Ausgabe 
(25.8.1897) 49
 
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25. Aug. 1897.

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Lippert ein Anti-Janfsen.

(Schluß.)

Nach Lippert sind die fürstlichen Mandate, wornachalle Schimpf- und Schmähreden auf der Kanzel verbotenwaren, in der Oberpfalz eingehalten worden.Die Visi-tationsprotokolle von 1557 1620 beweisen, daß dieVerfehlungen gegen dieses Mandat äußerst selten und ingrober Weise niemals vorkamen. Mögen doch Wittmann-Jaussen ihre gemeinen Vorwürfe beweisen." (S. 61.)Nun, Janssen hat über diesen Punkt gar nichts gesagt.Wer aber die Literatur jener traurigen Periode nureinigermaßen kennt, weiß, mit welchen Liebenswürdig-keiten sich damals die hadernden Parteien, Katholiken,Lutheraner, Calvinisten, überhäuft haben.

Auf dem Neligionsgespräche zn Negeusburg 1601wurde der Papst der Antichrist genannt; als htegegender anwesende Maximilian von Bayern Protest einlegte,erklärte Hunnius: man müsse jedes Ding beim rechtenNamen benennen, zumal in Glaubenssachen; in unserenKirchen sei dies keine Schmähung, den Papst als Anti-christ zu bezeichnen. (Lotn «olloo;. üutisbonoimis 1601.Nonuobü 1602 144.) Nach den schmalkaldifchen

Artikeln hatte Hunnius nicht zu viel behauptet.

Ueber das Resultat der ersten Kirchenvisitation inder evangelischen Kirche der Oberpsalz (15. Febr. bis15. April 1557) gibt Lippert folgende Glosse:Mankann sich denken, wie Wittmann (pa-x. 25)-Janssen (IV,xa,A. 41) aus diesem Gcneralbericht einen Strick drehten,die Reformation zu geißeln. Aber abgesehen davon, daßjede Visitation nicht Lobhudeleien, sondern Aufdeckungder Fehler bringen wird, muß die ganzeHcidcnschaft,Unwissenheit und Unmoralität," über welche die Visitatorenklagten, als eine böse Erbschaft aus katholischer Zeit be-trachtet werden." (S. 72.)

Ferner bemerkt Lippert (S. 73):Da außerdemerwiesen, daß dreiviertel der Geistlichen aus dem Papst-thum stammten und es unmöglich war, diese Leute zuersetzen, wie der Generalbericht nachweist, so hat Janssendamit nur seine eigene Schande aufgedeckt, wenn er dieseVisitationsresultate verhöhnt, die immerhin, im Gegen-halte zu jenen, welche Sngenheim und Knöpfler um dieseZeit vonkatholischen " Ländern veröffentlicht haben,goldene zu nennen sind."

Wenn die Oberpfälzcr wirklich ein solches Ver-langen nach dem Evangelium sowie einem biblischenChristenthum bekundeten, wie Lippert S. 2 angibt, so istes unfaßbar, wie 1557 sich derartige beklagenswertheZustände finden konnten. Janssen hat die Visitations-resultate nicht verhöhnt, sondern nur dieunerfreulichenBerichte aus der Oberpfalz " mitgetheilt, wie sie dieVisitatoren in ihrer Hauptrclation niedergelegt hatten.

Bezüglich der Pfarrer von 1557 sagt uns Lippert(S. 73), daß auf den circa 200 Pfarrstellen der Ober-pfalz (mit Schulstellen 350) die römischen Geistlichen zumgrößten Theil unter Annahme der neuen Kirchenordnungfortgelebt haben. Von 119 Geistlichen ist ausdrücklichgesagt, daß sie Priester (88) und Mönche (31) waren.Von 25 Geistlichen ist nicht festzustellen, ob sie früherPriester waren. Nur von 43 Geistlichen läßt sich cou-statireu, daß sie evangelisch geprüft und ordinirt waren.Neben dieser Reihe von 115 tauglichen Geistlichen undsolchen, die noch ganz papistisch waren, sind 28 erwähnt,

die später durch bessere ersetzt werden sollten. 12 Geist-liche, die tveder in äootring, noch woribim entsprachen,wurden sofort abgeschafft, davon waren nur fünf Un-würdige, die anderen mit ihrer Unwissenheit waren einErbe des Papstthums. (Lippert S. 76.) Wenn es Ott-heinrich wirklich um die dogmatische und moralischeWiedergeburt der Oberpfalz zu thun geivescn wäre, sohätte er Mittel und Wege ausfindig machen sollen, umdas geringe Einkommen der Pfarrstellen, welche mit un-wissenden Personen besetzt waren, zu erhöhen. Freilichbelehrt Lippert seine Leser (S. 72):Zu einem vollenErsatz der alten katholischen Geistlichkeit fehlte es anGeld und Leuten und Uubarmherzigleit. Man mußtedoch dem Evangelium Zeit lassen, sich einzuwurzeln. DieReformation ist noch gar nicht da (aber nach Lippertbeginnt sie schon 1520!) und soll schon alle harten,Jahrhunderte alten Volksschäden geheilt haben; das istdoch zn viel verlangt." Aehnlich S. 70 Anm. 2:EinVolk wird in einem Jahre nicht anders, und die Re-formation war (1557) erst im Anfang."

Ueber das Einkommen der Pfarrer von 1557 be-merkt Lippert:Die Reformation sorgte streng dafür,daß die Pfarrer ausreichend zu leben hatten. Von140 Stellen, die ich nachrechnete, trugen 9 keine25 st., 55 blieben unter 50 fl., 56 unter 100 st., undnur 20 erreichten den Betrag oder mehr von 100 fl.,eine Summe, wie sie allerdings zum reichlichen Aus-kommen einer Familie nothwendig gewesen loäre. Oftbesserten die Fürsten mit Holz oder Zulagen diePfarrer, aber natürlich konnten sie nicht erreichen, wasRom versäumt hatte." Dieser Ausfall ist lächerlich,denn Rom hat auch die Jahrtagstiftungcn, die Klösternicht für den fürstlichen Säckel eingezogen!

Aber, belehrt uns Lippert fernerhin (S. 77), daßdadurch die Sache so weit gekommen, daß Wittmann undJanssen behaupten können, die Pfarrer verfertigtenSchuhe und Brautkleider", machtenBarbiere, Hoch-zcitlader, Leichenbitter" undspielten znm Tanz auf"das ist von Grund aus erlogen.

Hätte doch Anti-Jansscn angegeben, wo diesevonGrund aus erlogene" Stelle bei dem Verfasser der Ge-schichte des deutschen Volkes zu finden wäre; trotz eifrigenNachschlagens konnte ich sie nicht ausfindig machen.°)

Von den lutherischen Predigern unter Ludwig VI. dem Milden (1576-1583) sagt Lippert S. 133:Dazuhatten die Geistlichen wenigstens den Vortheil derArmuth. Die Stellen waren schlecht, die Pfarrer

°) S. 190 Anm. 2 bespricht Lippert diesen Punkt nocheinmal. Die Nachricht bei Löwenthal und Wittmann,daß der Pfarrer von Siegenhofen oder Deiningen Dorf-bader war, die Brautschuhe machte u. s. w., hält er füreinen schlechten Witz und bisher unbewiesene Wahrheit."Der ganze Passus bei Janssen ist Schwindel." Mitwelcher Oberflächlichkeit Lippert gegen Janssen vorgeht,zeigt seine Bemerkung zu Bd. IV. S. 330:Janssen hatdie Sache wieder so gegeben, als wenn derRath" zurThat" geworden unv nun auch wirklichalle Bilder"öffentlich verbrannt worden wären." (Lippert S. 90Anm. 2.) An fraglicher Stelle berichtet Janssen. daß aufdem Landtag zu Amberg 1566bezüglich der in den luther-ischen Kirchen der Oberpfalz noch vorhandenen Altäreund Bilder" der Theologe Olevian vorgeschlagen habe:Die Abgötterei müsse weg. gleichviel mit Axt und Feuer:es wäre gut, wenn die Götzen öffentlich verbrannt würden.Daß dieser Vorschlag ausgeführt worden wäre, davonfindet sich bei Janssen keine Andeutung!