Ausgabe 
(7.8.1897) 45
 
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weide von neuem vortreten zn lassen, so war der Erfolgjedesmal nur ein sehr geringer; denn die Zeit war dafürnoch nicht reif, andere Aufgaben lagen näher und warendringender. Erst die Romantik, die Nachbliithe unsererneuen klassischen Dichtung, hat zur Zeit der Knechtschaftund Zerrüttung des Vaterlandes das Herz zu stärkengesucht durch die Aufhellung des deutschen Mittelalters.Die deutsche Philologie entstand, und seither haben diebedeutendsten Forscher in dieser Wissenschaft ihre Auf-merksamkeit von Wallher nicht mehr gelassen. Einer deredelsten deutschen Dichter, der letzte große Sänger derRomantik, der bedeutendste Kenner zugleich des alt-deutschen Minnegesanges, Ludwig Nhland, hat 1822 zuerstdas Leben und Wirken Walthers von der Vogelweidebeschrieben, ein Bild entworfen, das wohl in einzelnenZügen die historische Kritik nicht entbehren kann, aberin seiner Gesammtheit durchaus lebenswahr und in an-ziehender Wärme geschrieben ist. Als Uhlands frische,mit poetischem Zauber ausgestattete Schrift die Gestaltdes- großen Minnesängers an das Licht zog, erwachte einallgemeines und lebhaftes Interesse sowohl für die Personals' für die Dichtungen des beinahe sagenhaft gewordenenWalther. Namhafte Forscher, wie V. v. Hagen , M.Riegcr, R. Menzel, W. Willmanns rc. rc., be-mühten sich mit großem Eifer die Lcbensumstände desDichters zu erforschen. Man veranstaltete sorgfältigeAusgaben seiner Gedichte und übersetzte sie ins Hoch-deutsche.

Die Lieder Walthers sind wie die der übrigenMinnesänger in der Regel zuerst einzeln oder in kleinenGruppen von gleicher Strophenform und Melodie (mittelh.äon oder wkso) verbreitet, einerseits durch mündlicheUeberlieferung, anderseits durch Aufzeichnung aus ein-zelne Blätter, die neben dem Text auch die Melodie zuenthalten pflegten. Es haben sich dann Sammler ge-funden, welche eine Anzahl von Liedern theils des gleichen,theils verschiedener Verfasser in ein Liederbuch vereinigten.Aus diesen Liederbüchern endlich sind gegen Ende des 13.und im 14. Jahrhundert größere Sammlungen entstanden.Von diesen sind uns mehrere erhalten, während die Einzel-aufzeichnungen und die kleineren Liederbücher verloren ge-gangen sind, und bilden nun die Hanptquellen für unsereKenntniß Walthers wie der übrigen Minnesänger. Diedrei wichtigsten sind die Heidelberger Handschrift, dieWeingartner, jetzt Stuttgarter, die Pariser, auch alsManessische bezeichnet, jetzt in Heidelberg. Die erstekritische Ausgabe von Walthers Gedichten erschien imJahre 1827 von K. Lach mann, die Grundlage füralle späteren Ausgaben und noch immer die einzige, dieden vollständigsten kritischen Apparat bietet. Eine voll-ständige Ilebersetzung hat zuerst Simrock geliefert (1833);sie ist bis jetzt auch die beste, denn er hat bei der Ueber-tragung ins Neuhochdeutsche den Dichtungen Walthersdie Zartheit wie die Kraft auch in der neuen Form zuerhalten verstanden. Andere Uebersctzungen sind die vonKoch (1848), Weiske (1852), Pannicr (1876); die vonAd. Schröter (1881) bietet manche Gedichte, namentlichMinnelieder, in ansprechenderer Gestalt als Simrock,verwischt aber in hohem Grade die Eigenthümlichkeitdes Originals.

Das Schwierigste bezüglich unseres Dichterheros istdie Feststellung der Lebensnmstände desselben. Die ein-zigen Quellen, aus denen man schöpfen kann, sind dieAndeutungen in seinen Gedichten. Nur wenige zerstreuteAeußerungen von Zeitgenossen stehen uns noch zu Gebote,

ein unzureichendes Material, um bestimmte Behauptungenüber sein Schicksal aufzustellen, dagegen ein weites Feldfür uferlose Combinationen. Und an solchen hat es nichtgefehlt; der Ort seiner Geburt ist so ziemlich allen süd-deutschen Stämmen zugedacht worden. Ließen sich solcheDinge durch Volksabstimmung entscheiden und finge mauheute damit in Tirol an, so bliebe kein Zweifel, daßWalthers Vaterhaus der Vogclweidehos im Layener Riedgewesen sei. unweit der schnellfliehendcn Eisak, am süd-lichen Abfalle der Brennerstraße, in einer der schönstenGegenden Südtirols. Allein bewiesen kann dieses nichtwerden; es ist dieses eben eine Vermuthung. Wennunter den möglichen Gebnrtslanden Walthers heute inder öffentlichen Meinung Tirol die erste Stelle ein-nimmt, so verdankt es dies nur dem Eifer und der Be-triebsamkeit seiner Vertreter (namentlich I. Zingcrle's),aber keineswegs der besseren Beschaffenheit der Gründe;von einem Beweise kann überhaupt nicht die Rede sein.Alle Schlüsse, die man für Tirol vorgebracht hat, hängenvöllig in der Luft, alle historischen Erörterungen ver-dichten sich nirgends zu etwas Greifbarem. Nicht eineinziger Aufenthalt Walthers in Tirol ist nachgewiesen.Wenn auch Niederösterreich noch den besten Anspruch hat,als die Heimath des Dichters angesehen zu werden, sowird doch kein Verständiger den Tirolern ihre Freudean Walther von der Vogelwcide, dessen Jdcalgcstalt vonMeister Heinrich Natter aus dem Johannisplatz zu Bozen aufgerichtet wurde, mißgönnen wollen. Niemand hatmehr dazu gethan, das Andenken Walthers aufzufrischenund den Sinn der Gegenwart dafür wach zn halten, alsdie Tiroler. Und ist dem Standbilde eines anderenDichters eine schönere Stätte beschert, als demjenigenWalthers auf dem Markte der malerischen Kaufherrn-stadt, bei ihren Rebcngehängen und Frnchtkörben, imNahmen der wundervollen Berge, unter dem blauenHimmel, umweht von der weichen, warnten Luft?

Wenn lvir so eingestehen müssen, daß wir über dieHeimath des Dichters nichts wissen, so sind wir etwasbesser über die Zeit seiner Geburt unterrichtet. NachAngaben, die der Dichter in einem seiner späteren Liedermacht, kann er nicht lange vor 1170 geboren sein (1168)und muß etwa in der zweiten Hälfte der achtziger Jahresein poetisches Lebenswerk begonnen haben. Waltherstammte aus einem ritterbnrtigen Geschlechte. Das be-weist der ihm übereinstimmend von seinen Zeitgenossenund den jüngeren ihm der Zeit nach noch nicht zu fernstehenden Dichtern und Handschrifteuschreibern beigelegteTitel der. Daß er auch wirklich die Ritterwürde er-worben hat, ist an sich nach der Sitte der Zeit wahr-scheinlich. So sicher Walther der Sprosse eines edlenGeschlechtes war, so gewiß ist er auch arm gewesen. Erwar auf die Gnade anderer angewiesen. Sein Bildungs-gang wird der gewöhnliche eines Ritters gewesen sein.Es ist nicht wahrscheinlich, daß er schnlmäßig in derGelehrsamkeit seiner Zeit unterrichtet ist. Einem jungenManne von seiner Abkunft und seinen Verhältnissenstanden damals nicht allzuviele Wege offen. Am nächstenlag es, in den Dienst eines größeren Herrn zu treten,mit dessen Geschick das eigene zn verflechten, seine Fehdenzn schlagen und sein Brod zn essen. Wir wissen nicht,welche Lebenspläne Walther hegte; aber es scheint, daßder Ruf von dem Glänze und der Herrlichkeit des Hofesder Babenberger bis in seine entlegene Heimath ge-drungen war und er durch irgend eine Verbindung nachWien an den Hof Herzog Leopolds V. gekommen, wahr-