Ausgabe 
(21.8.1897) 48
 
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lischen Handel war. Ein Gefühl der Niedergeschlagenheitund Trauer über die verworrenen Zustände des Reichesbemächtigte sich aller, und Walthcr verlieh dieser Stim-mung trefflich Ausdruck in seinem berühmten Gedichte:

Ich saß auf einem Steineund kreuzte Bein mit Beine,darauf der Ellenbogen stand:es schmiegte sich in eine Handdas Kinn und eine Wange.

So sann ich tief und langewohl über Welt und Leben nach,und kein Gedanke wurde wach,wie man drei Dinge würbe,doch keines nicht verdürbe.

Ich meine Ehre und Gewinn,die sich befehden mit hartem Sinn,dann Gottes Gnade, im Vergleichzu ihnen Werthes überreich.

Die wollt ich gern in einen: Schrein.

Vergeblich, ach! Es kann nicht sein,daß je Gewinn und Gotteshnldund weltlich Ehre ohne Schuldim Herzen sich verbinden.

Kein Pfad ist zu ergründen,der dahin führt. Im HinterhaltUntreue lauert und Gewalt,verwundet Recht und Frieden.

Und kranken die hienieden,stehn Ehre, Gut und Gottesscgendes Schuhes bar auf allen Wegen.

In einem andern Gedichte wendet sich der Sängeran densüßen jungen Mann", wie er Philipp in seinenLiedern nennt, selbst, indem er znm Deutschen Reichespricht:Die kleinen Fürsten verderben dein Glück;Herrn Philipp setz' die Krone auf, die andern weise duzurück!" Der Wunsch des Dichters ging nicht sofort inErfüllung; dein: während der nächsten Jahre schwanktedas Kriegsglück. Am schlimmsten war die Lage Philippsim Jahre 1203. Walther erkennt die Ursachen derWendung zum Ueblen und theilt sie in drei Sprüchendem Könige mit. Dem Sänger geht die Lage desReiches zu Herzen, er klagt, es sehe so schlimm aus,als wenn das Ende der Welt schon vor der Thürestünde. Walther sieht ganz klar, welche Macht besondersder staufischen Sache schadet, und er versäumt nicht, sieoffen zu nennen; es war Papst Jnnocenz III., der imJanuar 1198, erst 37 Jahre alt, den römischen Stuhlbestiegen hatte. Diesem gelang es, die beiden Thron-bewerber zum Verzicht zu bewegen, worauf er die Ent-scheidung in die eigene Hand nahm und Otto anerkannte.Zugleich setzte er auch alle schon bewährten Mittel derkirchlichen Gewalt für die Sache der Welsen in Bewegung,wodurch sich die Erbitterung des Kampfes noch steigerte.In einer Art Vision sprach Walther, all das Unheil über-schauend, voll tiefen Schmerzes:

Mit meinen Augen sah ich klar,was aller Welt Geheimniß war,so daß ich merkt' an jedem Ortder Menschen Handeln und ihr Wort. . .

Das war ein Noth ob aller Noth,

Denn Leib und Seelen lagen todt. . .

Mit dieser Strophe beginnt eine ganze Reihe vonDichtungen, welche alle Handlungen des Papstes und derGeistlichkeit mit grimmigem Höhne übergießen und miteiserner Conseguenz den strengsten staufischen Standpunktvertreten; Walthers feuriger Geist war eben ganz erfülltvon der großartigen Kaiseridee der Staufen und von: un-bedingten Glauben an die Rcchtmäßigkeit seiner Fürsten.Bis znm Jahre 1204, in welchen: die große Wendungeintrat, die Philipp znm Herrn von Deutschland machte, I

finden wir Walthers Verbindung mit dem König Philippin seinen Sprüchen bezeugt. Walther war nun in dieDienste des Landgrafen Hermann von Thüringen ge-treten, aber nicht dauernd, er schweifte im Süden um-her. Da ergriff ihn, während all der Wirrnisse, all desSchwankens der Geschicke, die Sehnsucht nach der theurenHeimath. In jener Zeit starb Ncinmar, des HerzogsSänger, und Walther feiert in zwei tief empfundenenSprüchen das Andenken des Meisters, vielleicht belebtvon der stillen und nicht unbescheidenen Hoffnung, daßfür ihn nun eine bessere Stätte in Wien sich werdefinden lassen.

Ach, daß Weisheit, frohe Jugend,des Mannes Schönheit, seine Tugend,doch niemand erbt,wenn ihm der Leib erstirbt!

Jetzt klagt wohl manch' erfahrener Mann,

der den Verlust ermessen kann,

welch' feine Kunst, Reinmar, mit dir verdirbt..."

Aus der Zeit, in welcher Walther wieder nach Oester-reich zurückgekehrt ist, haben wir in den neuerdings auf-gefundenen Rciserechnungen Wolfgers von Ellenbrechis-kirchen, Bischofs von Passnu, seit 1204 Patriarchen vonAguilcja, eine Urkunde, die sich 1874 im Stadtarchivezu Cividale fand. Nach derselben erhielt Walther vonder Vogelweide , offenbar nach einen: Vortrage, im No-vember 1203 fünf Solidi zur Anschaffung eines Pelz-kleides. Am Hofe zu Wien trat Walther zuerst alsGaben Heischender auf, die er denn auch in reichendMaße erhielt; denn er rühmt den Wiener Hof, den Reich-thum, der bei den Festen dort sich ausbreitet: Silberwird geschenkt, als ob man es auf der Straße fände,Rosse, als wenn sie Lämmer wären. In diesen frohenTagen war es wohl auch, wo Walther das herrlichePreislied auf Deutschland sang, das einen Höhepunktseiner höfischen Kunst bezeichnet und mehr als ein anderesseiner Gedichte dazu beitrug, seinen Namen in allenGauen des Reiches bekannt zu machen. Noch heute er-greifen uns die vollen Harmonien dieser Verse, begeistertuns die Vaterlandsliebe des Dichters und macht unserHerz höher schlagen.

Reich an Ländern ist die Erde,deren beste ich geschaut:doch vor ihnen ist das wertheVaterland nur lieb und traut.

Seht auf mich mit tiefstem Höhnekündet je des Athems Hauch,daß ich liebe fremden Brauch:

Deutscher Zucht gebührt die Krone!

Züchtig ist der deutsche Mann,deutsche Frau'n wie Engel rein,und wer anders sprechen kann,der muß wohl von Sinnen sein.

Heilige Minne, hohes Strebenund rief innerstes Gemüthnur aus deutscher Erde blüht:möcht' ich lauge auf ihr leben."

Das ist der Meister des Deutschen Liedes, welchersich losgemacht von Tradition und Kunstnbung, erfahrenund von: Schicksal geprüft, gehoben von edelstem Stolzeaus Deutschland , als dessen Bürger er sich fühlt.

Geleiten wir unsern Walther nun an den Sänger-hof des Landgrafen Hermann von Thüringen, nachEisenach. Hier war die Wartburg ein Mittelpunkt fürKunst und Poesie. Und mochte auch unter den Schaarenvon Fahrenden, welche die Freigebigkeit des Landgrafen ^anzog, manch ein schlechter Mann und elender Gauklersein, so befanden sich doch auch die besten Dichter dabei,