n,-. 35
W Allgsmirger FüjizmUg.
26. Juni 1897.
»
Zur jüngst erschienenen Schrift Nector Or. Schells.
Wenn irgendwo strengste Gerechtigkeit, edelste Wahr-heitsliebe, leidenschaftsloseste Nnhe und sorgfältigste Vor-sicht und Umsicht nothwendig sind, so sind sie es imKreise der Vertreter der Kirche, wenn es gilt, wichtigeFragen des kirchlichen Lebens und Wirkens zu besprechen,vorhandene Uebelstände zu beurtheilen und ihre Ursachenzu erforschen, die Mittel zur Abhilfe anzugeben undüberhaupt Grundsätze und Wegweiser aufzustellen, nachdenen sich die Thätigkeit der Kirche und die Arbeit derKatholiken richten muß, um unter den gegebenen Zeit-verhältnissen die Aufgaben des Reiches Gottes auf Erdenam vollkommensten zu verwirklichen. Und es ist kaumunnütz, zu den bezeichneten Forderungen noch diese hinzu-zufügen, daß die Erörterungen und daraus entstehendenKämpfe der Meinungen immer von den zwei großen Ge-danken beherrscht sein müssen: dem der gegenseitigenLiebe und Achtung, 'und dem des gemeinsamen Zieles,welches besteht in dem Blühen der Kirche Christi, derwir alle als untrennbare Glieder Eines Leibes an-gehören.
In diesem Geiste müssen die Fragen behandeltwerden, welche Gegenstand der Schrift des derzeitigenRectors der Universität Würzbnrg , vr. Herm. Schell,über den „Katholicismus als Princip des Fortschritts"sind, und welche ohne Zweifel sehr tief in das kirchlicheLeben eingreifen. Was müssen wir thun, damit derKatholicismus in Deutschland gegenüber dem Protestan-tismus jene geistige Macht, zu der er innerlich fähig ist,immer auch äußerlich entfalte; damit er, wie es seinegöttliche Aufgabe erfordert, sich die gebildeten Kreise desVolkes bewahre; damit die katholische Wissenschaft undBildung jenen siegreichen Fortschritt vollziehe, zu dem siein ihren ewig fruchtbaren Principien die volle Kraft be-sitzt; damit das kirchliche Leben innerlich und äußerlichfortgebildet werde und dadurch der fortschreitenden Zeitgewachsen bleibe; damit der wirkliche, concrete Zustanddes Katholicismus dem von Gott gegebenen Ideale deseinen wahren Christenthums menschenmöglich nahekomme?— das sind offenbar sehr wichtige, vielleicht Lebens-fragen für die katholische Kirche in Deutschland.
So dankbar man nun aus diesen Gründen dem-jenigen hätte sein müssen, der zur rechten Zeit auf dieWichtigkeit dieser Gedanken hinwies und sie nach Formund Inhalt glücklich besprach, so sehr ist es zu bedauern,daß die Schrift des hochgeachteten Mannes wegen Jn-opportunität ihres Erscheinens und ihrer Form und nichtgeringer Mängel ihres Inhaltes bei den KatholikenDeutschlands jene Aufnahme nicht finden konnte, welche»ie Sache, der sie gewidmet ist, verdient hätte.
Inopportun ist das Erscheinen der Schriftgewesen, weil sie nach den Worten der Einleitung moti-virt erschien durch die Enthüllung des Taxil'schen Be-truges, und weil sie zu einer Zeit allgemeine Desidcrienöffentlich geltend macht, wo dergleichen, mit Ausnahmedes numerischen Zurückbleibens der Katholiken in demBesitze der Hoch- und Mittelschulbildung, gar nicht fühl-bar sind, und die fühlbaren Ucbelstände nur partikulärenCharakter haben.
Inopportun oder unglücklich gewählt ist die Formder Schrift dadurch, daß in ihr sehr verschiedenartigeWünsche in gleicher Form behandelt und Dinge, die vorganz verschiedene, getrennte Fora gehören, gleichmäßig
dem großen, gemischten Publikum vorgelegt werden. EinTheil des Inhalts ist derart, daß die gegebenen An-regungen nur bei dem deutschen Episkopate ihren Orifinden könnten, da nur diesem die Entscheidung der be-treffenden Fragen, z. B. über die geeignetste Weise derHeranbildung des Klerus, und die Ausführung der an-gedeuteten Vorschläge zusteht. Ein anderer Theil der An-regungen betrifft die Pflege der Wissenschaft in kathol.Kreisen und hätte in der Vereinigung der kathol. Ge-lehrten Deutschlands vorgebracht werden müssen. Eindritter Theil ist pastoreller Natur und oft so heiklerArt, daß er nur in einer solchen Form ohne Anstoß hin-genommen werden könnte, in welcher er in erster Linieoder fast ausschließlich dem Klerus dargeboten würde.Ein anderer Theil ist Polemik gegen protestantische Gegnerund deßhalb schwer vereinbar mit den zuvor bezeichnetenElementen der Schrift. Erst ein fünfter Theil enthältAnregungen für das katholische Publikum und die Presse,und nur dieser paßte in eine dem ganzen Publikum vor-gelegte Broschüre.
Aus diesen Gründen fand sich vielleicht der größteTheil der katholischen Leser, so sehr er die Schrift unteranderen Umständen freudig begrüßt hätte, peinlich davonberührt.
Der Inhalt besteht aus zwei verschiedenartigen Ele-menten: er umfaßt einerseits den Hinweis auf vor-handene Uebelstände, welche das Gedeihen desKatholicismus hemmen, andererseits Grundsätze undWinke, welche der Beseitigung dieser Hindernisse unddem Fortschritt des Katholicismus dienen sollen.
Mit Absicht halten wir diese beiden Elemente derSchrift Dr. Schells nachdrücklich auseinander, denn nichtleicht wird man eine Schrift finden, wo sich so sehr dieMahnung aufdrängt: Hui bena äistiuZuit, bong äoost— bans zuckiaat. So dankbar jeder besonnene Katholikdie Winke und Mahnungen begrüßen wird, die hier fürverschiedene Gebiete des katholischen Wirkens gegebenwerden, so bedauerlich ist andererseits die Entstellung desBildes, welches vom Katholicismus Deutschlands ent-worfen wird.
1. Schell geht aus von der wissenschaftlichen „Jn-feriorität" der Katholiken Deutschlands. Für die That-sache , welche er damit bezeichnen will, ist nun aber dasWort „Jnferiorität" ganz und gar unglücklich gewählt.Es läßt Jeden, der es liest, an ein qualitativesZurückstehen in der Wissenschaft, bezw. in der höherenBildung denken (statt „geistiger Jnferiorität" in der1. Auflage sagt Schell in der 3. Auflage „wissenschaft-liche"). Derart liegt aber die Thatsache nicht: sie bestehtin einem numerischen Zurückstehen der Katho-liken gegenüber den Nichtkatholiken in dem Antheil auder Wissenschaft und an dem Besuche der Hoch- undMittelschulen. Die Bezeichnung Schells ist also irre-führend, den Andersgläubigen gegenüber compromittircnd,für die Katholiken beleidigend. Doch jene Thatsache be-steht. Was aber die Erklärung derselben, die Gründe,worauf sie zurückgeführt werden muß, betrifft, so hatFreiherr v. Hertling dieselben in seiner Rede zu Konstanz auf der Versammlung der Görresgesellschaft auf Grundreiflicher Ueberlegung und feiner Beobachtung in sehr be-friedigender, wahrheitsgemäßer Weise dargestellt. Dem-gegenüber erscheint das, was Rector Dr. Schell beibringt»nicht so glücklich.