Ausgabe 
(8.1.1897) 1
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oder erben. So denn dieſelbige in heiliger Schrift klar gegründet, und daʒu nach gemeiner chriſtlicher, ja römiſcher Kirchen, ſoviel aus der Väter Schrift ʒu vermerken, nicht ʒuwider noch entgegen iſt, ſo achten wir auch, unſere Widerſacher können in obangeʒeigten Artikeln nicht un- einig mit uns ſein. Derhalben handeln diejenigen ganʒ unfreundlich, geſchwind und wider alle chriſtliche Einigkeit und Liebe, ſo die Unſern derhalben als Ketʒer abʒuſondern, ʒu verwerfen und ʒu meiden ihnen ſelbſt ohne einigen beſtändigen Grund göttlicher Gebot oder Schrift für- nehmen. Denn die Irrung und Zank iſt fürnehmlich über etlichen Traditionen und Mißbräuchen.

Als ſolche betrachtet nun die Augustana im ʒweiten Theile (Art. XXII-XXVIII) das Verbot des Kelches für die Laienkommunion, die Eheloſigkeit der Prieſter, Mönchsgelübde, die Kauf- oder Winkelmeſſe, wobei jedoch die Verwahrung Melanchthons wohl beachtet ʒu werden verdient:Man legt den Unſern mit Unrecht auf, daß fie die Meſſe ſollen abgethan haben. Denn das iſt öffent- lich, daß die Meſſe, ohne Ruhm ʒu reden, bei uns mit größerer Andacht und Ernſt gehalten wird, denn bei den Widerſachern.... So iſt auch in den öffentlichen Cere- monien der Meſſe keine merkliche Aenderung geſchehen, denn daß an etlichen Orten deutſche Geſänge neben la- teiniſchem Geſang geſungen werden. Hinſichtlich der Beichte bemerkt Melanchthon:Die Beicht(conlessio) iſt durch die Prediger dieſes Theiles nicht abgethan. Denn dieſe Gewohnheit wird bei uns gehalten, das Sakrament nicht ʒu reichen denen, ſo nicht ʒuvor verhört und abſolvirt ſind. Freilich ſoll man auch in Niemand dringen, die Sünde namhaft ʒu erʒählen. Im Artikel über den Unterſchied der Speiſen wird gelehret,daß ein jeglicher ſchuldig ſei, ſich mit leiblicher Uebung, als Faſten und ander Uebung, alſo ʒu halten, daß er nicht Urſach ʒu Sünden gebe, nicht, daß er mit ſolchen Werken Gnaden verdiene.

Beſonders wichtig iſt der Art. XXVIII: von der biſchöflichen Gewalt, von welcher Melanchthon lehrt, daß fie darin beſtehe, das Evangelium ʒu predigen, die Sünden ʒu vergeben und ʒu behalten (wie kann aber dieſes nach dem Maßſtabe der Gerechtigkeit geſchehen, wenn das Be- kenntniß der einʒelnen Vergehungen fehlt?), die Sakra- mente ʒu ſpenden. „Darum ſoll man die ʒwei Regiment, das geiſtliche und weltliche, nicht in einander mengen. Dieſergeſtalt unterſcheiden die Unſern beide Regiment und GewaltAmt und heißen ſie beide als die höchſte Gabe Gottes auf Erden in Ehren halten.Derhalben iſt das biſchöfliche Amt nach göttlichen Rechten: das Evangelium predigen, Sünd vergeben, Lehr urtheilen, und die Lehr, ſo dem Evangelio entgegen, verwerfen, und die Gottloſen, deren gottlos Weſen offenbar iſt, aus chriſtlicher Gemeine ausſchließen, ohne menſchliche Gewalt, ſondern allein durch Gottes Wort. Und diesfalls ſind die Pfarrleute und Kirchen ſchuldig (im lateiniſchen Texte ſteht ſogar noch dabei: de jure divino nach göttlichem Rechte), den Biſchöfen gehorſam ʒu ſein.

Mit dieſen Beſtimmungen hat ſich die Augustana in offenen Widerſpruch ʒu Luthers Cäſaropapismus ge- ſtellt, welcher den Fürſten und Magiſtraten alle geiſtliche Gewalt der Biſchöfe und des Papſtes übertragen wollte.

Thatſächlich hat die lutheriſche Auffaſſung den Sieg über das von Melanchthon ſo ſehr betonte göttliche Recht der biſchöflichen Gewalt davongetragen.

Im Beſchluß wird noch einmal betont, daß in der

Lehre und in den Ceremonien bei uns nichts aufge-

nommen ſei gegen die Schrift und die katholiſche Kirche; denn es liegt offen ʒu Tage, daß wir mit allem Fleis verhüt haben, damit je keine neue und gottloſe Lehre ſich in unſern Kirchen einflechte, einreiße und überhand- nehme.

Ueberblicken wir nun die Artikel der Angustana, ſo wie ſie aus Melanchthons Feder urſprünglich gefloſſen und dem Kaiſer Karl V. vorgeleſen worden ſind, welche ſpäterhin ſymboliſches Anſehen erlangt haben, und ver- gleichen wir damit den dermaligen Ʒuſtand des deutſchen Proteſtantismus, ſo müſſen wir geſtehen, daß von dieſem grundlegenden Glaubensbekenntniſſe ſehr wenig übrig ge- blieben iſt. Die Auktorität des Concils, welche die pro- teſtirenden Reichsſtände ſo oft angerufen haben, iſt mit Hohn und Spott übergoſſen worden, als endlich in Trient die Verhandlungen eröffnet wurden; es ſei hier nur an Luthers rohes Pamphlet erinnert:Das Papſtthum vom Teufel geſtiftet; der wichtige Artikel X über das heiligſte Sakrament des Altars wurde durch die Variata im Sinne Zwinglis verflüchtigt, die Meſſe iſt ganʒ beſeitiget, vonq der biſchöflichen Gewalt iſt nicht einmal der Name ge- blieben der deutſche Proteſtantismus hat ſomit kein Recht, die dogmatiſche Continuität mit Melanchthons Glaubensbekenntniß ʒu feiern. Heute gilt mehr denn je ʒuvor das bekannte Wort des proteſtantiſchen Hiſtorikers Leo aus dem Jahre 1861:Jedermann führt dieſe Con- feſſion im Munde, und faſt kein Menſch kennt ſie; Nie- mand ſucht ſie in ihrem urſprünglichen Sinne ʒu faſſen. Man erklärt ſie ʒum Eckſtein des Proteſtantismus, man hat ihr ʒu Ehren große Feſte gefeiert, jährlich wird ſie in jeder proteſtantiſchen Schule geprieſen, und faſt kein Menſch weiß, was darinnen ſteht.

Vielleicht dient das Jahr 1897, in welchem Melan- chthons Name wohl mehr als gebührend verherrlichet werden wird, daʒu, daß ſich die deutſchen Proteſtanten mit der Augustana etwas eingehender beſchäftigen und ʒu der Ueberʒeugung gelangen, daß dieſelbe nicht eine Trennung von der Mutterkirche, ſondern eine Einigung herbeiführen ſollte. Melanchthon und mit ihm die Augustana wiſſen nichts von dem hochgerühmten Principe der freien Forſchung, ſondern ſie anerkennen die Entſcheidungen früherer Con- cilien, berufen ſich auf die Ueberlieferungen der Väter

die Anſchauungen des canoniſchen Rechtes, unterſtellen die

Laien der Führung der Biſchöfe, ſie appelliren an ein chriſtliches Concil, dem ſie ſich ohne Vorbehalt unter- werfen wollen. Im Morgenland, in England, bei allen getrennten Bekenntniſſen macht ſich ein mächtiges Sehnen und Streben nach Einheit mit der Mutterkirche bemerkbar; überall hat man das Empfinden, ohne Papſt gelange man in die öden Sandwüſten eines unbeſtändigen Ratio- nalismus ohne Lebenskraft. Sollte in Deutſchland an der Hand der Augustana Melanchthons nicht auch der Gedanke einmal ʒum Durchbruche kommen: Genug des Haders und der Irrung! wir wollen das Gelöbniß unſerer Väter ʒur Wahrheit machen: ohne Vorbehalt den Entſcheidungen des oberſten kirchlichen Lehramtes uns unterwerfen!?

Culturgeſchichtliche Bilder aus Bayern. A. Vom landesfürſtlichen Unterſtütʒungsweſen um die Wende des 16. Jahrhunderts.

G. F. Um was alles die Landesfürſten ver- gangener Jahrhunderte von ihren Unterthanen bittlich