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der sich mit falscher Wissenschaft brüstet. (LebhaftesBravo!)
Eine Zeit kann hat dieser Materialismus vielleichtSchule gemacht. Heute darf man kühn sagen, daß eskeinen ernsthaften Gelehrten gibt. der auf materialistischeDoktrinen noch irgend einen Werth legen wird. (Beifall.)Denn. wenn alles so ausgemacht wäre, wie die mechan-ische Natnrcrklärnng es uns zeigen möchte, so blieben nachwie vor die großen Fragen, die sie nicht lösen kann. Woherder Anfang der Weltbewegung, wie kam es, daß zumerstenmale jene materiellen Elemente sich in bestimmterWeise zusammenfanden, so daß gerade diese Bewegung,die wir kennen, entstehen mußte? Und was ist es. wasden Naturgesetzen ihre Macht gibt? Ihr redet wohl vonNaturgesetzen und doch bedeutet das Naturgesetz im Grundenichts Anderes, als das; die Ereignisse regelmäßig in gleich-förmigen Gestalten ac;chehen. Aber warum es so ge-schieht, welches die Macht ist. die den Ursachen in derNatur bestimmte Wirkungen ein- für allemal vorgezeichnethat, das hat noch keine mechanische Naturerklärung zusagen vermocht. Da liegen die großen Fragen, die unsimmer wieder zur Anerkennung hinführen: Im Anfangschuf Gott Himmel und Erde. (Stürmischer Beifall undHändeklatschen.) Und auch die nach dem englischen Natur-forscher benannte weitberühmte Hypothese, die sogenannteDarwinsche Entwicklungslehre, hat darin gar nichts ge-ändert. Kein größeres Vorurtheil, kein Zeichen geringerenwissenschaftlichen Lcrstehens, als wenn behauptet wird,mit dem Darwinismus sei die materialistische Weltansichtbesiegelt. Die Entwicklungslehre sagt uns, daß die heutevorhandene Thier- und Pflanzenwelt nur das Ergebnißeines in der Vergangenheit liegenden, Jahrtausende durch-laufenden Processes sei, daß, was uns heute mit demScheine wunderbarer Zweckmäßigkeit täuscht, nur dasnothwendige Ergebniß eines früheren langen mechan-ischen Processes sei. Nicht Gott, sagt man uns, hatdie Dinge, die Pflanzen, Thiere so ausgerüstet, wie siesind, damit sie ihr Leben bethätigen können, sondern unterden unzählig vielen Pflanzen und Thieren, die die ver-gangenen Jahrtausende erzeugt, sind nur diejenigen übriggeblieben, die sich unter den bestehenden Bedingungen er-halten konnten, und bannt glaubt man den Zweck aus derNatur beseitigt zu haben, damit glaubt man thörichter Weisedie zweckschaffende, schöpferische göttliche Kraft beseitigtzuhaben. Keine größere Thorheit! Denn wenn es wahrwäre, was nicht bewiesen ist und gar niemals bewiesenwerden kann, wenn es wahr wäre. daß in der Vergangen-heit jener Entwicklnngsproceß stattgefunden hätte, so fragenwir immer wieder, woher der Anfang. Es bleibt die einegroße Frage, woher das erste Lebendige, woher der ersteKeiln kümmerlichen Lebens, aus dem dann die folgendenJahrhunderte den ganzen Zauber der heutigen Natur ent-wickeln konnten? (Beifall.) Noch vor welligen Tagen hatein hervorragender Vertreter der Wissenschaft, der in keinerWeise auf unserem Standpunkt steht, dieser WahrheitZeugniß gegeben. Virchow hat jüngst aiisdrücklich ge-sagt, der Darwinismus kann den Ursprung des Lebensnicht erklären. (Hört! hört!) Alles Lebendige setzt einLebendiges voraus. (Beifall.) Das erste Lebendige, fügenwir hinzu, es ging aus Gottes schöpferischer Hand hervor.(Beifall.)
Und das Zweite, die zweite große Thorheit des Dar-winismus ist, zu behaupten, daß diese Entwicklungsreihecontinuirlich hingeführt hat bis zum Menschen. Nein,meine Herren, wenn es wahr wäre, was der Darwinis-mus behauptet, wenn jener Entwicklungsproceß des or-ganischen Lebens stattgefunden hätte, so hätte er nicht biszum Menschen hingeführt, sondern eine neue schöpferischeUrsache hätte den Menschen als ein von allen Dingendurchaus verschiedenes Geschöpf in das Dasein gesetzt.Demi keine Aehnlichlcit der körperlichen Organisation,keine Erzählung aus der angeblichen Urgeschichte kannuns darüber hinwegtäuschen, daß den Menschen voinhöchstorganisirtcn Thiere eine nnübcrfchrcitbare Klufttrennt. (Beifall.)
Also, meine verehrten Herren, wenn die Naturwissen-schaften nur wirkliche Wissenschaften bleiben, wenn sienur das als gesichertes Ergebniß hinstellen, waswirklich gesichert ist, wenn sie nur das als wirklichewissenschaftliche Theorie verkündet, was sie mitihren Mitteln beweisen können, so ist kein Widerstreitzwischen unserer gläubigen Ueberzeugung und ihren Er-
gebnissen. (Bravo!) Der ganze Siegeslauf der Natur-wissenschaften, den wir dankbar, den wir gerne an-erkennen, hat also nur im Gegentheil dazu geführt, diegrundsätzlich stets festgehaltene Harmonie zwischen Ka-tholicismus und Wissenschaft neuerdings zu bethätigen.Es gibt keinen Gegensatz. (Lebhafter Bestall.)
Nun aber, verehrte Herren, sagt man wohl, es mögemit den Naturwissenschaften stehen, wie es will. sie mögendenen, die da wollen, es überlassen, daß sie jenseits dersichtbaren und greifbaren Welt, der Dinge, die wir mitden Mitteln unserer exakten Forschung feststellen, nochirgend etwas Unerkennbares, einen Gott oder immer etwassuchen; aber mit dem alten historischen Christenthum, dü-nnt ist es doch zu Ende, denn es ist die Geschichte, diehier den Nachweis gebracht hat. Und so verändert manden Angriffspunkt. Nicht die Naturwiffenschaft, sonderndie Geschichte soll es fein, die dem Katholicismus denGaraus zu machen berufen fei. Jedoch ist das nicht neu.Schon die alten Vertreter des Protestantismus derfrüheren Jahrhunderte glaubten, auf dem Wege der ge-schichtlichen Kritik der katholischen Kirche beikommen zukönnen, schon sie glaubten, erweisen zu können, daßdas Meiste von den katholischen Ueberlieferungen unbe-gründet fei, daß Betrug und Täuschung zum sogenanntenSystem der katholischen Kirche geführt hat. Dann habenein Jahrhundert später die englischen Deisten den Ge-danken aufgenommen, aber sie find nicht bei der kathol-ischen Kirche stehen geblieben, sondern sie haben das gleicheArgument gegen alles positive Christenthum gekehrt undwollten nur bloßen Natnrstoff übrig lassen, indem sie be-haupten, alles Uebrige sei im Laufe der Geschichte durchwillkürliche Zuthaten hinzugekommen. Endlich haben wires ja noch in unseren Tagen erlebt, mit welchem Eifer,welcher Energie, fast möchte ich sagen, Fanatismus diekritische Geschichtsforschung alle Mittel anwandte, umunsere Ueberlieferungen zu untergrabe!;. Und, meineHerren, was war das Ergebniß? Das Ergebniß war,daß alle die großen Ueberlieferungen, die mit der Lehreder Offenbarung in engem Zusammenhang stehen, nur alsunerschütterlich feststehende Thatsachen erwiesen wurden.Zwei hervorragende protestantische Gelehrte haben inneuerer Zeit Aussprüche gethan, die überaus beherzigens-werth nach dieser Richtung sind. Das Ergebniß unsererhistorischen Untersuchung bestätigt weit mehr die kathol-ische als die protestantische Auffassung. (Hott!) Und derandere hat gesagt: Das Ergebniß unserer auf die ältestenchristlichen Urkunden gerichteten Untersuchungen ist vielmehr in; Sinn einer Wiederherstellung der alten Traditionals einer Untergrabung derselben.
Lassen Sie mich diese beiden Zeugnisse noch durcheine persönliche Reminiszenz ergänzen! Bekanntlich hatseit der Mitte dieses Jahrhunderts die Erforschung deschristlichen Alterthums einen ungeheuren Aufschwung ge-nommen. Unter der Aegide des längst in Gott ruhendengroßen Papstes Pins IX. hat namentlich die Katakomben-forschnng in Rom zu den größten, staunenswerthestenResultaten geführt. Man hat dort die Spuren der erstenChristen mit den Händen greifen können, man hat doku-mentarisch ihre Art des Lebens, ihre Einrichtungen, ihreVerfassung, kurz all' das nachweisen können, was voll-kommen der katholischen Ueberlieferung entsprach. Nunbin ich selbst als junger Mensch vor 30 Jahren in denKatakomben gewesen, und hatte das Glück, geführt zusein von dem verstorbenen Giovanni Battista de Nossi.Ich war der einzige Katholik, alle anderen waren Pro-testanten, zumeist protestantische junge Gelehrte, und ichwar Zeuge des Eindrucks, den der Besuch der Kata-komben und die Erklärung de Rossi's auf diese Zuhörermachte. Ick habe die Unterredung mitangehört. die sieauf ihrem Nachhauseweg führte;;, ich habe mit eigenenOhren gehört, wie einer unter ihnen sprach: „Nach dem,was wir heute gesehen und gehört haben, kann unsereprotestantische Austastung von der katholischen Ueber-lieferung nicht mehr festgehalten werden. (Bravo!)
Und so sage ich — ich muß mich ja auf die wenigenBemerkungen beschränken —: So wenig wie die Natnr-wiffenschast kann die Geschichte irgend etwas feststelle;;,was mit den Lehren des Katholicismus im Widerspruchwäre. So sehr wie die Naturwissenschaft, so sehr wirdauch die Geschichte immer wieder bestätigen, daß zwischenden beiden Quellen der Erlcnntniß ein Widerspruch nichtmöglich ist.