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den Deutschen überliefert. Und der Sachlage nach könnendiese Romanen keine anderen Leute gewesen sein, als dieNachkommen der Insassen der «anadno, der Lagerstädte,deren Einwohnerschaft ihre Ahnherren und Vater, ihreOnkel und Vettern in den Soldaten der Besatzungen zusuchen und die während der stürmischen Kriegsläuste sichhinter die Mauern der Castelle geflüchtet und schließlichdort ihre Hütten aufgeschlagen hat. Die armen Teufelsind von den einwandernden Germanen auch keineswegsmit Stumpf und Stiel ausgerottet worden, denn dasfrühzeitige Auftauchen christlicher Gemeinden in Augs-burg, Kempten und Künzing kann nur auf diese Romanenzurückgeführt werden; in Kempten kommen außerdem nochim 12. Jahrhunderte Leute mit romanischen Personen-namen vor, und zu Negensburg trägt die Wahlen- (d. i.Maischen-) Gasse an der Westfront des einstigen Castellsvielleicht nicht von den mittelalterlichen lombardischenKaufleuten, sondern von dem fortlebenden Reste derRomanen ihren Namen.
Unter solchen Umständen ist gewiß auch ein Nieder-schlag der romanischen Bevölkerung unter den Germanengeblieben und sicher begegnen uns dessen Spuren unterder schwarzhaarigen, dunkeläugigen, brünetten Menschen-schichte, welche die Aufmerksamkeit der anthropologischenForscher von jeher so stark auf sich gezogen hat.
Ursprünglich stammten ja weitaus die meisten röm-ischen Soldaten, sowohl der Legionäre wie der Auxiliaren,aus südlichen Ländern oder aus Nationen, denen dunkleHaut- und Haarfarbe heutzutage noch als besonderesKennzeichen eigen ist, und die Vererbung der dunklenKoloratur liegt bei der Zähigkeit dieser Schattirung inder Natur der Dinge. Ich habe seiner Zeit Jahrehindurch zu Negensburg in Garnison gestanden, und wennich an den liebreizenden, schwarzbezopftcn und schwarz-kirschäugigen schönen Töchtern ethnologische und ästhetischeStudien anstellte — in allen Züchten und Ehren na-türlich, wofür ich mich auf das Zeugniß des StadtvatersHerrn von Stobäus berufen kann, — da ist mir gar oftLeim Anblick des Mandelschnittes der Angen, des Gesichts-ovals und der Färbung von Haut und Haar das Dichter-wort durch den Kopf gefahren:
Wo sich das Strenge mit dem Zarten.
Wo Starkes sich und Mildes paarten.
Da gibt es einen guten Klang —
und wenn die Herzen dieser Schönen wärmer für daszwiefärbige Tuch schlugen, so fand ich, daß die Wahl-verwandtschaft im Blute liege, weil ihre Urahnen sicher-lich auch den Fahnen folgten — im rätischen Armeecorps.
Ich kann nicht schließen, ohne im besonderen nochder Wirkung zu gedenken, welche das römische Heer anden Grenzen, also auch das Heer in Rätien , in ewigerDauer auf die Germanenwelt und damit auf die Ge-staltung der gesummten Weltgeschichte ausübte. Als dieGermanen auf die Römer stießen, waren sie in einerfortschreitenden Verschiebung, im Zuge nach Westen be-griffen und trieben die im Herzen Deutschlands sitzendenKelten vor sich her. Das Entgegentreten des römischenHeeres gebot ihnen Halt, vor dem mächtigen Grenzwallmit seinen dräuenden Festungen, an den bollwerkbehntetenUfern des Rheins und der Donau stauten sich die mitKind und Kegel wandernden germanischen Völkerzüge,sie wurden gezwungen, aus einem halben Nomadenlebenschweifender Hirten und Jäger zu fester Ansiedlung unddamit zum Ackerbau überzugehen; sie verwandelten sichül ansässige Bauern, die ihre Heerden weideten und
hinterm Pfluge gingen. Dadurch wurde der Boden zusicherer Cultur auch bei ihnen gelegt. Gleichzeitig ver-anlaßte aber der gewaltige Druck des Nömerthums, daßdie vielen kleinen Stämme und Völkchen sich zu gemein-samem Handeln enger zusammenschlössen und die Grund-lage bildeten für die mächtigen Vereinigungen, aus denendie großen Stammesverbände der Alamanen, Franken,Thüringer und Bayern erwuchsen. Im Kampfe desSchwertes und des Pfluges gegen die Römer wurde dasdeutsche Volksthum geboren, in harten Nöthen erwachtedas nationale Bewußtsein, unter ihren neuen Namengriffen die Stämme handelnd und thätig in die Geschichteein. Als neue politische Einheiten wurden sie den Römerngefährlich und fingen an, die Grenzen dauernd zu über-schreiten, als Vorkämpfer die Franken und Alamanncnvoran.
An der Bildung des deutschen Volksthums, an derEntstehung unserer Nation hat somit seinen vollgemessenenTheil gehabt der am Limes und an der Donau auf derWacht stehende
Lxeroiius Rnatious.
Culturgeschilhtliche Bilder aus Bayern .
L. Die Gerichtsverhandlungen beim kurfürst-lichen Pfleggericht Reichenhall vom Jahre1685-1799.
(Schluß.)
6i. b'. Ein besonders wachsames Auge hielt man, umin der Polizeiordnung fortzufahren, aus die Fremden-polizei; alle im Gerichtsbezirk sich aufhaltenden Per-sonen waren controlirt, alle Fremden mußten dem Pfleg- >gcricht gemeldet werden. Ein Bauer zu Fager wird 1717 ^mit 1 Tag Amtshaus und Androhung noch größererStrafe belegt, weil er, ohne daß er dies der Obrigkeitangezeigt, „einen fremden Pechler beherbergt", und 1722erhielt ein anderer Bauer 1 T dl. Strafe „wegen Be-herberung fremder Leut". 1744 hatte unter dem Betreff„mießiges herumgchn in hiesiger Statt" der Rath derStadt beim Pfleggericht Beschwerde geführt über eineFrauensperson, die, obwohl vor 5 Wochen „wegen mießigenAufenthalts" stadtverwiesen und jenes Mal dem Amtmann,als er sie im Gerichtsauftrag „auf dem Platz carbätscheuwollte", entsprungen war, nun gleichwohl wieder hiersei. Sie erhält wiederum „15 Oardütsasi-Ltraieir",kam jedoch zum dritten Mal in die Stadt, was ihr „90Eardätsoü-Ltra.ivlr's eintrug; wegen „mießigen herum-schlenzens in der Statt" erhält eine andere Person eineSchandstrafe.
Die Polizeistunde mußte pünktlich eingehaltenwerden, und beim Ueberschreiten derselben wurden dieGäste und der Wirth bestraft. „Spates Zöchcn" wurdemit 1 Tag Wasser und Brod im Amtshans geahndet.Die Thore der Stadt wurden zu einer bestimmten Stnndegeschlossen, und ohne Controle und Namensangabe konnteNiemand mehr hinaus- noch hinciugelangen. Nach 11 UhrNachts durfte sich überhaupt Niemand mehr in den Straßensehen lassen. Wer nach dieser Stunde noch angetroffenwurde, ohne einen triftigen Grund angeben zu können,hatte 1 Tag bei Wasser und Brod im Amtshaus zuverbringen; Frauenspersonen jedoch, die nach 11 Uhr aufder Gasse sich herumtrieben, mußten 1 Stunde laug „inder Geign auf dem Platz" stehen. — „Aus ihre Töchteruit genugsam Aufsicht haben", brachte einem Elternpaare24 Stunden Arrest bei Wasser und Brod.