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oder erben . So denn dieſelbige in heiliger Schrift klar gegründet , und daʒu nach gemeiner chriſtlicher , ja römiſcher Kirchen , ſoviel aus der Väter Schrift ʒu vermerken , nicht ʒuwider noch entgegen iſt , ſo achten wir auch , unſere Widerſacher können in obangeʒeigten Artikeln nicht un­ einig mit uns ſein . Derhalben handeln diejenigen ganʒ unfreundlich , geſchwind und wider alle chriſtliche Einigkeit und Liebe , ſo die Unſern derhalben als Ketʒer abʒuſondern , ʒu verwerfen und ʒu meiden ihnen ſelbſt ohne einigen beſtändigen Grund göttlicher Gebot oder Schrift für­ nehmen . Denn die Irrung und Zank iſt fürnehmlich über etlichen Traditionen und Mißbräuchen .

Als ſolche betrachtet nun die Augustana im ʒweiten Theile ( Art . XXII-XXVIII ) das Verbot des Kelches für die Laienkommunion , die Eheloſigkeit der Prieſter , Mönchsgelübde , die Kauf - oder Winkelmeſſe , wobei jedoch die Verwahrung Melanchthons wohl beachtet ʒu werden verdient : Man legt den Unſern mit Unrecht auf , daß fie die Meſſe ſollen abgethan haben . Denn das iſt öffent ­ lich , daß die Meſſe , ohne Ruhm ʒu reden , bei uns mit größerer Andacht und Ernſt gehalten wird , denn bei den Widerſachern . . . . So iſt auch in den öffentlichen Cere­ monien der Meſſe keine merkliche Aenderung geſchehen , denn daß an etlichen Orten deutſche Geſänge neben la­ teiniſchem Geſang geſungen werden . Hinſichtlich der Beichte bemerkt Melanchthon : Die Beicht ( conlessio ) iſt durch die Prediger dieſes Theiles nicht abgethan . Denn dieſe Gewohnheit wird bei uns gehalten , das Sakrament nicht ʒu reichen denen , ſo nicht ʒuvor verhört und abſolvirt ſind . Freilich ſoll man auch in Niemand dringen , die Sünde namhaft ʒu erʒählen . Im Artikel über den Unterſchied der Speiſen wird gelehret , daß ein jeglicher ſchuldig ſei , ſich mit leiblicher Uebung , als Faſten und ander Uebung , alſo ʒu halten , daß er nicht Urſach ʒu Sünden gebe , nicht , daß er mit ſolchen Werken Gnaden verdiene .

Beſonders wichtig iſt der Art . XXVIII : von der biſchöflichen Gewalt , von welcher Melanchthon lehrt , daß fie darin beſtehe , das Evangelium ʒu predigen , die Sünden ʒu vergeben und ʒu behalten ( wie kann aber dieſes nach dem Maßſtabe der Gerechtigkeit geſchehen , wenn das Be­ kenntniß der einʒelnen Vergehungen fehlt ? ) , die Sakra­ mente ʒu ſpenden. „Darum ſoll man die ʒwei Regiment , das geiſtliche und weltliche , nicht in einander mengen . Dieſergeſtalt unterſcheiden die Unſern beide Regiment und Gewalt Amt und heißen ſie beide als die höchſte Gabe Gottes auf Erden in Ehren halten . Derhalben iſt das biſchöfliche Amt nach göttlichen Rechten : das Evangelium predigen , Sünd vergeben , Lehr urtheilen , und die Lehr , ſo dem Evangelio entgegen , verwerfen , und die Gottloſen , deren gottlos Weſen offenbar iſt , aus chriſtlicher Gemeine ausſchließen , ohne menſchliche Gewalt , ſondern allein durch Gottes Wort . Und diesfalls ſind die Pfarrleute und Kirchen ſchuldig ( im lateiniſchen Texte ſteht ſogar noch dabei : de jure divino nach göttlichem Rechte ) , den Biſchöfen gehorſam ʒu ſein .

Mit dieſen Beſtimmungen hat ſich die Augustana in offenen Widerſpruch ʒu Luthers Cäſaropapismus ge­ ſtellt , welcher den Fürſten und Magiſtraten alle geiſtliche Gewalt der Biſchöfe und des Papſtes übertragen wollte .

Thatſächlich hat die lutheriſche Auffaſſung den Sieg über das von Melanchthon ſo ſehr betonte göttliche Recht der biſchöflichen Gewalt davongetragen .

Im Beſchluß wird noch einmal betont , daß in der

Lehre und in den Ceremonien bei uns nichts aufge­

nommen ſei gegen die Schrift und die katholiſche Kirche ; denn es liegt offen ʒu Tage , daß wir mit allem Fleis verhüt haben , damit je keine neue und gottloſe Lehre ſich in unſern Kirchen einflechte , einreiße und überhand­ nehme .

Ueberblicken wir nun die Artikel der Angustana , ſo wie ſie aus Melanchthons Feder urſprünglich gefloſſen und dem Kaiſer Karl V . vorgeleſen worden ſind , welche ſpäterhin ſymboliſches Anſehen erlangt haben , und ver­ gleichen wir damit den dermaligen Ʒuſtand des deutſchen Proteſtantismus , ſo müſſen wir geſtehen , daß von dieſem grundlegenden Glaubensbekenntniſſe ſehr wenig übrig ge­ blieben iſt . Die Auktorität des Concils , welche die pro­ teſtirenden Reichsſtände ſo oft angerufen haben , iſt mit Hohn und Spott übergoſſen worden , als endlich in Trient die Verhandlungen eröffnet wurden ; es ſei hier nur an Luthers rohes Pamphlet erinnert : Das Papſtthum vom Teufel geſtiftet ; der wichtige Artikel X über das heiligſte Sakrament des Altars wurde durch die Variata im Sinne Zwinglis verflüchtigt , die Meſſe iſt ganʒ beſeitiget , vonq der biſchöflichen Gewalt iſt nicht einmal der Name ge­ blieben der deutſche Proteſtantismus hat ſomit kein Recht , die dogmatiſche Continuität mit Melanchthons Glaubensbekenntniß ʒu feiern . Heute gilt mehr denn je ʒuvor das bekannte Wort des proteſtantiſchen Hiſtorikers Leo aus dem Jahre 1861 : Jedermann führt dieſe Con­ feſſion im Munde , und faſt kein Menſch kennt ſie ; Nie­ mand ſucht ſie in ihrem urſprünglichen Sinne ʒu faſſen . Man erklärt ſie ʒum Eckſtein des Proteſtantismus , man hat ihr ʒu Ehren große Feſte gefeiert , jährlich wird ſie in jeder proteſtantiſchen Schule geprieſen , und faſt kein Menſch weiß , was darinnen ſteht .

Vielleicht dient das Jahr 1897 , in welchem Melan­ chthons Name wohl mehr als gebührend verherrlichet werden wird , daʒu , daß ſich die deutſchen Proteſtanten mit der Augustana etwas eingehender beſchäftigen und ʒu der Ueberʒeugung gelangen , daß dieſelbe nicht eine Trennung von der Mutterkirche , ſondern eine Einigung herbeiführen ſollte . Melanchthon und mit ihm die Augustana wiſſen nichts von dem hochgerühmten Principe der freien Forſchung , ſondern ſie anerkennen die Entſcheidungen früherer Con­ cilien , berufen ſich auf die Ueberlieferungen der Väter

die Anſchauungen des canoniſchen Rechtes , unterſtellen die

Laien der Führung der Biſchöfe , ſie appelliren an ein chriſtliches Concil, dem ſie ſich ohne Vorbehalt unter­ werfen wollen . Im Morgenland , in England , bei allen getrennten Bekenntniſſen macht ſich ein mächtiges Sehnen und Streben nach Einheit mit der Mutterkirche bemerkbar ; überall hat man das Empfinden , ohne Papſt gelange man in die öden Sandwüſten eines unbeſtändigen Ratio­ nalismus ohne Lebenskraft . Sollte in Deutſchland an der Hand der Augustana Melanchthons nicht auch der Gedanke einmal ʒum Durchbruche kommen : Genug des Haders und der Irrung ! wir wollen das Gelöbniß unſerer Väter ʒur Wahrheit machen : ohne Vorbehalt den Entſcheidungen des oberſten kirchlichen Lehramtes uns unterwerfen ! ?

Culturgeſchichtliche Bilder aus Bayern . A . Vom landesfürſtlichen Unterſtütʒungsweſen um die Wende des 16 . Jahrhunderts .

G . F . Um was alles die Landesfürſten ver­ gangener Jahrhunderte von ihren Unterthanen bittlich