Ausgabe 
(21.8.1897) 48
 
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Intist, der in Neligionssachcn allein zu befehlen hätte"(S. 87, 122) alseigensinniger Fürst" (S. 116).

Im Jahre 1574 erfvlgte die längst verlangteGcncralvisitation. Sie war aber weniger eine Kirchen-visitation als ein Mittel zur Einführung detz Calvinismus"(Lippcrt S. 115). Nur in Anibcrg, Nabbnrg undWeisscnohe gelangte die neue Kirchenorduung zur Ein-führung. In den Adelspfarreicn, 35 an der Zahl, demGebiete der Königin Dorothea und dem Gemcinschafts-gebiete Parkstcin konnte die Visitation nicht ausgeführtwerden. Von den Adelspfarreien waren viele noch ganzkatholisch. (Lippcrt S. 72.)^)

Friedrich III. starb am 26. Oktober 1576,ohnejemals die Herzen und die Freiheit seines oberpfälzischenVolkes verstanden zu haben". (S. 122.) Ihm folgtesein lutherisch gesinnter Sohn Ludwig VI. (15761583).Unter ihm, sagt Lippcrt (S. 123), durfte die geängstetelutherische Volksseele wieder froh aufathmen; unter ihmwar die schönste Periode der evangelischen Oberpfalz:deutsch und lutherisch sein, war Ludwig VI. und seinenOberpfälzern ein und dasselbe." Freilich nach Lippcrtwar auch unter dem calvinischen Rcgimentedas Volksammt seinen Pfarrern ,crzlntherisckst geblieben, es hieltZwinglianismns und Calvinismus nur für eine Sek-tircrci und Ketzerei, von der man sich fern zu haltenhätte." (S. 123.) Für den Historiker dürfte es dochsehr schwer zn bestimmen fein, in wie weit der Calvi-nismus Friedrichs III. bloß an der Oberfläche haftete.

Ludwig VI. starb am 12. Oktober 1583; sein Nach-folger Casimirdurfte leider nur allzusehr nach demGrundsätze handeln: cuiju3 rsgicg osns roligio. Trotz-dem er, wie sein Vater, Friedrich III. , die Gewissens-freiheit betonte, ward er ein Gewisseustyrann und gingrücksichtslos vor". (S. 142.)Die Pfarrstellen wurdenmit calvinischen oder möglichst abgeschwächt lutherischenGeistlichen hcsetzt, was aber durchaus nicht zur Folgehatte, daß das Volk auch nur irgendwie calvinischgeworden wäre." (S. 156.) Einen Beweis für dieseBehauptung bringt Lippcrt nicht bei; das Volk mußte jabei dem fortwährenden Wechsel jegliche positive Ueber-zeugung verlieren; der Jndiffcrcntismns war Wohl dienaturgemäße Folge solcher Gewisscnskucchtuug seitens derFürsten.

Auch unter Friedrich IV., welcher 1592 selbst-ständig die Regierung übernahm, dauerte die Besetzungder Stellen mit Calvinistcn fort; ein lutherisches Kirchen-rcgiment ward nicht gewährt, indem es Pflicht der Unter-thanen sei, in der Religion der Obrigkeit zu folgen.(Lippcrt S. 174.)

War dem Volke das lutherische Regiment genommen,sagt Lippcrt S. 185, so hielt es doch fest an der luther-ischen Lehre; mit den ZZ 10 und 12 des NenmarkterLandtagsabschiedcs von: 12. März 1598 ließ sich immernoch durchkommen, und machten faktisch viele Geistlichenoch vor dem calvinischen Kirchcnrath ein lutherischesExamen, wenn auch mit Zurückhaltung betreffs derUbiqnität.

Wenn Lippcrt glaubt, hiemit für das Lnthcrthnmeine ruhmreiche Eroberung gemacht zu haben, so wollen

D 1669 war,zn Salzburg den Bischöfen befohlenworden, jährlich die Diöccsen zn visitiren; 1573 mußte derBischof von Regensbnrg constatiren, daß noch keine ein-zige Visitation gehalten worden fei. So gibt LippcrtS. 66 an; S. 224 Anm. 3 berichtet er jedoch, daß schon1558 eine katholische Visitation im Regensburgischen vorge-nommen worden sei.

wir die Freude an den halb calvinischen, halb luther-ischen Predigern nicht rauben.

Friedrich V. war erst 14 Jahre alt, als sein Vater1610 starb. Ueber die Vormundschaft stritten sich dergut calvinische" Johann II. von Zweibrücken und derstreng lutherische" Philipp Ludwig von Neuburg. DerStreit vor den Gerichten zog sich bis über vier Jahre,bis über die Volljährigkeit Friedrichs V. hinaus, und di»gequälte Oberpfalz warum ihre gut lutherische Hoff-nung durch die miserable Rechtspflege jener Tage ärmergeworden." (Lippcrt S. 186.)

Friedrich V. beließ das Neligionswesen im bis-herigen Zustande. 1619 nahm er die KönigskroneBöhmens an, am 8. November 1620 verlor er dieSchlacht am weißen Berge bei Prag und damit alleseine Länder. Die Oberpfalz kan: an Bayern, welchesvon dem gas retorumuäi Gebrauch machend, die kathol-ische Religion wieder herstellte.

Daß somit die Oberpfalz 100 Jahre lang bis aufden letzten Mann evangelisch gewesen sei, hat Lippcrtnicht erwiesen. Die lutherische Kirchenorduung Ottheinrichsgelangte erst 1556 zur Einführung, konnte sich nur unterLudwig VI. ( 1576 1583) ungehindert entfalten, indemFriedrich III. (1559 1576), Friedrich IV. und Friedrich V. dem Calvinismus huldigten und demselben auch in derOberpfalz. amtliche Geltung verschafften.

Unsere zweite Frage bewegt sich dahin: Hat LippenJanffens Geschichtslügen widerlegt"?

Wohl zur Entschuldigung oder vielmehr zur Herab-würdigung des Frankfurter Historikers fügt Lippcrt in derEinleitung bei:Janssen, welchen die Katholiken für dengrößten Geschichtsschreiber der Neuzeit halten hat nichteinmal seine Schmähungen selbst aus den Quellen er-forscht, er hat sie aus einer älteren Schmähschrift:Ge-schichte der Reformation in der Oberpfalz, Augsburg 1847, von Dr. Wittmann" einfach und kritiklos ab-geschrieben."

Die Aufhebung des Klosters Waldsaffen gibt Lippcrtdie erste Gelegenheit, eine Geschichtslüge Janffens zu ent-larven. S. 45 lesen wir:Trotzdem wagt es JanssenBd. III, zmZ'. 39 feinerGeschichte d. deutsch. Volkes"hier, rein aus der Luft gegriffen, die schmutzigste Ee-schichtslüge gegen die Reformatoren zu schlendern, die jegeschlendert worden ist. Er sagt: .

Ottheinrich, welcher in seinem hastigen Eifer fürVerbreitung und Festigung der neuen Lehre vor keinerGewaltthat zurückbcbte, wenn die gewöhnlichen Mittel sichals unwirksam zeigten, und aller Verbindlichkeit gegendas Reich und dessen Oberhaupt sich für entäußert hielt,verbot den Gottesdienst, nahn: die Kircheuornate weg,bestellte lutherische Prädikantcn, und, um die Mönchezur Annahme der Nenlehre zn verleiten,wurden gemeine Weiber zu ihnen in dieZelle gesperrt."

Diese niederträchtige Verleumdung gegen den Stamm-vater des bayerischen Königshanscs hat der kgl. Sekretärdes kgl. Neichsarchivs und außerordentliches Mitglied derAkademie der Wissenschaften, Dr. Wittmann, in seinerGeschichte der Reformation der Oberpfalz" (Augsburg 1847, Mg-. 20) dem kritiklosen Janssen zur ge-fälligen Verwendung rein vorgelogen." Alsoperorirt mit sichtlich patriotischer Entrüstung der königl.Pfarrer von Amberg gegen Wittmann und Janssen?)

°) Das Eitat Lipperts: Janssen Bd. III, pag. 39 kannnach der mir vorliegenden 12. Anst. (Frcibnrg 1883) nicht