Ausgabe 
(29.7.1897) 43
 
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<DOlstiuZuo. Mangel und Uebclstäude im heutigenKatholizismus nach Professor Dr. Schell in Würzburg und dessen Vorschläge zu ihrer Heilung. Ein Wortzur Verständigung von Dr. C. Braun, Dom-pfarrer in Würzburg, " betitelt sich die erste Schrift,welche zu den von Professor Dr. Schell angeregtenFragen Stellung nimmt. Der Zusatzzur Verständigung"zeigt die Absicht, in welcher die Schrift geschrieben wordenist. Niemand wird wohl annehmen wollen, daß in einereinzigen Schrift alle Punkte, welche durch Schell zu einerPrüfung und Besprechung nahegelegt werden, eingehendund allseitig berücksichtigt werden können. Es wird eineReihe von Darlegungen nothwendig werden, um nachjeder Seite in der Schell'schen Schrift das Berechtigtevoni Unberechtigten zu sondern und insbesondere mitpositiven Vorschlägen und Hilfsmitteln den vorhandenenUebelständen, Mängeln und Unvollkommenheiteu entgegen-zutreten und entgegenzuwirken.

Zwei große Vorzüge hat nun die Schrift vonDompfarrer vr. Braun, einmal in der schlichtesten Weiseden aus der Schell'schen Schrift vielen auch Wohl-gesinnten wie ein erlösendes Evangelium entgegen-bringenden Ruf nach Fortschritt als keineswegsSchell'schcs Ureigenthum zu zeigen, kein Geringererals Papst Leo XIII . und das vatikanische Concil erhälthiczu das Wort, sodann insbesondere die Grund-frage offen zu stellen, um welche es sich bei der Be-urtheilung der Schell'schen Vorschläge und der ihm eigenenAnsicht über die Quelle der vorhandenen Mißstände handelt.Schell selbst präcisirt in der vierten Auflage (S. 96) seineAuffassung dahin, daß seinAngriff gegen den Jesuiten-orden . . der objectiven, in der Logik der Sache selbstliegenden Wirkung seines (d. i. des Jesuitenordens, mo-linistischcn) GottcSbcgriffs und seiner theologischen Richtunggilt, welche eben der ganzen Auffassung und scelsorgerlicheuBehandlung der Religion ein eigenthümliches Geprägevon Mikrologie geben und seines Erachtens zu Erschein-ungen führten, welche von aktuellein Interesse sind."

Braun will nunversuchen, in die schwierigenFragen, um die es sich im Streite Schcll's mit denübrigen Gelehrten handelt, den nicht fachmännisch in derTheologie gebildeten Laien einen Einblick zu verschaffen".Dabei verfolge ich nicht den Zweck, über die theologischeStreitfrage ein Urtheil zu ermöglichen; nur den Stand-punkt will ich bezeichnen, welchen Schell in diesem Streiteeinnimmt; denn sonst kann man seine Schrift überhauptnicht hinreichend verstehen. In ihr dreht sich alles um denrichtigen Gottesbegriff, um Aseität, Molinismus, Mikro-logie, Schule der Jesuiten und Germaniker . ." (Braun,S. 41). Die beiden AbschnitteIV. Der Gottesbcgriff.Aseität" undV. Die Jesniteugcfahr. Der Molinismus "Und dieser Absicht gewidmet.

So soll denen, welche sich unterrichten und selbstprüfen wollen, die Möglichkeit gegeben werden, ihreigenes Urtheil sich zu bilden, ob wirklich an derJu-feriorität der Katholiken", deren Wesen und Geschichteim Abschnitt II besprochen wird, in der That die theo-logische Auffassung der Jesuiten über eine Reihe vonStreitfragen auf dein Gebiete der Glaubenslehren dieSchuld trägt, oder ob die von Schell nahegelegte An-sicht berechtigt ist, das; die Jnferiorität der Katholiken

daraus entspringe, daß man die von Schell bevorzugtengelehrten Schnlmeinnnge» nicht annahm, und daß Heilungnur davon zu hoffen sei, daß man sich auf die von ihmempfohlene Partei der Schulgelehrtcn schlage (Braun,S. 16). Es ist diese aufgeworfene Frage für dieEntwicklung der Streitsache von entscheidender Bedeutung.In letzter Linie handelt es sich darum: Wird wirklichder Katholizismus demJesuiten -System" abschwörenmüssen oder ist die Behebung der Mißstände bet deineinen oder anderen System gleich gut möglich? Greisendiese Fragen des Lebens, die zunächst angeschnittensind, wirklich so tief? Oder liegen sie mehr an reinäußeren Umständen? Gilt es nicht überhaupt in derReligion dasmenschliche und meuschelnde" Elementhüben und drüben zu bekämpfen?

Die geschichtlichen Ausführungen Dr. Brauns zurFrage derJnferiorität", zum Leo Taxil-Schwindel, zurthatsächlichen Bedeutung der Jcsuitenschnle, seine Dar-legung zu MauningsNeun Hindernissen" und das Ka-pitelZwölf Gefahren nach Cardinal Maunkng" bietenreichen Stoff, gerade über diese grundlegenden Fragensich klar zu werden.

Wir haben mir den Wunsch, daß jene, welcheSchells Schrift sich zu Eigen gemacht, mit derGrund-frage" nach Brauns Darlegungen sich beschäftigen unddieselbe auf die real gegebenen Verhältnisse unter rechtergeschichtlicher Würdigung und dem Streben nach prakt-ischer Arbeit anwenden mögen.

Briefe Napoleons I.

Briefe Napoleons I. sind soeben in zwei Bändenbei Plon in Paris erschienen. Auszüge veröffentlicht jetztdieKöln. Ztg.". Ohne Zweifel ist Napoleon I. einerder fruchtbarsten Briefschreiber der Welt gewesen; wie ersich mit allem beschäftigte, so schrieb er auch überall, überalles und au alle, über Päpste, Cardinäle und Priester,über Armee und Marine, über Frau von Stasi undSchauspielerinnen. Selbst vor und unmittelbar nach denSchlachten war er mit der Feder thätig, und aus seinerNieseugcschäftigkeit ist es zu erklären, daß die Gesammt-zahl seiner in den Nationalarchiven und Ministerien auf-bewahrten Briefe, dem Urtheile des fachkundigen Taiuezufolge, die stattliche Höhe von 80,000 erreicht.

Napoleon III. hatte den Prinzen Napoleon mit derVeröffentlichung beauftragt, dieser aber nahm den Auftragnur unter zwei Bedingungen an: erstens, daß aus demAusschusse zwei ihm mißliebige Persönlichkeiten, der Mar-schall Vaillant und der Schriftsteller Mörimse, ausgemerztwürden, und zweitens, daß die übrigen Ausschußmitgliederan die Arbeit mit dem festen Vorsätze heranträten,denKaiser vor der Nachwelt so erscheinen zn lassen, wie erselbst sich ihr zeigen wollte". Und daraikfhin dennkam eine Ausgabe gleichsam in umina Oslpstini zu Stande,welche die kaiserliche Familie schonte. Die jetzt publicirtenBriefe waren damals auch deßhalb von der Publicationgusgeschloffen, weil sie geeignet schienen, dielegendärePersönlichkeit" des Sohnes von Ajaccio zu entstellen undseinemPrestige" Abbruch zu thun. Eigentlich hättemau dem Prinzen Napoleon eine solche Rücksichtnahmekaum zutrauen sollen; er war cynischer Natur und pflegtesich ebenso cyuisch und absprechend auszudrücken, wie seingroßer Großvater. Aber unter den Familiemuitgliedern«