Ausgabe 
(29.7.1897) 43
 
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die der Kaiser mit seiner Galle bedachte, befand sich auchdes Prinzen Napoleon eigener Vater Hieronymus, weilandKönig von Westfalen, der in den Briefen noch amschlechtesten wegkam.

Mit einer Deutlichkeit, bar jeder Hülle, gibt sichLätitias berühmtester Sproß in den Briefen als ver-schlagener, ewig mißtrauischer und stets brutaler Despot,der an alles denkt, alles im Ange hat und sich in allesmengt, der überall und immer schnell und gewaltthätigeingreift, der eine Sprache führt, die ebenso scharf undgrob ist, wie die Maßregeln, die durch sie verfügtwerden.

Die Briefe sind an die verschiedensten Persönlich-keiten gerichtet: an den Grafen Nainusat, den Ministerdes kaiserlichen Hauses, der auch die Theater zu beauf-sichtigen hatte; au Lavalcttc, den Gcncralpostincister; anden Kriegsminister Clarke, Herzog von Feltre; an diebeiden Polizciminister Fonchö, Herzog von Otranto, undSavary, Herzog von Rovigo; an den Prinzen Eugen, Vicekönig von Italien; an den Fürsten Borghcse, Na-poleons Schwager, den Gcneralgouvcrneur des Gebietesjenseits der Alpen; an Marie Lonisc, Napoleons zweiteGattin; an Louis Napoleon, den König von Hol-land" u. s. w.

Die ergötzlichsten sind die an Nömnsat und Fonchö.Nöinnsat gegenüber spricht sich der Kaiser über dieWahl der Stoffe für Theaterstücke und Ballcts aus.Ein Ballet, das denTod Abels" behandelt, läßt derKaiser zur Aufführung zu, aber, wie er bemerkt, diebiblischen Stoffe behagen ihm nicht für die Bühne, dieseStoffe soll man der Kirche überlassen. Dagegen soll beider Stoffwahl die griechische und römische Geschichte be-vorzugt und die Autoren sollen in diesem Sinne ver-ständigt werden. Ein andermal beschwert sich der Kaiserbitter über die Aufführung einesDie Intrigantin" be-titelten Stückes. Es sei unglaublich, daß man mit einemso crzlangweiligen Machwerk den Hof habe anöden können.Obendrein könne das Stück bei all seiner Trottelhaftig-keit auch mißverstanden werden. Wie sei es möglich,daß die Censur das Produkt eines solchen Tölpels frei-gegeben habe? Die betreffenden Censoren seien entwederEinfaltspinsel oder Uebelwollendc (malvaillairts diesesWort gebraucht Napoleon sehr oft). Auf jeden Fallsolle der Minister unter den Censoren strenge Musterunghalten.

An Foucha wendet sich der Kaiser anläßlich desTagcns einer Versammluug von Cardin 8 lcn. DemKaiser ist zu Ohren gekommen, daß die Cardinäle mitanonymen Briefen überschüttet werden, die darauf ab-zielen, Agitationen wachzurufen. Suchen Sie heraus-zubekommen, schreibt der Kaiser, wer diejenigen sind, diealten Schwachköpfe" (vioux iivdöeiisk) in Bewegungzu setzen. Bemerkenswert!) ist ein Brief nach der Schlachtbei Großgörschcu (am 2. Mai 1813), den er ausKolditz am 6. Mai an die Kaiserin mit der Bitte schickte,sie möge folgendes Rnndschrei ien an dieBischöfcversenden lassen:Der vom Kai er und König, unseremliebwcrthcn Galten und Herrsch r, aus dem Feloe vonLätzen davongetragene Sieg soll nur als ein besonderesZeichen des göttlichen Schutzes betrachtet werden.Wir wünschen, daß Sie sich bei Empfang dieses mitdem, den es angeht, in Verbindung setzen, um ein Tc-denni singen zu lasse» und dem Gott der HeerschaarenDank abzustatten, und daß Sie Gebete, wie Sie es fürdas Passendste hatten, hinzusagen, um den göttlichen

Schutz auf unsere Waffen hcrabzuflehcn, besonders zurErhaltung der geheiligten Person des Kaisers, den Gottvor jeder Gefahr behüte! Seine Erhaltung ist ebensozum Glücke Europa's und dem des Reiches nöthig, wiezu dem der Religion, welche er gehoben hat und be-stimmt ist, zn befestigen. Er ist ihr aufrichtigster undwahrster Beschützer." Vor der Sprache der Bischöfehat er wenig Achtung, dennich bin ebenso sehr Theo-loge, wie sie, und noch mehr". Diebösen Priester"will er schlimmer behandeln, als einfache Bürger, weilsie unterrichteter sind und einen heiligen Charakterbesitzen.

Zwei Tage nach der Hochzeit mit Erzherzogin Louisevon Oesterreich geht ein Schreiben Napoleons an denPrinzen Eugen ab, das den gemessenen Befehl enthält,den Erzbischof von Bologna , Cardinal Oppozoni.schleunigst seiner Aemter und Würden zu entsetzen. Jchhabe diesen Kerl (den Erzbischof!), sagt Napoleon , mitAuszeichnungen und Wohlthaten überhäuft, ich habe seineSchurkereien zugedeckt, ich habe ihn einem strafrechtlichenVerfahren entzogen, und nun wagt es dieser Kerl, meinerHochzeit fern zu bleiben u. s. w. Oppozoni war nichtzur Vermählnngsfeicr Napoleons in Paris erschienen, unddarum wurde er kurzer Hand beseitigt. Nicht glimpf-licher als die Cardinäle behandelt Napoleon den Papst.Der Kaiser findet, daß der Papst sich in seiner Gefangen-schaft zu Savona schlecht betrage. In einem Schreibenan den Fürsten Vorghesc wird das auseinandergesetzt, undgleichzeitig wird gesagt, wie dieses schlechte Betragen zuahnden sei. Napoleon will den Papst damit bestrafen,daß er ihm den Hansstaat empfindlich einschränkt. Bis-her hat der Hausstaat monatlich 200,000 Francs ge-kostet; fortan soll er jährlich nur 12,00015,000 Francskosten. Auch soll Borghese darauf sehen, daß der Hanfevon Menschen (oo tav ä'ftommos drückt Napoleon sichaus), der den Papst umgibt und dessen Schreibereienbesorgt, vermindert werde. Das sei nothwendig, dennwas der Papst thue, fließe von Gift über.

Ein Schreiben an den Gcncralpostmeistcr enthältdie bündige Weisung, alle aus Spanien kommenden Briefe,nur die an die französischen Ministerien gerichteten aus-genommen, anzuhalten, zu öffnen und ihm, dem Kaiser,vorzulegen. Dem Kriegsminister wird der Befehl er-theilt, alle in Paris und in der Nähe, im Umkreise vondreißig Stunden, der Hauptstadt lebenden Engländerauszmveiscn und den ferneren Wohnort der Einzelner»zn bestimmen.

Ungewöhnlich heftig ist der an Lonis Napoleon, denKönig von Holland , gerichtete Brief gehalten. Der Kaiseräußert, indem er sich die gewohnten albernen Empfind-samkeiten seines Bruders verbittet, seine Entrüstung dar-über, daß Diener deS französischen Botschafters in Holland mißhandelt worden sind. Der Kaiser kündigt die Ab-berufung des Botschafters und dessen Ersetzung durcheinen Geschäftsträger an. Diesem Brief, der, wie alleübrigen, von Napoleon bittirt, also von ihm selber nichtgeschrieben ist, hat der Kaiser die eigenhändige Nachschriftbeigefügt:Antworten Sie mir mit keiner Ihrer ge-wohnten Redensarten, deren Falschheit hier bewiesen ist.Das ist der letzte Brief, den ich Ihnen in meinen»Leben schreibe."

Von Spott und Hohn durchtränkt ist das nurwenige Zeiten umfassende Billet, worin der Kaiserseinem lieben Fouchv mittheilt, daß ihm dessen Dienstenicht mehr gefallen. Fonchv möge sich fortan auf seinen