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Aber wie der kinderlose Ottheinrich, wit welchem dieältere Kurlinie, von Ludwig III. begründet, 1559 er-loschen ist, der „Stcmnnvciter des bayerischen Königs-hauses" genannt werden kann, ist für jeden besonnenenHistoriker unbegreiflich. Ueber den „feinfühlenden" Ott-heinrich wollen wir kein Wort verlieren; denn aus denAngaben Wittmanns kann nicht stringent erschlossenwerden, daß auf direkten Befehl des Kurfürsten hinWeiber in die Zellen der Mönche gesperrt worden seien;die Aufhebungsconimissäre haben ja auch 1802 bei derSäcülarisation ihre Befugnisse oftmals überschritten.
Lippert sucht auch den Nachweis zu liefern, wieDiese „Lüge" entstanden sei. In den amtlichen Anf-hebnngsprotokollen findet sich kein Anhaltspunkt zu diesemBorgange; in der Ordensgcschichte des P. Sartorins(Prag 1700) steht die allgemeine Bemerkung: aärnissiviri Isvainaegns proiniLons in reliZivsa elamstra..Männer und Weiber wurden ohne Unterschied in dieklösterliche Klausur zugelassen. Aehnlich heißt es imSnmmarium, aus welchem Sartorins geschöpft hat.
Woher hat nun Wittmann seine Nachricht genommen?Hat er sie frei erfunden? Lippert gesteht selbst zu, „daßdas Aktenmaterial oft zu lückenhaft sei für eine aus-reichende Schilderung der kirchlichen Zustande". DaßWittmann seine Auszüge aus Urkunden nicht mit ge-nauer! Quellennachweisen und Fundorten versehen hat,ist sicherlich ein Mangel seiner Darstellung; allein darausfolgt noch nicht, daß er „rein gelogen" habe.
In der „Politik Bayerns 1591 - 1607" II. Bd.S. 591 Anm. 1 bemerkt Felix Stiebe zum Ncligions-gcspräch von Ncgensbnrg 1601, daß er die von Wolf(Geschichte Maximilians I. und seiner Zeit, München 1807I. Bd. S. 440 ff.) benutzten Akten nicht gefunden habe;Schreiber dieser Zeilen dagegen erhielt vorn kgl. Reichs-arch.iv München die daselbst hinterlegten, von Wolf be-mühten, von Stiebe nicht gefundenen Urkunden und Briesezur Durcharbeitung im Januar 1897 ausgehändigt.
So ist es nicht ausgeschlossen, daß die von Witt-mann seiner Zeit excerpirten Akten neuerdings wiederaufgefunden werden können; jedenfalls aber zieren weiseMäßigung und abwägende Ruhe einen Historiker besterals derartige Ergüsse eines Deklamators: „Woherkommen die Weiber, die gemeinen Weiber, die von derRegierung geschickten Weiber? Die Weiber, welche dieReformation befördern mußten?! °) Am Ende habenwir die Reformation noch dem Untcrrock zu verdanken!"(S. 47.)
Die Aufhebung des Brigittenklosters Gnadcnbcrgim November 1556 haben nach Lippert S. 53 Wittmannund Jansscn (IV, 40) als Beispiel „unerhörter Härte"hingestellt. Bei Jansscn heißt es nach der 12. Auflage
richtig sein; Bd. III, x. 39 bespricht Janssen den Reichs-tag zn Spcyer 1526; es muß heißen Bd. IV, xa§. 39,12. Aufl. 1885.
°) Hat Lippert vergessen, was er S. 19 „von der edlenUrgula in Dietsnrt gesagt? Warum haben die neu-gläubigen Fürsten so sehr auf Verheirathung ihrer Pre-diger gedrungen? Vielleicht bloß nur das Concubinat znbeseitigen? Vor allen Dingen, sagt uns Lippert S. 75,gab es nach der Einführung der Kirchenordnung vonOttheinrich „ kein Concubinat mehr, sondern eine evangel-ische Ehe und ein gesegnetes evangelisches Pfarrhaus".Aber gerade durch diese „evangelische Ehe" waren auchdie aus katholischer Zeit stammenden Geistlichen in dieUnmöglichkeit verseht, ihre Verbindung mit dem Pro-testantismus zu lösen. Vgl. Past.-Bl. d. Bisth. Eichstätt 1868, 123 ff.
„Auch gegen die oft hochbctagten Klosterfrauen begannein erbarmungsloses Verfahren, zum Exempel in Gnaden-berg." Welches Recht hatte denn die Commission, ge-bildet aus dem Prädikanten Ketzmann, den Landrichternvon Sazenhofen und von Fcilitzsch, Gelübde zu lösen,die Meßfeier zu verbieten? Keine der Nonnen wolltedas Kloster verlassen; „aber diese Rechtfcrtignngsschriftist vielmehr ein Beweis ächter deutscher Treue in denalten Frauenherzen und wahrer Heimathsliebe, als einHängen arn Papstthum." (S. 55.) Lippert muß wirklichein Gedankenleser sein!
Janssen gibt an, daß der Beichtvater des Klosters,ein kranker Greis, sofort in harter Winterkälte dasselbehabe verlassen müssen. Lippert nennt das „schwindeln".Er selbst weiß zu berichten, daß der Beichtvater nacheinigen Tagen, als die Commission abgereist war,25. Nov. 1556, zweispännig mit Hab und Gut desKlosters frech davongefahren sei und sich nach Eichstätt begeben habe. Allein nach anderen Angaben ist?. Hieronymns von Segen, das war der Name desBeichtvaters, bis 1560 noch in Gnadcnbcrg verblieben/)wenn auch der katholische Gottesdienst verboten war undder lutherische. Pfarrer Erasmns .Händel von Sindclbachden Klosterfrauen das lautere Wort Gottes verkündete.Für die Haltung der Anfhebungscommissäre spricht dieThatsache, daß der Prediger Ketzmann aus dem Sakra-mentshänschen zn Gnadenüerg die consecrirtcn Hostienentfernte, und sie dem lutherischen Pfarrer in Sindclbachzur Verwendung zustellte; die HI. Oelc wurden ebenfallsmitgenommen!
(Schluß folgt.)
(Fortsetzung.)
st. Lobn. Zn dieser Zeit trat Walther von derVogclweide auf den Plan und redete über das Geschickdes Reiches in feinen Sprüchen, zuerst an den Höfen derFürsten und von diesen aus zum deutschen Volke. Waltherwar ein Oestcrreichcr oder hat wenigstens lange und oftam österreichischen Hofe gelebt; Leopold, der NachfolgerFriedrichs des Katholischen, wurde im Jahre 1198 Allein-herr der österreichischen Lande und war ein treuer An-hänger der Stanfer. Das mag auch Walther beeinflußthaben, daß . er sofort als Partcimann für Philipp auf-trat. Ohne Schwierigkeit erhielt Walther bei PhilippZutritt und gütige Aufnahme, ja er wurde geradezu unterdas Hofgesinde Philipps aufgenommen. Mit Traueraber blickte unser Dichter auf Wien zurück, wo derheitere, sangessrohe und milde Herzog Friedrich demharten und der Kunst wenig freundlich gesinnten Leopoldden Platz räumte. Der Hof des Staufcnkaiscrs war einausgezeichneter Platz, um einen Ueberblick der LageDeutschlands zn gewinnen. Zwei große politische Mächtemit weiten Jntcressenkreisen standen jetzt gegen einander:in Süddentschland das stanfische Königthum mit seinemdurchaus aristokratischen Anhange, im Norden die Welsen,deren Hauptstütze die Stadt Köln mit ihrem großen cng-
I Past.-Bl. d. BiZth. Eichstätt 1870, 210. G. Binder(Gesch. der bayer. Brigittcnklöstcr S. 98) schreibt: Nachzwei Jahren (1558) starb die ehrwürdige Äebtissm UrsulaBreunin. Sie schließt würdig die Reihe der Aebtissinnenvon Gnadenbcrg, denn ihre Nachfolgerin durfte sich nnr-mehr Verwalterin nennen. Es war. ein edles, reichesKämpferleben. Hieronymns von Segen harrte als eifriger, Glaubenskämpser noch zwei Jahre ermunternd und stärkendI bei den Nonnen aus, bis er endlich vertrieben wurde.