Ausgabe 
(26.6.1897) 35
 
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von vornherein abnehme" ? Wo hat denn Schell dieNeigung unter Katholiken gefunden, im Protestantismusüberall gleich Satauismus zu wittern" und Alles tmjenseitigen Lager zu verschlechtern?

Wir geben zu, daß es, wie überall, so auch unteruns Katholiken Männer gibt von minder tiefer Auf-fassung, minder starker Urtheilskraft, minder weitemGesichtskreis, minder feinem Gefühl, minder scharferUnterscheidungsgabe, nicht genügendem Sinn für strengeWahrheit und peinliche Gerechtigkeit ; daß daher öftersin der Publizistik, oder mich privatim, in dem Urtheilüber protestantische Gesinnungen und Handlungen, sowiein der Polemik Fehler begangen werden, die unterbleibensollten. Möchten sie vermieden werden! Aber sind denndas allgemeine Calamitäten, herrschende Richt-ungen, als welche sie dadurch hingestellt werden, daß eineöffentliche Broschüre ihre Stimme gegen sie erhebt? Mußdenn nicht vielmehr überall, wo die Confessionen gemischtsind, die Milde, ja oft die Nachgiebigkeit der Katholikenanerkannt und bewundert werden? Wie oft finden sichdenn in katholischen Büchern, Reden und Predigten Ent-stellungen des protestantischen Glaubens, Herabsetzungendes Lebens der Andersgläubigen?

Wosinken wir denn von der Höhe des Christen-thums im Geiste und in der Wahrheit zur Jnferiorltätfranzösirender Andachts- und Auffassungsweisen herab"?Solche allgemeine Anklagen haben immer den Charaktervon Entstellung, wenn sie nicht speciell begründetwerden. Soll etwa die Wallfahrt nach Lourdes, oderdie Herz-Jesu-Andacht, oder die Herz-Maria-Bruderschaft gemeint sein? Dann begründe HerrSchell den Vorwurf, daß in diesen Uebungen das wahreund geistige Christenthum nicht vorhanden sei, daß die-selben keinen allgemeinen christlichen Inhalt haben, son-dern ein Produkt französischer Schwäche und Ueber-schwenglichkeit seien. Und wenn sich an ihnen, obwohlsie wahres Christenthum sind, Zuthaten französischerManier zeigen, die entweder überhaupt nicht lobenswerth,oder zwar an sich gut, aber für uns Deutsche unpassendsind, so zeige er, wie wir dieselben von dem guten Kernzu trennen haben! Ueberhaupt so berechtigt SchellsForderung ist, daß jedes Volk seine (und zwar guten)Eigenthümlichkeiten in der christlichen Religion entfaltensoll, so wird doch auch, wie der Einzelne von seinemNcbenmenschen, jedes christliche Volk vom andern etwasGutes lernen und annehmen können, ohne dadurch seineEigenart zu verderben. Leisten daher die Franzosen hieroder dort etwas Gutes im Christenthum, so thun wirdoch nur gut, es zu gebrauchen.

3. Wir sind hiemit zu der Klage Schells über dieallzu große Pflege desRomanismus" unter den Katho-liken germanischer Nationalität gekommen.Nomanis-mus" im Sinne Schells hat wir bemerken dies aus-drücklich mit Rom nichts zu thun; es bezeichnet dieDenk-, Fühl- und Handlungsweise der Völker roman-ischer Nationalität. Schell wirft uns deutschen Katho-likenunselbstständige Nachahmung fremden Wesens" vor.

Und worin findet er diese, abgesehen von den schonbesprochenen Andachtsformen? Das Hauptsymptom desgewaltigen Einflusses, den der romanische Geist auf diereligiöse Vorstellungswelt der Katholiken und des Kleruszu üben vermag", findet Schell in derungeheuerenVerbreitung und Verehrung der Leo Taxil-, Margiotta-und Vaughan'schen Enthüllungen". Der Romanismusalso, dessen blinde Nachahmung den deutschen Katholiken

vorgeworfen wird, besteht in der Leichtgläubigkeit, in derNeigung zum Seltsamen, Llbenteuerltchen, in demVer-zicht auf den Gebrauch innerer Kriterien", in der Em-pfänglichkeit fürderb sinnliche" Erscheinungen des Ueber-natürlichen! Man erlasse es uns, hier auf Worte zuerwidern, die nie hätten fallen sollen. Nur die eine Ueber-legung empfehlen wir anzustellen: Wieviele KatholikenDeutschlands , selbst Kleriker, haben die Bücher Taxilsund Vaughans gelesen? Etwa 1 von 1000 im Ganzen,und 1 von 10 im Klerus? Nein. Wieviele von denen,die sie lasen, haben sie geglaubt? Taxils erste Schriftenvielleicht die meisten aber von welchen Nichtkatholikenwurden sie nicht geglaubt? Und die Schreibereien derVaughan hat von den deutschen katholischen Lesern kaum1 Proc. ohne Mißtrauen betrachtet. Schreiber dieses ur-theilt hier nach seiner eigenen Umgebung, nach den Aeußer-ungen in den Zeitschriften und nach den Resultaten desTrienter Congresses.

Was hat die 6ivIItL oattolios, und die römischeCommission in der Vaughanfrage mit den deutschen Ka-tholiken zu thun? Die erstere liest und kennt man betuns sehr wenig, und den Entscheid der letzteren konnteman bei uns allgemein sehr kräftig beurtheilen hören.

Aber an Herrn Rector Schell haben wir noch einigeFragen. Er hatte jedenfalls schon längst ausinnerenKriterien* die Falschheit jener Machwerke Taxils erkannt,er sah ihre Verbreitung in Deutschland , er mußte dieärgerlichen Folgen voraussehen. Warum hat er dennnicht, zuerst im engeren Kreise, dann in den theologischenund literarischen Zeitschriften, seine Stimme dagegen er-hoben ? Dort wäre sein Ruf, seine Warnung am Platzegewesen, jetzt ist sein nachfolgender Tadel wenig dankens-werth. Und welches ist denn jene Schule, welchedeninneren Kriterien nicht den gebührenden Werth beimißt,sondern alle Wahrheit nur auf Autorität stellt", unterderen Einfluß das katholische Deutschland schon zu langesteht, und deren WirkungJnferiorltät im selbstständigenVernunftgebrauche" ist? Ist diese Schule vorhanden undist sie gefährlich, wohlan, so muß sie bekämpft werden,aber wir können nur einen Gegner bekämpfen, denwir sehen!

4. Wir kommen zu der au sich berechtigten Mahnung,daß sich die deutschen Katholiken der natürlichen Mitteldes Gedeihens, als da sind politischer Einfluß,welt-liche Wissenschaft, Culturfortschritt, Entwicklung der volks-wirthschastlichen und industriellen Kräfte", nachdrücklichund eifrig bedienen und sich ihrer in keiner Weise ein-schlagen sollen. Man kann hierin Herrn Rector Schellnur beistimmen, mit dem Zugeständuiß, daß wir es hierinvielfach bald aus Aengstlichkeit, bald aus Sorglosigkeitan dem fehlen lassen, was nothwendig wäre. Schellhätte freilich anführen können, daß dies Verhalten derKatholiken seine historischen Gründe hat, welche diesenRückstand in milderem Lichte erscheinen lassen. Umsomehrist es zu beklagen, wenn Dr. Schell auch in dieser Be-ziehung das Verhalten der Katholiken falsch darstellt.Was soll das heißen, wenn Schell Andeutungen gibt,als obdie Anschauung immer mehr Einfluß gewinne»daß das Gebet seinen Hauptwerth von den damit ver-knüpften Ablässen habe". Im Namen der Wahrheitfrage ich Herrn Rector Schell, wo er denn eine Spur voneiner Anschauung, welche den moralischen Werth desGebetes nach den Ablässen mißt, gefunden hat, und wie eres wagen kann, hierin eine allgemeine Verdächtigung ans-zusprechen? Und wenn er dabei die Thatsache meint,