Ausgabe 
(3.9.1897) 51
 
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Mittelalterlicher Burgenbau

gegenüber römischer Befestigung in Deutsch-land .

Von Gg. Hock.

, Vor Kurzem ging durch diese Blätter ein ArtikelüberDie Entstehung, Anlage und Bedeutung der röm-ischen Grenzmark in Deutschland "?) Wie bereits ange-deutet, sei im Anschlüsse daran nunmehr auch jener un-zähligen Wehrbaüten gedacht, welche uns erinnern an dassturmbewegte, jugcndkrüftige, frühmittelalterliche Deutsch-land, ich meine die deutschen Ritterburgen.

Liegt es doch auf der Hand, daß zwei Epochen,die sich unmittelbar nacheinander und dazu noch auf dem-selben Boden entwickelten, gerne gegenübergestellt werden,daß aber auch andererseits die Denkmäler derselben, undhier wieder vor allem die der Baukunst, bezüglich ihrergenaueren Unterscheidung gewisse Schwierigkeiten bieten.In der That hat sich ob dieser letzten Frage auch inunserem Falle bereits manch heißer Kampf entsponnen,und die Untersuchungen über römische Befestigungs-anlagen und mittelalterlichen Burgenbaunehmen zur Zeit in der deutschen Alterthumsforschungeinen ganz hervorragenden Platz« ein. Meine Zeilensollen daher im Besonderen diesem Punkte gewidmet sein.

Von der einschlägigen Literatur zunächst möge derSatz gelte», daß sie sehr mannigfach und verschieden ist,sowohl dem Werthe als der Auffassung nach. Zu denbekannteren und wichtigeren Autoren gehören neben Mone,Mutzel und andern besonders Krieg v. Hochfelden, Esscn-ivcin, v. Cohansen, v. Nähers, sowie in neuester ZeitOtto Piper durch ein umfassendes Werk?) das im vollstenSinne des Wortes einewissenschaftliche Grundlage" ist,wenngleich es in einer nie ermüdenden Polemik oft etwasbedenklich weit geht und sich chselbst Mauern errichtet,um sie nachher wieder umzulegen"?)

Vor allem wird es nöthig sein, in unserm Falleein etwas bestimmtes Bild zu gewinnen von den beidenBefcstignngsartcn, die sich charakterisiern in zwei Grund-formen, nämlich in dein römischen Lager und in der früh-mittelalterlichen Ritterburg. Das Hiebei in Frage kom-mende Land sei, wie bereits gesagt, Deutschland und ins-besondere das alte Deknmatenland mit Vindelicien unddem nördlichen Rätien .

Was das römische cnstrum betrifft, so wurde das-selbe in dem oben erwähnten Artikel eingehend besprochen;des Zusammenhangs und der Vollständigkeit halber seiennur noch einmal folgende Hauptpunkte angeführt: 1) dierechteckige, manchmal auch quadratische Grundform nebenwenigen Ausnahmen, welche wahrscheinlich in Nom durchallgemeine Normen und Vorschriften von vornherein fest-gesetzt wär; 2) die vier Thore mit ihren Vertheibigungs-thürmen und die regelmäßigen Lagerstraßcn; 3) die Ver-bindung zwischen den einzelnen Castcllen, dem Limes undder Provinz bedurfte offenbar noch weiterer Anlagen, der

') Siehe Nr. 41, 43. 44 der Beilage znr AugsbnrgerPostzeitung.

. -) Burgenknnde von O. Piper. München 1895.

°) v. Oechelhänser im Repertorium für Kunstwissen-schaft XIX, 3.

, Außerdem wurden benutzt: Cori,Bau und Ein-richtung der deutschen Burg": Kugler.Führer durchdie Altmühlglp": Schober,Führer durch den Spessart":Hotter,Das Bezirksamt Elchstätt"; James Yates,Abhandlung ini Jahrb. des histor. Vereins f. Schwaben und Neuburg, Jayrg. XXIII-, Marggraff,Die röm-ische Rcichsgrenze in Germanien und ihre Bauten."

sogenannten oxooulas oder burgi kleinere Thürmeoder Wachthäuser, deren Höhe kaum über 6 7 mhinausging, und die uns wahrscheinlich in den bekanntenSkulpturen der Trajanssänle angedeutet sind?)

In diesem Stile, wenn der Ausdruck erlaubt ist,waren ausschließlich die römischen Befestigungen angelegt,deren Ruinen uns jetzt zwischen dem Rhein und dennördlichen Alpen begegnen.

Sie gehören in jene Zeit, in welcher die Römernoch einen festen Stand in Germanien hatten. Alsjedoch nach Bildung der Völkervercine der schlaff-gewordene römische Krieger dem jugendkräftigeu Ger-manen weichen und allmählich das Deknmatenland auf-geben mußte, da änderte sich auch theilweise die römischeTaktik, es entstanden besonders unter Kaiser Valentiniaii °)südlich von der Donan und links vorn Rheine eine Reihevon Wehrbaüten, die von der obigen Castralform dnrch-aüs verschieden sind und, wie Ohlenschlager?) sich aus-drückt,einer Zeit angehören, wo die Römer nicht mehrim Vertrauen auf die Kraft und Kriegstüchtigkeit ihrerTruppen an Ausdehnung ihrer Macht dachten, sondernwo sie sich begnügen mußten, den Besitz durch starkeMauern vor Ucberfall zu schützen".

Diese Art von Vertheidigungsanlagen gehört jedochnicht mehr in den Rahmen unserer Betrachtung, und wirwollen von dem römischen Lager sogleich auf die mittel-alterliche Bnrganlage übergehen.

Was zunächst den Namen Burg betrifft, so wirdman ihn wohl als ein altes Gemeingut aller /indo-germanischen Stämme betrachten müssen; es kommt inallen möglichen Variationen vor als -.^ 70 «:, durgrw,hur, ffnrug, horougü, borgo, jurrc und iiourg, wasungefähr immereine bergende, schätzende Stelle"bezeichnet.

Man unterscheidet in althergebrachter Weise ge-wöhnlich zwischen Höhenbnrgen und Wasserburgen.Die letzteren liegen natürlich in der Ebene, womöglich aufeinem kleinen inselartigen Terrain. Gewöhnlich erhobensie sich an starken Ausbieguugen von Flüssen oder ausLandzungen, indem auf der vierten Seite ein künstlichernasser Graben das Hinderniß bildete. Eine Ringmaueroder wenigstens ein Pallisadcnzaun umschloß das eigent-liche Gebäude, das sich meist durch starke flankirende Eck-thürme auszeichnet. Beispiele dieser Art finden sich viel-«fach in der norddeutschen Tiefebene, recht charakteristischdafür dürften auch sein Gelnhausen an der Kinzig , er-baut von Kaiser Barbarossa, sowie die beiden Odenwald -burgen Erwach und Fnrstenan.

Die HLHenbnrg, welche ungleich häufiger vorkommtund daher ganz, besonders der Gegenstand unserer Be-trachtung werden wird, muß nach den Worten Pipers b)wenigstens ein bewohnbares wehrhaftes Ge-bäude und eine Ringmauer enthalten?)

Es ist klar, daß uns eine so primitive Anlage, seltenentgegentritt. Die Burg besteht meistens aus verschiedenen

°) Näh. f. bei PiperBurgenknnde" S. 64 oder beiv. CohansenDer röm. Grenzwall" S. 343 sowie inmeinem früheren Artikel Nr. 43 S. 338. ,

") Näheres s. bei Nnnniaiws LIaresII. XXVIII, 2.

-) Ohlenschlager, Wcstd. Zcitschr. S. 14 (1892).

°) Piper, Hnrgenkundc. S. 4.

°) Einen solchenkleinen wehrhaften WohnbaN" habenwir Uns gewöhnlich unter dem Ausdrucke Burg stall vorzustellen (Cori S. 159). allerdings wird Bnrgstall auch, in anderem Sinne gebraucht, so für Burgplatz, für eineI in Trümmern liegende Burg und sogar fürWalllrone".