Ausgabe 
(7.8.1897) 45
 
Einzelbild herunterladen
  

316

scheinlich als Beiläufer eines vornehmen Herrn oder in §dem Edelgesinde des Herzogs selbst. Hier halte er, wieWalther selbst sagt, Gelegenheit, die höfische Sangesknnst,dasSingen und Sagen", zu erlernen. Eine ganzeSchaar von Dichtern hatte die Huld des edelgesinntenBabenbergers hergezogen, welche in kunstvollen Gesängen,in ernsten und heiteren Weisen wetteiferten; sie allepflegten den höfischen Minnegesang als eine Kunst, welcheder geselligen Unterhaltung diente: da ist ein Herr Diet-mar von Aist aus Oberösterreich, da ist die prachtvolleritterliche Erscheinung des Kaiser Rothbart vertrautenFreundes, Friedrich von Hausen, der Niederländer Heinrichvon Veldeke , der Bayer Albrecht von Johannsdorf, dieglänzende Gestalt des schwungvollen und leidenschaftlichenThüringers Heinrich von Morungen . Unter all diesen isteiner für Oesterreich besonders wichtig geworden, HerrNeinmar, den man den Alten nennt, um ihn von demspäteren Sprnchdichter Neinmar von Zweier zu sondern.Er entstammte einem edlen Geschlechte, wahrscheinlich ausHagenau im Elsaß, wie einige rühmende Verse zu schließengestatten, welche sein Landsmann Gottfried von Straß-burg ihm,der Leitefrau der deutschen Nachtigallen",nachruft. Er wird um 1160 geboren sein und mußschon um 1180 eine Stellung am Wiener Hofe beiHerzog Leopold V. gewonnen haben. Neinmar war einwelcher und feiner Mensch, von seltener Zartheit undReinheit des Gemüthes. Takt und Geschmack, der Sinnfür die Zierlichkeit der Form gehörten zu seiner ursprüng-lichen Begabung, sowohl im Spiel der Gedanken als imBau des Verses und den Verschlingnngen der Reime.Mögen sich auch die jugendlichen Lieder Neinmars nichtmit der Feinheit, Glätte und Liebenswürdigkeit derspäteren vergleichen lassen, sie rühmen doch bereits denMeister der Sprache und des Wohllautes, den klugenHerzenskündiger, der die Lust des Liebesschmerzes tiefererforscht hat als sonst einer unter den deutschen Minne-sängern. Dieser Mann war der Lehrer Walthcrs vonder Vogelwcide; an einen förmlichen Unterricht werdenwir allerdings nicht zu denken haben. Wir haben vonWalther keine Lieder aus einer Zeit erhalten, die vorseiner Bekanntschaft mit der Poesie Nernmars läge. Inden ältesten Stücken bereits schlägt der Einfluß des Lehrersmächtig durch, und es ist nicht uninteressant, daß viel-leicht das erste der uns bewahrten Gedichte Walthersüber die Dürftigkeit und Oede der Welt klagt. Dassind nur leere Formeln, die da zusammengetragen wurden,die Erfahrung fehlt, Mißmuth spricht aus dem Jüngling,weil die Welt ihm keinen Raum gönnt, seine Bemühungen,emporzukommen, sind erfolglos, überall steht ihm seineAcrmlichkeit im Wege. Auch die nächstfolgenden Gedichteentbehren der Frische des wirklichen Lebens; es ist an-gelernt, schmeckt nach der Schule und ist gemacht. Baldaber tritt ein frischerer Ton in seinen Liedern zu Tage,so in dem Liede:

Lumer undo dinier bsids sink

Zuotss Mannes tröst, der tröste« Zert.

In munter springenden Daktylen rühmt Walther denrothen Mund der Frau, welche ihm freundlich lächelndbegegnet ist:

IVol inieli der stunde, das toll sie erkunde,

diu mir den lix und den inuot Kat bst^vnnZen."

(Fortsetzung folgt.)

Aus der Hinterlassenschaft des Lxsrolluskaslieus.

Von Hugo Arnold .

(Nach Vortrügen in der Anthropologischen Gesellschaftund im Historischen Verein von Obcrbayern zu Münchens (Schluß.)

Aus den römischen Festungen und den vor ihrenThoren gelegenen Lagerstädtcn (eanaliae) sind eine statt-liche Reihe bedeutender Städte und ansehnlicher Ort-schaften erwachsen. Eine beträchtliche Anzahl der Castelleund der Lagerstädte ist freilich in den Stürmen derVölkerwanderung völlig vernichtet worden und derartverschollen, daß wir ihre Lage vorläufig nicht bestimmenkönnen, und zwar am Limes, an der Teuselsmauer:Lextemzaoi, l-osocUen; an der Donaulinie: Venaxa-moänro, karra-äuno (vielleicht Aislingcn?), I'ebianis,Rips, krimu, kinianis, ^ugustanis; an der Jller-linie: Vimnnin, Oassilinenra. Für zwei erst in jüngsterZeit am Limes ausgegrabene Castelle bei Dambach undbei Nuffenhofen kennen wir die Namen nicht, wenn wirsie nicht mit den soeben erwähnten I^osoäieg, undZextemzaoi belegen dürfen.

Etwas interessanter gestaltet sich die Sache betfolgenden Ortschaften, bei denen zwar die römischenNamen ebenfalls zu Verlust gegangen sind, Lei denenaber ihrer Lage wegen anzunehmen ist, daß sie ihrenUrsprung auf die Lagerstädte zurückführen oder mit diesenwenigstens in Zusammenhang stehen, nämlich am Limes:Gunzenhausen (ein kleines namenloses Castell), Gnotzheim (bei Neäiams), Thcilenhofen (leimneo), Lirieiains(Wcißenbnrg), Psünz(Vetovig,nis), Kösching (6ermar>ieo),Oeleuso (Pföring); an der Donau : komone (Faimingcn),Lsrvioäuro (Straubing ) und vielleicht auch das DorfManching (Vallato).

Stärker treten jene Ortschaften hervor, welche ihrerömischen Namen bis in unsere Tage erhalten haben,wenn auch in einer durch die Zunge der Jahrhunderteabgeschliffenen und verballhornten Form. Das sind amLimesanfang die beiden Donaubrückenköpfe Jrnsing(^rnssna) und Einstig (^stusina), an der oberenDonau : Druishestn (Orusomagus), an der unternDonau: .Künzing (Huintnnis), am Jun: Beidcrwicse(Lojoäuro), an der Jller: Onmstoärmo (Kempten ),OAio oder Oälius moiig (Kellmünz ). Und das meisteInteresse rufen wohl jene drei Donaustädte hervor, dienicht aus Lagerstädtcn entstanden, sondern in die ehe-maligen römischen Bollwerke selbst eingebaut sind: Günz-burg (duntin), Onstrn Hsginn (Ncgensburg) und Ln-tnvis (Passan). Zu ihnen tritt noch Augsburg , das ausder glänzenden Hauptstadt Nätiens, Lugnsia. Vinäeli-eornm, sich zu seiner heutigen Blüthe entwickelt hat.

Wie vielfach in anderer Weise, sobald sonstige histor-ische Quellen versagen, dienen uns diese Ortsnamen nachder positiven wie nach der negativen Seite hin als Führer.Wenn bei den Orten der letztgenannten Kategorie sich derrömische Name erhalten hat, der mcistentheils selbstwiederum aus vorrömischer, aus keltischer Wurzel ent-sprossen ist, so liegt darin doch sichtlich ein sprechenderBeweis dafür, daß an diesen Stätten, ungeachtet allerdurch die Einfälle und Verheerungen der Germanen ver-ursachten Bevölkerungsmindernngen, ein constanter Stockvon Romanen seine Existenz gerettet hat. Romanen sinddauernd hier oder in der nächsten Umgebung wohnen ge-blieben, haben die Ortsnamen ebenso fortgepflanzt wiedie gleichfalls romcmisirten keltischen Flnßnamen und sie