Ausgabe 
(26.6.1897) 35
 
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Als einen Grund für jene Thatsache gibt er an,daßauf katholischer Seite" nicht in Folge der Prin-cipien des Katholicismus, sondern in Folge fehlerhaftenVerfahrens seiner Vertreterdie religiöse Inanspruch-nahme der eigenen Vernunft und Persönlichkeit allzusehrzurückgedrängt, auf einfach bereitwillige Hinnahme undgehorsame Ausführung herabgesetzt werde," daß sich inFolge dessen gerade die Gebildeten, die größeres Be-dürfniß nach Selbstständigkeit und Sclbstbethätlgung auch inSachen der Religion haben, im Katholicismus minderbefriedigt fühlen sollen.

Aber könnte dies zugegeben, daß es wahr wäredie Thatsache des numerischen Zurückbleibens der Katho-liken im Antheil an der höheren Bildung auch nur zueinem Theile erklären? Nein. Läßt denn der katholischeBeamte, der katholische Gelehrte, der katholische Offizieretwa deßhalb, weil er sich in der katholischen Religionnicht ganz befriedigt fühlt» seine Söhne nicht studiren?Es ließe sich gewiß nachweisen, daß diese Kreise dort,wo sie die Gelegenheit haben, ihre Söhne in ebensogroßer Zahl an die Mittel- und Hochschulen senden, wieihre nichtkatholischen Standesgenosfen. Oder gelingt etwaden Söhnen gebildeter Katholiken deßhalb das Studiumweniger, und finden sie nach der Vollendung desselbendeßhalb keine so gute Carriere, weil ihre Persönlichkeitin dem religiösen Leben weniger in Anspruch genommenwird? Jedermann sieht, wie absurd solche Aufstellungenwären. Das einzige Wahre im Satze Schells ist dies,daß unter der gemachten Voraussetzung viele gebildeteKatholiken ihrer Religion nicht mit Liebe anhangen,wenig oder nichts für sie wirken und ihre Interessen inden höheren Kreisen nicht vertreten, ja ihr leicht untrenwerden würden. Das Letztere ist nun allerdings auchThatsache , und zwar eine viel schmerzlichere als dasnumerische Zurückstehen im Antheil an der höherenBildung. Aber dies sind zwei sehr verschiedenartigeThatsachen, die auch aus verschiedenen Gründen zu er-klären sind.

Wenn die Gebildeten nicht jene Befriedigung in derkatholischen Religion fänden, welche ihrem Streben nachgeistiger Selbstbethätigung entsprechen würde, so würdedas allerdings ein Erkläruugsgrund für die Thatsachesein, daß so viele gebildete Katholiken dem katholischen Glauben und Leben entfremdet oder doch lau und gleich-giltig in der Vertheidigung ihrer Religion werden. Abervor Allem stellen wir die Frage: Reichen denn die übrigenthatsächlichen Faktoren der Vergangenheit und Gegenwartnicht aus, um die bedauerliche Thatsache des Lau- undUntreuwerdens vieler gebildeten Katholiken bis auf einenverschwindend kleinen Rest zu erklären?

Die niederziehende Schwerkraft der menschlichenNeigungen, der Stolz und die Liebe zur Ungebundenheitim Innern der Herzen; der Umsturz des Jahres 1848,der den ganzen Zeitgeist in ein Bett lenkte, das vonFrömmigkeit und Ehrfurcht stetig hinwegführt; die äußerenErfolge des Protestantismus, der Staatsgewalt und derprofanen Wissenschaften seit vier Dezennien; der Kampfder deutschen und österreichischen Neichsregierung und derdeutschen Landesregierungen gegen die katholische Lehreund die katholischen Sitten; die principielle Berufung vonNichtkatholiken oder nicht entschiedenen Katholiken an dieHochschulen, die Begünstigung dieser Kategorien in denBeamten- und Professorenstellen; der Principal der anti-katholischen Zeitungen und die Ueberfülle der antikathol-ischen Literatur überhaupt und wir haben hier nicht

Alles aufgezählt mußte das nicht Alles die gebildetenKatholiken hinüber locken, treiben, ziehen, drängen?

Doch wir gestehen zu, daß auch Fehler der Katho-liken zu dieser Erscheinung beigetragen haben; Fehler,die sie zum Theile selbst längst bemerkt haben, die zumTheil auch minder beachtet worden sind, die wir aberalle nach Kräften bekämpfen müssen. Da wären gewißalle Katholiken Herrn Rector lir. Schell dankbar fürAufdeckung aller Hemmnisse und für weise Rathschlägezu ihrer Beseitigung. Aber gerade hier ist's, wo wirdas Bild, welches Schell von dem gegenwärtigen Zustandund Wirken des Katholicismus in Deutschland entwirft,nicht zutreffend finden können.

2. Als einen Hauptfehler bezeichnet Schell die unterder geistigen Führung des Jesuitenordens vor sich ge-gangene antiprotestantische Entwicklung der Theologie unddes privaten Cultus; doch unterscheidet Schell selbst diegeistige Führung des Jesuitenordens als ein besonderesHinderniß für das Gedeihen des Katholicismus von derantiprotestantischen Entwicklung"; so daß es passend ist,beide Klagen getrennt zu besprechen.

Antiprotestantische Entwicklung! Volles Recht hakSchell, wenn er betont, daß dieselbe vermieden werdenmuß, und Winke gibt, die vor derartigen Fehlgriffenwarnen. Indem man gegen einen Irrthum kämpft,kann es einem begegnen, daß man unvermerkt ins andereExtrem verfällt und so die Mitte, in der die Wahrheitliegt, verläßt. So ist es im Kampf gegen den Nestorianis-mus jenen ergangen, welche die Union der Naturen ver-theidigten, und darob in das Extrem des Monophysitismusfielen; so sind unbesonnene Bestreiter des Pelagianismusin den Irrthum der Prädestinatianer verfallen. So könntees auch einem katholischen Theologen ergehen, daß er imunbesonnenen Kampfe gegen die Lola-Loriptura-Lehreder Protestanten in das Extrem der Loln-Draäitio-Lehrefiele; daß er in der Vertheidigung der positiven undobjectiven Glaubensnorm gegen den Subjektivismus derprotestantischen Lehre die subjektive Betheiligung der Ver-nunft am Zustandekommen und an der Bewahrung desOffenbarungsglanbens übersähe; daß er, die Stellungder Heiligen Gottes in der Gnadenordnung vertheidigend,ihre Bedeutung im Erlösungsplane übertriebe; so könntees auch in der Praxis geschehen, daß mancher Bischof,Orden, Priester, Gläubige, um die falsche protestantischeHandlungsweise, in der Vernachlässigung der HeiligenGottes, in der Trennung von Rom , im übertriebenenNationalismus und Nationalismus, sicher zu vermeiden,in der entgegengesetzten Richtung mehr thun würde, alsgut und heilsam ist.

Und Jedermann wird den loben, der znr rechtenZeit vor solchen Fehlgriffen warnt und daran erinnert»daß die Wahrheit, wie auch die rechte Praxis, nur inder Mitte liegen kann, daß jedes Extrem in Sachen derLehre Irrthum, in Sachen des Lebens gefährlich ist,letzteres mit jenen Beschränkungen verstanden, die sich ausder Natur der Sache sowie aus den Umständen ergeben.

Aber wie und wo sind denn jene und ähnliche Fehl-griffe begangen worden? Schell spricht von einer anti-protestantischen Entwicklung der Theologie und des Privat-cultus als wie von einer Thatsache. Was soll das sein?wo ist das zu finden? Welcher Theologe hat denn jemalswenigstens verhüllt die praktische Folgerung gezogen, daßes für den Katholiken gar keiner persönlichen Gewissens-prüfnng der Dinge bedürfe, auf die er sein ewiges Heilstellen soll, daß ihm der unfehlbare Papst diese Sorge