Ausgabe 
(26.6.1897) 35
 
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daß Christen, die von der Wahrheit der jenseitigen zeit-lichen Strafen durchdrungen sind, Gebete mit Ablässengerne gebrauchen, welchen Tadel hat er gegen sie? Waser sonst von der religiösen Wcrthschätzung der systematischenForderung der Mitmenschen sagt, ist als Mahnung sehrbeherzigenswerth; sofern es aber Tadel verkehrter Auf-fassung und Handlungsweise sein soll, erregt es denSchein, als habe Schell die katholische Bewegung derletzten Jahre nicht genügend berücksichtigt.

Dr. Otto Sickenbcrger,

Docent im erzbisch. Klerikalseminar in Freifing.

(Schluß folgt.)

Hans Holbein der Jüngere.

Ein Gedenkblatt zu dessen 400jahrigemGeburtstagsjubiläumvon A. Zottmann.

(Fortsetzung.)

In einem Werke aber» dem berühmtesten von allen,die aus seiner Hand existiren, weiß er sich höher zu er-heben und uns doch auch eine gewisse ideale Befriedigungabzugewinnen, nämlich in der weltbekannten Madonnades Bürgermeisters Meyer. Freilich ist dasselbe keinKölner Dombild an jungfräulich erhabener Hoheit undüberirdischer Würde, in welchem die Madonna dieHuldigung der Großen entgegennimmt, auch keine Six-tina, welche aus himmlischen Regionen herschwebend unsihr höchstes Gut, das göttliche Kind, entgegenbringt, son-dern es ist eine mitten unter ihren Schützlingen stehendeliebreiche Mutter von mehr irdischer Anmuth und Hoheit,aber ein Bild, das nicht abstößt und kalt läßt, sonderngeeignet ist, zu tiefer Andacht zu stimmen. Die gekrönteGottesmutter steht aufrecht in einer muschelförmig über-deckten Nische und hält das nackte, die linke Hand wiezum Segnen ausstreckende Jesukind. Ihr mattgrünerMantel breitet sich hinter der zu beiden Seiten knieendcnStiftergruppe aus und fällt links vom Beschauer einwenig auf die Schulter des mit innigem Vertrauen zuMaria aufblickenden, in kniender Stellung befindlichenBürgermeisters herab; vor ihm kniet ein halberwachsenerSohn, welcher sich um den jüngsten Sprößling annimmt;rechts vom Beschauer knien des Stifters beide Frauenund seine Tochter. Auf dem Fußboden ist ein prächtigerTeppich.

Mit großer Wärme schildert Woltmann die Ma-donna und die Stiftergruppe:Kein Gefühl aber lebtstärker in ihr, als das völlige Sichselbstvergessen, das Ganz-ufgehen in dem Kinde, das sie trägt. Nur um den Segen desfleischgewordenen Gottessohnes zu bringen, ist sie da, sie istnur da, indem sie und damit sie das Kind trägt. Mit beidenHänden hält sie es, sie, die bescheidene Magd des Herrn,die sich kaum werth hält des köstlichen Gutes, das inihren Armen ruht. Mutter und Kind sind wie eineGestalt, erfüllen eine Funktion. Dies segnet, und sieträgt; nicht die Geberin, nur die Bringerin der Gnadekann sie sein und will sie sein. Völlig ergriffen abervom Bewußtsein dieser Gnade kniet der treue Bürger-meister mit den Seinen. Mutter (?), Weib und Kindern,Lebenden und Heimgegangenen, unter ihr . . . ErnsteStimmung der Andacht breitet sich über sie Alle, undJedes nimmt nach seiner Art Theil am Gebet. . . .Demüthig wagt von ihnen Keines aufzuschauen und derHi'mmelserschcinnng Aug'in Auge zu begegnen; aber dievolle, innerste Gewißheit der Gemeinschaft mit dem

Heiligen durchdrängt sie alle und hält sie verbunden, undvon der Hand des göttlichen Kindes, die mild über sieausgebreitet ist, strömt auf sie nieder sein Segenswunsch:Friede sei mit euch!"

Das Bild hat eine ganze Literatur ins Leben ge-rufen, einmal behufs der näheren Erklärung und sodannwegen des Streites, welches von den zwei existirenden,ob das in der Dresdener Gallerie oder das in Darm-stadt das eigentliche Original sei. Am einfachsten erklärtsich das Gemälde als Votivbild des Bürgermeisters Meyer»welcher im Gegensatz zu einer starken Partei der StadtBasel am alten, katholischen Glauben unentwegt festhielt,und mit diesem herrlichen Bilde auch diesem unerschütter-lichen Glauben Ausdruck verliehen wissen wollte. Be-züglich des berührten, viel Staub aufwirbelnden Streitesbetreffs der Originalität sei nur Folgendes hervor-gehoben: Bis in die zwanziger Jahre unseres Jahr-hunderts war eigentlich nur das Dresdener Bildbekannt, aber auch weltberühmt. Anno 1822 nunwurde das jetzige Darmstädter für den Prinzen Wilhelmvon Preußen erworben, blieb aber unbeachtet, bis1830 der Kunsthistoriker Hirth es als Original demDresdener gleichstellte. Franz Kugler (1845) nahm schondessen Priorität an und glaubte, daß es ganz von Holbein sei, während er vermuthete, daß beim Dresdener zwarvon Holbein die Hauptsache, aber doch Einiges von Ge-hilfen gearbeitet sei. Aehnlich Waagen und Woltmann.Erst 1867 erklärte der Engländer Wornum das Dresdener Bild für eine Copie eines späteren Meisters, und dieHolbein-Ausstellung 1871 in Dresden, wo beide Bildernebeneinander verglichen werden konnten, bestätigte vollund ganz dieses Resultat. Seit der Zeit hat Darmstadt den Ruhm, Holbeins Original, eines der größten Meister-werke der Welt zu besitzen, während Dresden damit sichbegnügen muß, eine allerdings vortreffliche, durch dieHand eines Niederländer Meisters im 17. Jahrhunderthergestellte Copie dieser Perle deutscher Kunst sein Eigenzu nennen.

Was Holbein in dieser Zeit noch Beachtenswerthesgeleistet, das sind sein eigenes Porträt, verschiedenePorträts des Erasmns, des berühmten BuchdruckersFebronins, des Melanchthon, der Offenburgcrin, und dannverschiedene Holzschnittzeichnnngen zu Nandverzicrungenund Illustrationen von Büchern. Aber die eindringendeReformation war für Künstler wenig günstig, die Nach-frage nach Bildern und Aufträge für Künstler wurdenimmer weniger, ja es war ganz verpönt, überhauptBilder malen zu lassen. Kein Wunder, daß der in-zwischen mit einer gewissen, nach dem Porträt häßlichwie die Nacht erscheinenden Gerberswittwe verheiratheteMeister sich nach einem günstigeren Arbeitsfeld umsah.Sein Gönner, der gelehrte Humanist Erasmns, welchersich damals in Basel aufhielt und überallhin Verbind-ungen hatte, half ihn, ein solches finden. Derselbewendete sich an seinen Freund, den berühmten und edlenKanzler Thomas Morus in England, schickte ihm seinvon Holbein gefertigtes Porträt und empfahl den Künstler.Vom 18. Dezember 1525 ist folgende Antwort desKanzlers:Dein Maler, liebster Erasmus» ist einwunderbarer , Künstler; dennoch fürchte ich, daß ihmEngland nicht so fruchtbar und gewinnbringend vor-kommen wird, als er gehofft. Daß er es indeß nichtganz unfruchtbar finde, dafür will ich mein Möglichstesthun." Im Herbst 1526 verläßt daraufhin Holbein Weib und Kind und findet in England bei Thomas