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welche Deutschland in jener Blüthczeit seiner Literaturbesaß. Es gab in Thüringen selbst eine Gruppe adeligerMinnesänger, an deren Spitze Herr Hug von Salza undin ihrer Mitte der herrliche Heinrich von Morungcn stand.Am Hofe des Landgrafen vollendete Heinrich von Veldeke ,der größte deutsche Dichter des Mittelalters, sein Werk,Wolfram von Eschenbach , trug die 16 Bücher feines Epos,Parzival " vor, wie sie entstanden, Herbart von FritzlarGearbeitete für seinen Fürsten das „Lied von Troja",Mrecht von Halbcrstadt dichtete auf der Jcchabnrg OvidsMetamorphosen in deutsche Verse um, u. a. WennWalther auch das erstemal am Hofe von Thüringen nichtsofort nach feinem Werthe erkannt wurde — zu groß warder Zulauf fahrender Sänger —, so gelang es ihm einigeZeit später doch so gut, daß er sich schon „des mildenLandgrafen Ingesinde" nennen darf, dessen Freigebigkeitstets gleich bleibe. Er schließt mit dem schönen Bilde:„Wer Heuer spendend prahlt, und wieder karg wird übsrsJahr, dem grünt und dorrt sein Lob wie Somincrklee.Thüringens Blume leuchtet aus dem Wintcrschnee, seinRuhm blüht fort und fort und jetzt wie da es jung nochwar." Walther hat hier viele Anregungen erhalten,namentlich durch die gewaltige Persönlichkeit Wolframs ,der ungefähr 1220 starb.' Wir finden die Einwirkungdieses großen Geistes in Walthers Bildern und Gleich-nissen, in seinem Ernste, feiner gefestigten Sittlichkeit,aber auch in seinem Humor, in seiner volkstümlichheiteren Weise und Schalkhaftigkeit, nicht minder jedochin seiner Humanität und in der stärker hervortretendenreligiösen Gesinnung. Der große Dichter Wolfrain hin-gegen empfing von feinem österreichischen Sangesgenossenunmittelbare Frische und ausdauernde Jugendlichkeit alsAnsporn zur Fortsetzung und Vollendung seines unsterb-lichen Werkes.
Unterdessen war in der politischen Lage eine plötz-liche Aenderung eingetreten. Ein finsteres Geschick trafdas Haus der Staufen und warf es von dem erreichtenZiele zurück, stürzte das Reich in Verwirrung; an: 21.Juni 1208 wurde Philipp in der Pfalz zu Bamberg durch Otto von Wittelsbach ermordet. DaS ganze deutscheVolk, ja die Welt schüttelte ein Entsetzen ob der unge-heuren Frevelthat. Wie Walther das Furchtbare aufge-nommen, wie er sich davon ergriffen fühlte, wissen wirnicht, denn sein diesbezügliches Gedicht ist, wie so manchesandere von ihm, nicht aus uns gekommen. Währendallüberall im Reiche Klagen erschollen über den plötzlichenTod des Königs Philipp, stieg der Stern der Welsenrasch wieder empor. Da er der einzige Thronbewerberund schon gekrönt war, die Gunst des Papstes sichihm wieder zuneigte, so wandten alle Fürsten sich demnoch kurz vorher gedcmüthigtcn Otto zu, der dieser Gunstder Umstände die unbestrittene Gewalt als deutscher Königund bald die Kaiserkrone (1209) verdankte. Nicht laugejedoch dauerte das friedliche Verhältniß. Otto hielt seindem Papste durch die feierlichsten Eide bekräftigtes Ver-sprechen bezüglich der Gebiete Mittelitaliens nicht. Ver-blendet von der Idee der Weltherrschaft und beeinflußtvon der Tradition feiner Stellung brach Otto 1210 inUnteritalien ein, worauf Junocenz am 18. November denBann über ihn aussprach und die deutschen Fürsten zumAbfall von ihm reizte. Eine Fürstcnvcrsammlung zuNürnberg beschloß im September 1211 die ErhebungFriedrichs von Sicilicn zum deutschen Könige. Otto'sRückkehr brachte die Aufrührer zunächst rasch wieder zurUnterwerfung; aber als Friedrich, der an ihn ergangenen
Aufforderung folgend, im September 1212 in Deutsch-land erschien, fiel ihm rasch ein großer Theil der Fürsten zu. Am 5. 'Dezember wurde er zu Frankfurt gewähltund am 9. Dezember zu Mainz gekrönt. Der Kriegentbrannte von neuem und währte zwei Jahre; Otto'sGlück jedoch nahm stätig ab, und am 27. Juli 1214war mit der großen Niederlage Otto's IV. gegen PhilippAugust von Frankreich bei Bouviucs die deutsche Kronefür ihn verloren, für Friedrich gesichert.
Walther vertritt in dem Kampfe der beiden Parteienenergisch die Sache des Kaisers gegen den Papst. Inseiner Erregung schlenderte er seine kecksten Sprüche gegenden Papst. Zwar macht er zuvörderst die Gesinnungder Fürsten verantwortlich in dem trefflichen Spruch:„Von Frankreichs Seine bis hin nach Steicrmark zurMnr, vom Po zur Travc kenn' ich aller Menschen Spur;die meisten kümmcrts' nicht, wie ihnen zukommt ihrGewinn. Thät ich wie sie, dann lebe wohl, geh' schlafenEdelsinn! Geld war willkommen stets, jedoch es gingdie Ehr' dein Gelde doch voran; jetzt ist das Geld sohehr, daß es selbst zu den Frauen vor der Ehre gehtund mit den Fürsten bei Königen sich beräth. Wie schlechtdas römische Reich um Geldes willen steht! Du bistnicht gut, o Geld, an Schande hängst du dich zu sehr!"Dann aber sondert Walther den Papst von den übrigenHerrschaften der Welt aus und greift ihn für sich anmit einem solch tödlichen Haß, so intensiver Glnth undgeharnischter Entrüstung, daß dadurch alles frühere weitüberboten wurde. Es gehört wohl zu dem Stärksten,was im Kampfe zwischen Kirche und Staat je gesagtwurde, wenn Walther den Papst wegen des Wechsels inseinen Ansichten über Otto mit Namen benennt, wie siein L. 33, 11 vorkommen. Nicht bloß dieses; gegen denganzen Klerus richtet der Sänger seine scharfen Anklagen.Am bekanntesten sind die zwei Sprüche Walthers, in denener dem großen Papst vorwirft, er vertuende die Almosen,welche zu dem von ihm im Jahre 1213 ausgeschriebenenKrcuzzugc beigesteuert wurden, für sich. — In all diesenStrophen weiß Walther die Menschen bei ihren schwächstenSeiten zu fassen, und eben darum wirkten die Sprücheso einschneidend. Man hat ja ganz richtig gesagt:Walther übertreibt ins Ungcmessene, er mußte die gutenAbsichten des Papstes kennen, mußte wissen, wie Junocenzsich bemüht hatte, die zweckmäßige Verwendung der ge-sammelten Gelder zu sichern, er verführt also mit Be-wußtsein ungerecht. Aber man muß eben bedenken, daßWalther Politiker und Partcimaun ist. Walther warhier so ungerecht, wie später Martin Luther . Auch dieserhat im Dienste seiner Sache den Fehler gemacht, dieSache des Gegners als durchaus schlecht zu betrachten.Aus der Einseitigkeit entspringt die Leidenschaft, undwem die Leidenschaft recht ist, der sollte die Einseitigkeitnicht tadeln. Viele mißbilligten das Vorgehen desDichters durchaus und beklagten es tief, daß er Tausendebcthört und dem Papste Unrecht gethan habe. In unsererZeit werden diese Sprüche Walthers, namentlich vom mo-dernen Liberalismus, oft genug als klassische Zeugen fürMeinungen angerufen, mit denen er nie etwas zu schaffenhatte. Begreiflicherweise kümmert sich ein moderner Partei-mann nicht um die geschichtlichen Bedingungen jener altenKämpfe zwischen Kaiser und Papst; er müßte ja sonsteinsehen, daß die alten und die neuen Proportionen dieserMächte sich aus Verhältnissen ganz verschiedener undunter sich unvergleichbarer Art zusammensetzen. AuchWalthers Sprüche dürfen nicht als Beweis dafür an-