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scheinlich als Beiläufer eines vornehmen Herrn oder in §
dem Edelgesinde des Herzogs selbst . Hier halte er , wie
Walther selbst sagt , Gelegenheit , die höfische Sangesknnst ,
das „ Singen und Sagen " , zu erlernen . Eine ganze
Schaar von Dichtern hatte die Huld des edelgesinnten
Babenbergers hergezogen , welche in kunstvollen Gesängen ,
in ernsten und heiteren Weisen wetteiferten ; sie alle
pflegten den höfischen Minnegesang als eine Kunst , welche
der geselligen Unterhaltung diente : da ist ein Herr Diet¬
mar von Aist aus Oberösterreich , da ist die prachtvolle
ritterliche Erscheinung des Kaiser Rothbart vertrauten
Freundes , Friedrich von Hausen , der Niederländer Heinrich
von Veldeke , der Bayer Albrecht von Johannsdorf , die
glänzende Gestalt des schwungvollen und leidenschaftlichen
Thüringers Heinrich von Morungen . Unter all diesen ist
einer für Oesterreich besonders wichtig geworden , Herr
Neinmar , den man den Alten nennt , um ihn von dem
späteren Sprnchdichter Neinmar von Zweier zu sondern .
Er entstammte einem edlen Geschlechte , wahrscheinlich aus
Hagenau im Elsaß , wie einige rühmende Verse zu schließen
gestatten , welche sein Landsmann Gottfried von Stra߬
burg ihm , „ der Leitefrau der deutschen Nachtigallen " ,
nachruft . Er wird um 1160 geboren sein und muß
schon um 1180 eine Stellung am Wiener Hofe bei
Herzog Leopold V . gewonnen haben . Neinmar war ein
welcher und feiner Mensch , von seltener Zartheit und
Reinheit des Gemüthes . Takt und Geschmack , der Sinn
für die Zierlichkeit der Form gehörten zu seiner ursprüng¬
lichen Begabung , sowohl im Spiel der Gedanken als im
Bau des Verses und den Verschlingnngen der Reime .
Mögen sich auch die jugendlichen Lieder Neinmars nicht
mit der Feinheit , Glätte und Liebenswürdigkeit der
späteren vergleichen lassen , sie rühmen doch bereits den
Meister der Sprache und des Wohllautes , den klugen
Herzenskündiger , der die Lust des Liebesschmerzes tiefer
erforscht hat als sonst einer unter den deutschen Minne¬
sängern . Dieser Mann war der Lehrer Walthcrs von
der Vogelwcide ; an einen förmlichen Unterricht werden
wir allerdings nicht zu denken haben . Wir haben von
Walther keine Lieder aus einer Zeit erhalten , die vor
seiner Bekanntschaft mit der Poesie Nernmars läge . In
den ältesten Stücken bereits schlägt der Einfluß des Lehrers
mächtig durch , und es ist nicht uninteressant , daß viel¬
leicht das erste der uns bewahrten Gedichte Walthers
über die Dürftigkeit und Oede der Welt klagt . Das
sind nur leere Formeln , die da zusammengetragen wurden ,
die Erfahrung fehlt , Mißmuth spricht aus dem Jüngling ,
weil die Welt ihm keinen Raum gönnt , seine Bemühungen ,
emporzukommen , sind erfolglos , überall steht ihm seine
Acrmlichkeit im Wege . Auch die nächstfolgenden Gedichte
entbehren der Frische des wirklichen Lebens ; es ist an¬
gelernt , schmeckt nach der Schule und ist gemacht . Bald
aber tritt ein frischerer Ton in seinen Liedern zu Tage ,
so in dem Liede :
Lumer undo dinier bsids sink
Zuotss Mannes tröst , der tröste « Zert .
In munter springenden Daktylen rühmt Walther den
rothen Mund der Frau , welche ihm freundlich lächelnd
begegnet ist :
„ IVol inieli der stunde , das toll sie erkunde ,
diu mir den lix und den inuot Kat bst ^ vnnZen . "
( Fortsetzung folgt . )
Aus der Hinterlassenschaft des Lxsrollus
kaslieus .
Von Hugo Arnold .
( Nach Vortrügen in der Anthropologischen Gesellschaft
und im Historischen Verein von Obcrbayern zu Münchens
( Schluß . )
Aus den römischen Festungen und den vor ihren
Thoren gelegenen Lagerstädtcn ( eanaliae ) sind eine statt¬
liche Reihe bedeutender Städte und ansehnlicher Ort¬
schaften erwachsen . Eine beträchtliche Anzahl der Castelle
und der Lagerstädte ist freilich in den Stürmen der
Völkerwanderung völlig vernichtet worden und derart
verschollen , daß wir ihre Lage vorläufig nicht bestimmen
können , und zwar am Limes , an der Teuselsmauer :
Lextemzaoi , l - osocUen ; an der Donaulinie : Venaxa -
moänro , karra - äuno ( vielleicht Aislingcn ? ) , I ' ebianis ,
Rips , krimu , kinianis , ^ ugustanis ; an der Jller -
linie : Vimnnin , Oassilinenra . Für zwei erst in jüngster
Zeit am Limes ausgegrabene Castelle bei Dambach und
bei Nuffenhofen kennen wir die Namen nicht , wenn wir
sie nicht mit den soeben erwähnten I ^ osoäieg , und
Zextemzaoi belegen dürfen .
Etwas interessanter gestaltet sich die Sache bet
folgenden Ortschaften , bei denen zwar die römischen
Namen ebenfalls zu Verlust gegangen sind , Lei denen
aber ihrer Lage wegen anzunehmen ist , daß sie ihren
Ursprung auf die Lagerstädte zurückführen oder mit diesen
wenigstens in Zusammenhang stehen , nämlich am Limes :
Gunzenhausen ( ein kleines namenloses Castell ) , Gnotzheim
( bei Neäiams ) , Thcilenhofen ( leimneo ) , Lirieiains
( Wcißenbnrg ) , Psünz ( Vetovig,nis ) , Kösching ( 6ermar > ieo ) ,
Oeleuso ( Pföring ) ; an der Donau : komone ( Faimingcn ) ,
Lsrvioäuro ( Straubing ) und vielleicht auch das Dorf
Manching ( Vallato ) .
Stärker treten jene Ortschaften hervor , welche ihre
römischen Namen bis in unsere Tage erhalten haben ,
wenn auch in einer durch die Zunge der Jahrhunderte
abgeschliffenen und verballhornten Form . Das sind am
Limesanfang die beiden Donaubrückenköpfe Jrnsing
( ^ rnssna ) und Einstig ( ^ stusina ) , an der oberen
Donau : Druishestn ( Orusomagus ) , an der untern
Donau : . Künzing ( Huintnnis ) , am Jun : Beidcrwicse
( Lojoäuro ) , an der Jller : Onmstoärmo ( Kempten ) ,
OAio oder Oälius moiig ( Kellmünz ) . Und das meiste
Interesse rufen wohl jene drei Donaustädte hervor , die
nicht aus Lagerstädtcn entstanden , sondern in die ehe¬
maligen römischen Bollwerke selbst eingebaut sind : Günz -
burg ( duntin ) , Onstrn Hsginn ( Ncgensburg ) und Ln -
tnvis ( Passan ) . Zu ihnen tritt noch Augsburg , das aus
der glänzenden Hauptstadt Nätiens , Lugnsia . Vinäeli -
eornm , sich zu seiner heutigen Blüthe entwickelt hat .
Wie vielfach in anderer Weise , sobald sonstige histor¬
ische Quellen versagen , dienen uns diese Ortsnamen nach
der positiven wie nach der negativen Seite hin als Führer .
Wenn bei den Orten der letztgenannten Kategorie sich der
römische Name erhalten hat , der mcistentheils selbst
wiederum aus vorrömischer , aus keltischer Wurzel ent¬
sprossen ist , so liegt darin doch sichtlich ein sprechender
Beweis dafür , daß an diesen Stätten , ungeachtet aller
durch die Einfälle und Verheerungen der Germanen ver¬
ursachten Bevölkerungsmindernngen , ein constanter Stock
von Romanen seine Existenz gerettet hat . Romanen sind
dauernd hier oder in der nächsten Umgebung wohnen ge¬
blieben , haben die Ortsnamen ebenso fortgepflanzt wie
die gleichfalls romcmisirten keltischen Flnßnamen und sie