Ausgabe 
(7.8.1897) 45
 
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Ethik verliert damit ihre organische Geschlossenheit.IhrInhalt besteht nun bloß aus Geboten über die isolirtenHandlungen der Einzelnen." (Stahl, Geschichte derRechtsphilosophie III. Anst. p. 123.)

Die Verkeunnng des organischen Charakters derKirche sührt zu jenem Eifern gegen dasMenschcn-wcrk" in ihr, und unvermeidlich wird daunt auch dasMenschenwerk" außer ihr, die positive Gesetzgebung,herabgesetzt. Bei Luthers Lehre, daß der Mensch ganzund gar verderbt ist, toius irmlus, müssen ja auch seineSchöpfungen für nichtsnutzig gelten; bei seiner Be-hauptung von der Unfreiheit des Willens, sorvumarbitrium, müssen die Gebilde der sittlichen Welt zumRange von Naturprodukten Herabsinken.

Walther von der Vogelweide .

. Her >Valtber von äsr VvAsUvsiäe,

swer äos verMe^s äer tuet mir Isirls.(Herr Walther von der Vogelweidewer deß vergäße, der that' nur leide.)

Hug v. Trimberg.

sl. Lein.Walther von der Vogelweide mutz alsKlassiker deutscher Poesie gelten. Erst. Goethe hat dieWeise wieder gefunden, in der einst Walther gesungenhatte, und über die Fluth der Zeiten spannt sich dieBrücke von dem einen zum andern, von dem größtendeutschen Lyriker der neuen Zeit zu dem größten deralten, der auch, wer immer noch kommen möge» einerder ersten Dichter unseres Volkes bleiben wird." Mitdiesen Worten charakterisirt A. Schönbach in seinemvortrefflichen BüchleinWalther von der Vogelweide" (Dresden 1890, 2. Auflage 1896) diesen Dichtersternerster Größe für alle Zeiten.Er M der einzigedeutsche Dichter des Mittelalters, der uns an sich heran-zieht und über die Jahrhunderte weg zu uns spricht,dessen Leid und Freude wir mit ihm durchleben, der unsmitreißt in seiner Begeisterung und die Kraft seines hoch-beschwingten Idealismus auch in unsere Herzen flößt."Diesen Mann, dessen Lieder der niederen Minne, denschönsten Ausdruck der Empfindung, dessen die Sprachedamals fähig war, der Gegenwart, unseren Lesern etwasnäher zu rücken, ist der Zweck nachstehender Zeilen; wirfolgen bei unseren Ausführungen neben dem oben an-gegebenen Werke demjenigen von Hermann Paul DieGedichte Walthers von der Vogelweide" (2. Anst. 1895),WillmannsWalther von der Vogelweide" (2. Anfl.1883) und FässerWalther von der.Vogelweide" (1885).

DerAufklärung" war das Mittelalter der . tiefe,düstere Abgrund, in welchem sich die Cultur des klassischenAlterthums bei ihrem Sturze begraben hatte, und auswelchem die Menschheit nur mühsam wieder zum Lichteemporklomm.Mittelalterlich" undalbern, unwissend,beschränkt", das sind für den Sprachgebrauch der Auf-klärung gleichbedeutende Wörter; wenngleich irgend eineThorheit ganz jung und neu war, so wurde sie alsmittelalterlich abgestempelt und in der Raritätenkammerdes Aberwitzes imMittelalter" aufbewahrt. Auch deinmodernen Urtheil über das Mittelaltcr fehlt es, trotz derfast vollständigen Erschöpfung der Quellen, durchaus anKlärung. Dem großen Publikum der Gebildeten ist esnoch immer die finstere Zeit des Faustrechts, der Fcndal-gewglt, der Ketzergerichte und neuerdings der Juden-verfolgungen. Weiter pflegt man im allgemeinen wenigvon ihm zn wissen. Hat es doch vor etlichen Jahrenein Nector der ersten deutschen Universität über sich ge-

bracht, in feierlicher Rede zn behaupten, das christlicheMittelalter seidie Zeit tiefer Erniedrigung der Mensch-heit". Wahrlich, es gedeihen manche Früchte einer reichenGeistesthätigkeit und methodischer Forschung, aber aucherstaunlicher Bornirtheit im Schatten der akademischenHallen!

In manchen Lehrbüchern der Weltgeschichte wimmeltes von Angriffen auf das abergläubische Mittclalter;dieses ist aber für sie eine Empfehlung.. Einzelne Forscherstreben selbst in den germanischen Studien darnach, dasgeistige Vermögen der Deutschen alter Zeit möglichstniedrig einzuschätzen, wie es zn ihrer Vorstellung von derBarbarei dieser Epoche sich schickt. Dabei hilft noch einanderes: sehr viele deutsche Protestanten mit Durch-schnittsbildnng, überzeugt von der geistigen Jnferioritütihrer katholischen Zeitgenossen, können sich diese, sofernsie gläubig sind, nur als Dummköpfe vorstellen oder alsunehrliche Heuchler, verkappte Freidenker und Atheisten.Das beeinflußt dann auch ihre Ansicht von einer Zeit»welche vor der Kirchenspaltung, liegt: das Mittelalter, ent-behrte des Protestantismus, es kann nicht anders alsstumpfsinnig und blöde gewesen sein. Das Wesen derMenschen des Mittclalters kaun nur aus dem Mittel-alter selbst verstanden werden. Das Geistesleben injener Zeit aber war ganz und gar von der Religiondurchdrungen und geleitet; sie umschloß nicht nur dasWissen von Gott, das Verhältniß zwischen Gott und denMenschen, der Pflichten der Menschen gegen einander, eswurde auch alle Kenntniß von der Welt überhaupt durchdie Religion vermittelt; das Wissen über die Dinge derWelt war im Grunde nur ein Wissen von Gott undfeinem Werke; das Universum war von Gott erfüllt, unddarum war die Religion der Athem des mittelalterlichenLebens.

Zn diesem Urtheil kommt Schönbach. Es ist diesesnicht neu; denn andere, wie Maser und Franz Pfeiffer, haben einen ähnlichen Standpunkt für das Studiummittelalterlicher Literatur gefordert. Letzterem ist auchder tiefste Gründ, in dem die Poesie des Mittclalterswurzelt und aus dem sie ihre beste Nahrung gesogenhat, der religiöse Glaube und die Gottbegcisteruug. Werbis zu diesem Grunde nicht vorzudringen sucht, der erfaßtdas Mittelalter und seinen Geist nur halb und kaumdas". Diese leitenden Gesichtspunkte hat.zuerst und in.herrlicher Weise thatsächlich und praktisch Schönbach anunserem größten Lyriker der älteren Periode durchgeführt.Wie ganz anders steht jetzt Walther da! Während andereihn als einen Vorläufer Luthers und als Vorkämpferprotestantischen Geistes darstellen, weist. Schönbach aufüberzeugende Weise nach, daß Walther von der Vogel-weide. ein Christ in vollem und ganzem Sinne seinerZeit lvar. Obwohl der brave Schulmeister von Bambcrg,Hug von Trimberg, des Logelweiders Lieder und vor-nehmlich seine Sprüche mit einem so dankbaren Gemüthezu würdigen verstand, daß er das Lob des Dichtersin die um ihrer Schlichtheit wegen schönen Verse aus-sprach, die wir an die Spitze unserer Abhandlung stellten,so würde er doch lange Zeit vergessen. Mit dem 15. Jahr-hundert schwindet seine Spur» mit dem ganzen geistigenLeben des Mittclalters ist für die Geschlechter derRenaissance, des Humanismus und der Reformation auchWalther versunken.

Wenn auch im 17. und 18. Jahrhundert hin undwieder der Versuch gemacht wurde, die altdeutsche Li-teratur zn erwecken und damit Walther von der Vogel-