo sie ge-storben, wie auch den betreffenden Todtenschein beibringen. — Michael geriethin bange Verwirrung und wollte mit der Antwort nicht heraus. „Darüber",sagte er endlich, „kann ich keine Erklärung abgeben." Das aber galt vor demAmte nicht und man drängte ihn, die nöthige Auskunft zu ertheilen. Endlichsagte er stotternd: „Ich kann und darf keine Lüge sagen. Ich selbst bin dieFrau des Verstorbenen, Susanne Arzt, und die Mutter dieser Kinder. Die armenKinder, die nun erst merkten, um was es sich handle, schrieen nun auch da-zwischen: „Ja, ja, es ist unsere gute Mutter! indem sie sich um dieselbe dräng-ten. Das arme Weib zog sie innig an sich, während ihm die Thränen aus denAugen stürzten.
Die Beamten standen erstaunt und ergriffssn bei dem seltsamen Auftritt undtrauten kaum ihren Augen und Ohren. Aber es war wirklich so, wie die männ-lich gekleidete Fran gesagt. Bereits vor 5 Jahren hatte sie, da damals schonder Mann zu kränkeln begann, ihre Haare abgeschniten, männliche Kleider an-