Ausgabe 
(8.9.1897) 52
 
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heimisch war. Allein diese bilden ein eigenes, vornehmesGeschlecht hohen Adels, ohne den Grafentitel zu führen,wie Erzbischof v. Steichele nachgewiesen hat.

Mit der alten Grafenburg hebt die Geschichte dermodernen Stadt Dillingen an. Als eastcrllurir OilinZa,wird sie zum ersten Male im Jahre 973 genannt, dader hl. Ulrich seinen Neffen Richwin, den Sohn seinesBruders Dietpald, dort besucht und sein anderer NeffeAdalbero, der Sohn seiner Schwester Lnitgarde, dortstirbt. Noch in der Gegenwart ist sie das interessantesteBauwerk der Stadt, sowohl in rein geschichtlicher, als inarchäologischer Hinsicht, und insbesondere auch wegen desNmstandes. weil sie die Wiege, der Kern geworden ist,woraus sich die gegenwärtige Stadt entwickelt hat, denndas eigentliche alte Dillingcn lag ungefähr eine halbeStunde von der Burg, eine Viertelstunde vom obernStadtthor weiter gegen Westen; wahrscheinlich war esnur ein Weiler von wenigen Häusern, der den NamenOber-Dillingen trug. Mit dem hohen geschichtlichen Alterder Ansiedlnng an diesem Platze stimmt auch überein,daß hier, auf dem Bergvorsprunge unterhalb der sogen,oberen Quelle" eine dem hl. Martinas geweihte Kirchestand, welche durch ihren von fränkischen GlaubensboteninS Schwabenland verpflanzten Patron schon auf ihreGründung zu sehr frühen Zeiten hinweist. Dieses Gottes-haus war auch die ursprüngliche Pfarrkirche von Dil-lingen , bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts der Pfarr-sitz in die Stadt selbst verlegt und die St. Peterskirchezur Pfarrkirche erhoben wurde. Jetzt und seit langemist der Ort völlig von der Erde verschwunden, ohne daßwir von den Umständen oder der Zeit seines Abgangesetwas wissen; wahrscheinlich ist es dort gegangen, wiebei vielen andern vor den Thoren einer Stadt gelegenenkleineren Ansiedlnngen, deren Bewohner ihre alten Heim-stätten verließen, um hinter den festen städtischen MauernSchutz zu finden. Wenn es übrigens gestattet ist, eineVermuthung zu wagen, so mochte ich an diesen Platzjene knüpfen, das; das schwäbische Oberdillingcn der Nach-folger der prähistorischen Niederlassung sei, deren Gräber-feld nuten am Ziegelstadel entdeckt wurde, wie oben be-richtet worden ist.

An den Armen des rauschenden Stromes, derenRinnsale heute noch dieKleine Donau" und die ver-schiedenen Altwasser bezeichnen, wurde die Burg erbaut,doppelt fest durch ihre Situation an dem mnnüerschreit-baren Gewässer und durch ihre bauliche Anlage. Ichmöchte nicht mit aller Bestimmtheit behaupten, das; dieimponirenden Reste der alten Mauern und Thürme, diewir heute noch anstaunen, schon der allerältesteu Burg an-gehören, das; schon das Auge des Streiters gegen dieUngarn , des hl. Ulrich, vertrauensvoll aus ihnen geweilthat, denn das Material, aus denen sie aufgeführt sind,die bei den Archäologen verschiedener Umstände wegenberühmt und berüchtigt gewordenen sogenanntenBossen"-Buckel"- oderKropf"-2uadcrn, geben keine sicherenAnhaltspunkte für die zeitliche Bestimmung der wuchtigenBauwerke, denen sie jahrhundertelange Dauer verleihen.

Den eben angeführten Namen tragen Quadcrstücke,die nur an den Fugen bearbeitet, an der Außenseite aberroh gelassen sind oder doch eine rauhe Fläche zeigen;häufig läuft längs der Fugen au den Außenseiten einschmaler Rand, der sogenannte Randschlag. Diese Bossen-oder Buckclquader sind ein wahres Kreuz für die Archäo-logen geworden, ein Zankapfel, der zu den heftigstenFehde» Veranlassung gegeben hat, und ich nehme mir

die Freiheit, hier eine kurze Betrachtung über sie einzu-schalten, weil der mittels Feder und Blcilettern geführtegrimmige Streit auch um die Mauern der DilliugerBurg getobt hat, wenn er sie auch nicht mit Blut röthctewie einst die todesmuthigen Bestürmer. Es handelt sichnämlich um zwei Dinge bei ihnen, erstens um den Zweckder über die Fugen und den Randschlag vortretendenBossen oder Buckel, und zweitens über die Väter oderErzeuger dieser technischen Vorkehrung und hiemit umdie Zeit ihrer Entstehung.

Behufs Erklärung des Zweckes griff man zu ziemlichgezwungen klingenden Auskünften, indem man meintedie Buckel sollten das Anlegen von Sturmleitern er-schweren, bezw. verhindern, oder sie sollten den Mauerngegen den Stoß der Angriffsmaschinen, derWidder",und gegen die zerstörenden Einflüsse der atmosphärischenNiederschlüge größere Festigkeit verleihen, während eineganz einfache und von Hause aus nahe liegende Er-läuterung für die Belassung der natürlichen Bruchflächein der Arbeitsersparniß des Steinmetzen liegt, ferner indem Umstände, daß das Behauen der Vorderfläche tech-nisch nicht nöthig war; vielleicht hat auch die trutzigereErscheinung eines derartigen Mauerwerkes das Gefallender streitbaren Baumeister jener wildbewegten Zeitenerregt.

In Betreff der Herkunft unserer Quadern schriebman die Vaterschaft in jenen Jahrzehnten, da die Alter-thumskunde noch in den Kinderschuhen wissenschaftlicherForschung stak und für alles Große und Schöne keineandern Urheber zu finden vermochte, als die welt-beherrschenden Römer, selbstverständlich ebenfalls diesenzu, bis sich auch in dieser Beziehung der Wind drehteund bei den Forschern wenigstens die entgegen-gesetzte Anschauung durchdraug, indem man nunmehr be-hauptete, die Buckelqnadern stammten bestimmt nur vonden Händen mittelalterlicher Steinmetzen her mrd bildetensomit ein ganz zuverlässiges Kriterium gegen den röm-ischen Ursprung der Bauwerke, an denen sie sich finden.Das trifft nun allerdings bei den allermeisten, hier inFrage kommenden Mauern und Thürmen zu, aber dochnicht bei sämmtlichen Bauwerken, denn man hat bei un-zweifelhaft römischen Ruinen auf deutschem Boden, z. B.an der kortu praetoris. des römischen Castclls zuRegensburg , an den Uebcrbleibscln der römischen Castellezu Oberscheidenthal in Baden und zu Miltcnberg, amsogen.Hcidenthurm" in Lindau , Buckelquadern mit undohne Randschlag entdeckt. Man darf sich also recht sehrdavor hüten, das Kind mit dem Bade auszuschütten, undmuß bei Buckelqnaderbauten alle Kennzeichen untersuchen,welche für die Bestimmung des Baues maßgebend seinkönnen. Derlei sind denn in der Regel für den Kennerzur Genüge vorhanden, um ein sicheres Urtheil zu fällenund nicht den Fleck neben das Loch zu setzen, wie derBleister Zwirn sagt. Des Raumes wegen muß ich ihreErwähnung au dieser Stelle unterlassen, weil ich sonstzuviel Theorie über römische und mittelalterliche Archi-tektur, namentlich auch über Burgcubau, entwickeln müßte.Hinsichtlich der Bnckelquadern au den Mauern undThürmen deutscher Städte und Burgen läßt sich alsokurz gesagt stets annehmen, daß sie aus dem Mittel-alter stammen, bis nicht ihr römischer Ursprung ander-weitig bewiesen wird.

Sehr schwierig läßt sich die Frage nach ihrem Alterbeantworten. Sie kommen nämlich fast ausschließlich imsüdlichen und westlichen Deutschland und bei Burgen m