Ausgabe 
(11.9.1897) 53
 
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11. Krpt. 1897.

Katholicismus und Wissenschaft.

(Stenogramm der Rede des Frhrn. v. Hertling auf demDeutschen Katholikentag in Landshut. )

(Redner wird von der Versammlung mit stürmischemBeifall begrüßt.)

Gelobt sei Jesus Christus! (Vers.: In Ewigkeit.Amen.) Excellenz, Hochwürdigster Herr Bischof, hochver-ehrte Versammlung! Der sehr verehrte Herr I. Präsidenthat in seiner Eröffnungsrede ein Programm der General-versammlung entwickelt, er hat die verschiedenen Themataberührt, die hier zur Verhandlung kommen sollen, und sohat er den nachfolgenden Rednern im Grunde nur dieAufgabe zugewiesen, diese einzelnen Themata, sei es weiterauszuführen, sei es auch nur ergänzende Bemerkungenzu dem von ihm bereits Gesagten hinzuzufügen. Diesgilt im großen auch von mir, dem die Rednercommissiondas ThemaKatholicismus und Wissenschaft" zuge-wiesen hat.

Indem ich mich zur Erörterung dieses Themas an-schicke, darf ich zunächst noch ein Wort von dem auch be-reits von dein Herrn Präsidenten erwähnten internatio-nalen katholischen Gelehrtencongreß in Freiburg sagen,nicht etwa nur darum, weil ich selbst diesem Eongressebeigewohnt habe, sondern ausdrücklich deßhalb, weil dieErwähnung dieses Coimresses die beste Illustration meinesThemas abgibt. Nahem 700 Männer waren in Freiburg erschienen. (Bravo!) Franzosen und Engländer. Polen und Italiener, Spanier, Amerikaner und Deutsche. Mansah die Tvpen der verschiedensten Nationalitäten, manhörte die Laute ihrer Sprachen, und auch die Gegenständeder Berathungen waren außerordentlich verschieden. Dennder internationale Congreß war ein wissenschaftlicherCongreß, und zwar handelte er von der Wissenschaft imweitesten Sinne. Da sprach man von Mathematik, Physikund Kunstwissenschaft, von Philologie und National-ökonomie, und von allen anderen Gebieten menschlichenWissens. Und nun, meine Herren, werden Sie fragen,was war denn in dieser ungeheuren Verschiedenheit derNationalitäten, bei diesem weiten Auseinandergehen wissen-schaftlicher Interessen, was war denn der Einheits-punkt, was war das Band, das alle diese verschiedenenElemente verknüpfte? Dieser Einheitspunkt, dieses ver-einigende Band, es war die gemeinsame Unterwerfungunter die kirchliche Autorität. (Bravo!) Es wardie gemeinsame Absicht, Zeugniß dafür abzulegen, daßzwischen Glauben und Wissen, zwischen dem Inhalt dergöttlichen Offenbarung und dem sichergestellten Ergebnißmenschlichen Wissens niemals ein Widerspruch bestehenkann. (Bravo!) So hat denn jener Congreß in der Thatunser Thema illustrirt, er hat uns gezeigt, daß auch inder Gegenwart eine Harmonie zwischen Katholi-cismus und Wissenschaft besteht.

Ich sage absichtlich: in der Gegenwart: denn daß dieseHarmonie m der Vergangenheit bestand, darüber ist keinStreit. Auch unsere Gegner müssen zugestehen, daß es imMittelalter eine katholische Wissenschaft gab. Wer wolltedie große Cultur-mission der Kirche m den früheren Jahr-hunderten leugnen? Wer es leugnen wollte, dem werdendie Blätter der Geschichte, die (stoßen Denkmäler der ver-gangenen Jahrhunderte entgegenstehen. Die Glaubens-doten, die den barbarischen Völkern das Evangelium ver-kündeten, sie waren zu gleicher Zeit die Lehrer aller Bildungund Gesittung, sie waren es, die unseren! Vaterlandc dieWälder ausrodeten und die Sümpfe austrockneten, siewaren es, die in ihren Klöstern die Jugend unserer Vor-fahren mit allen Wissenschaften bekannt machten. Undnicht nur das. die fleißigen Mönche der vergangenenJahrhunderte, sie waren es anch, die in unermüdlicherThätigkeit die Schätze der antiken Wissenschaften demspäteren Geschlechte übermittelten. Als daher die Renais-sance so hochmüthig auf das Mittelalter herabblickte,, alssie sich berauschte von dem Glänze der antiken Wissen-schaften, als sie schwelgte in dem Genusse der römisch-griechischen Redner und Dichter, da vergaß sie, daß esdie mühevolle Arbeit der Mönche gewesen war, denen sieallein diese Schätze verdankte. Und nicht nur als er-ziehende Macht, nicht nur im Sinne der Erhaltung deralten Wissenschaften war die Kirche thätig, sondern sie

erzeugte auch selbstständig eine eigene Wissenschaft. AnSden Klosterschulen, aus den Schulen der Kathedralengingen die großen Hochschulen des Mittelalters hervor;zahllose wißbegierige Jünglinge schaarten sich um sie, undwie in den alten Zeiten zn Alexandrien eine Schule christ-licher Wissenschaft stand, wo die christliche Wissenschaftdie antiken Lehren in sich aufnahm, um sie im Sinne desChristenthums zu verwerthen, so geschah es neuerdings,im Mittelalter. Alles, was bis dahin die geistige Kraftzu Tage gefördert hatte, was die antiken Denker erforschthatten, was unsere Vätcr in erleuchtetem Sinne hinzu-gefügt hatten, was die ganze Weisheit der Araber hinzu-gesetzt hatte, das Alles vereinigten in den großen Centrender katholischen Wissenschaft die großen Heroen des Mittel-alters. und es entstanden jene Lehrgebäude, die uns heuteanmuthen, wie die großen gothischen Dome. Und es ent-standen jene unsterblichen Sonnen eines Albertus Magnus ,Thomas von Äguin. (Bravo !)

Und so sage ich, darüber kann kein Streit bestehen,daß es in den vergangenen Jahrhunderten ein harmon-isches Verhältniß zwischen .Katholicismus und Wissenschaftgab. Aber nun behaupten unsere Gegner, daß das mitder neuen Zeit anders geworden sei; sie leugnen nicht,daß die Kirche im Mittelnlter die Lehrmcisterin der Völkergewesen sei, aber sie behaupten, daß die mündig gewordenenVölker der Lehrmeisterin nicht mehr bedürfen, daß dieWissenschaft, die vom 16. Jahrhundert an beginnende,ihren Siegeslauf über die Erde vollzogen hat; und siefügen hinzu, daß daS doch eigentlich erst die wahreund ächte Wissenschaft sei, daß diese Wissenschaft mitdem Katholicismus sich nicht vertrage. Gerade amAnfange, sagt mau uns, besteht schon der großeConslikt der alten aristotelischen und ptolemäischenWeltanschauung mit den Lehren eines Kopernikus, Galilei ,Newton. Die.Alten meinten, daß unsere Erde im Mittel-punkt der Welt stehe, daß sich darum wie krystalleneSphären die Gestirne bewegen, daß das ganze Gebäudeeingeschlossen sei vom Fixsternhimmel, und daß dann jen-seits des Fixsternhimmels das Paradies beginne. DieEntdeckungen der Männer der Neuzeit haben nun diesesGebäude zerschlagen; die Erde ist nicht im Mittelpunkteder Welt, sie ist ein kleiner Planet, der um die Sonnekreist, und die Sonne selbst ist nicht der Mittelpunkt desAlls. Noch vor wenigen Jabren hat David Strauß daShöhnende Wort gesprochen, daß durch die Entdeckungendes Kopernikus, Galilei und Newton an den persönlichenGott die Wohnnngsnoth herangekommen sei. So dachtedamals im 16. Jahrhundert und später gar mancher/ sieglaubten, daß mit der mittelalterlichen Weltanschauungdas Christenthum müsse begraben sein, daß man mnrAristoteles und Ptolemäus anch den Glauben an denpersönlichen Gott habe aufgeben müssen, Heilte lächeltjeder ernste Blaun über solche Thorheit ; was macht esaus, daß , unsere Erde nicht mehr der Mittelpunkt desWeltalls ist, was macht es aus. daß wir nicht mehr mitAristoteles und Ptolemäus jenseits des Fixsternhimmelsdas Paradies vermuthen? Nur um so unermeßlicherdehnt sich für uns das Weltall aus, nur um so größerwird für uns das Zeugniß für die Macht des Schöpfers.(Lebhafter Beifall.)

Man sagt uns weiter, das war nur der Anfang; im16. Jahrhundert da begann ja erst die Naturwiffenschaftihre ersten tastenden Versuche. Seitdem haben sie sichbefestigt, seitdem sind sie die Wissenschaft ge-

worden, und diese Wissenschaft hat euren Glauben besiegt.Denn, die Naturwissenschaft leitet uns an, in allem, wasuns in der Natur umgibt, nur die Erzeugnisse eines noth-wendig verlaufenden mechanischen Geschehnisses zu er-blicken. Das erste und letzte, das ist der Stoff und dieBewegung. Aus nranfünglichen Elementen, die mit be-stimmten Kräften begabt waren, die nach bestimmten Ge-setzen thätig waren, hat sich Alles und Jedes entwickelt.Alles, was heute ist, das Weltall mit seinen Planetenund Sonnen und jedes kleine Gesträuch am Wege, Allesunterliegt der Nothwendigkeit der Naturgesetze, und darumist kein Platz mehr für den schöpferischen Gott, darum istkein Raum mehr für die Welterhaltung, darum ist nochviel weniger Platz sür das Wunder. So behauptet nichtdie Wissenschaft, sondern der vulgäre Materialismus.