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A b e n d b i t t e.
Mein Auge! schließeDich zu.
Du, Vater, gieße,
Süße Ruh'
In seine Gluth.
Trübe ist es von Sorgen;Stille bis Morgen,
Vater, sie du!
Trost.
Die Lieben brauchen Hilfe,Die mir sind ferne;
Ich kann nicht, und ich hälfeSo gerne, gerne.
Ich sag's dein Himmel,
Der überall ist.
Der hilft den Lieben.
Frage.
um Himmel strebenic Blümlein der Au.
Zum Himmel schwebenDie Vvglcin in's Blau.
Mein Herz, wohin strebst du?Such' hicnicdenNicht den Frieden,
Ist es nicht erquickend, statt der allzu wohlriechenden Salonsdüfte und dersäuselnden „Sommerabendlüfte" ein wenig morgensrische Gottesluft zu athmen?Aber auch auf dem weltlichen, freilich nicht auf dem „sinnlichen" Gebiete derPoesie hat der Verfasser der „Jugendklänge" manches Schöne geliefert. Es seiuns erlaubt, auch hievon ein paar Beispiele anzuführen:
Klage um den Freund.
Ich wandle in dem Maien,
Im weichen Gras ich ruh'!
Rings Blümlein blüh'n zu zweienUnd rufen da mir zu:
Meine! Weine!
Ich geh' dahin im Walde,
Im Schalten halt ich Rast.
Da zwitschern mir alsbaldcZwei Vöglein von dem Ast:
Meine! Meine!
Ich nahe mich der QuelleUnd schaue sinnend drein.
Da lispelt, ach, die WelleDem Äug' und Ohre mein:
Meine! Meine!
Besondere Hervorhebung verdienen noch: „Berthold und Hedwig" (S. 9),„Der Maienkönigin" (S. 32), „Sonnenuntergang" (S. 48), „Vaters Fluch"(S. 49), „Die Abendwolken" (S. 67).
So schließen wir denn mit dem Wunsche, der geneigte Leser möge sichselbst von der Wahrheit unserer Worte überzeugen, ihm auffallende Mängel aberder Jugend des Verfassers zu Gute halten, dessen schönes Talent zu seiner höherenEntwicklung vor Allem freundlicher Ermuthigung bedarf und derselben jedenfallsnicht unwerth ist.
Der Druck (von C. Fr. Meyer in Weissenburg) ist schön und correct; dieAusstattung überaus geschmackvoll.
Rath.
Laß kriechen And're!
Was da kriecht auf Erden,
Ach, wie leicht
Kann es zertreten werden.
Laß fliegen And're!
Sieh', aus hohen LüftenFällt man leichtZerschmetternd sich in Klüften.Gehe männlich duDeinem Ziele zu.
Wahre Nächstenliebe.
Das „Echo de la Marne" erzählt folgenden Zug von dem jüngst verstor-benen Bischof von Chalons. Einem armen Familienvater von Chalons , welcherkein Mittel mehr sah, seine Kinder zu ernähren, wurde gerathen, sich an denBischof zu wenden. Er ging in den bischöflichen Palast, trug dem Bischof seineLage vor, und dieser behändigte ihm 15 Francs. — Der gewissenhafte Mannnahm das Geschenk nicht an, ohne vorher zu erklären, daß er ein Jude sei. —Der Bischof aber öffnete seine Börse von Neuem und sagte: „Mein Freund,alle Menschen sind Kinder Gottes; ich gab Ihnen 15 Fr. im Namen des Sohnes,hier sind 15 andere Fr. im Namen des Vaters."
Redaction und Verlag: Dr. M. Huttler. — Druck von I. M. Nlcinle.