Ausgabe 
(11.9.1897) 53
 
Einzelbild herunterladen

Aber, meine Herren, wenn das nun so ist, wenn keinWiderspruch zwischen Glauben und Wissen besteht, wenndas vorurtheckslose freie Forschen auf dem weiten Gebietedes Wissens nicht von (staubiger Ueberzeugung abführenkann, wenn es im Gegentheil dazu hinführen muß, wiekommt es dann, daß uns doch immer der Vorwurf ge-macht wird. ein solcher Widerspruch bestände, und einKatholik könne kein würdiger Vertreter der Wissenschaftsein? Was diese Frage betrifft, so bat unser sehr ver-ehrter Herr Präsident schon einen Theil der Antwortvorweggenommen. Es ist leider nicht zu leugnen, daßwir an diesem uns immer wieder gemachten Vorwarf zueinem großen Theil mit Schuld sind. Denn, meine Herren,es genügt nicht, daß wir nur im Grundsatz behaupten,es bestehe kein Widerspruch zwischen Wissenschaft undGlaube, sondern es kommt darauf an, diesen Grundsatzauch im einzelnen jederzeit zur That werden zu lassen(Sehr richtig!), und ich kann dem sehr verehrten HerrnPräsidenten nicht Unrecht geben, daran haben wir esbisher wohl etwas zu sehr fehlen lassen.

Nun brauchen Sie nicht zu fürchten, daß ich einKlagelied über katholischeJnferiorität" anstim-men werde. (Lebhafter Beifall.) Ich habe das Wortbisher nie ausgesprochen, und ich protestire gegen dasWort. Wer nnterlebt hat, was zumal das katholischeDeutschland in den letzten 30 Fuhren geleistet hat, werdiese Masse politischer Arbeit und politischer Intelligenzmitangeseheu hat, wird über den Vorwurf der JnferioritätNur lächeln. (Sehr wahr!) Aber das, meine Herren, istbegründet, daß wir gilt thun werden, die Superiorität,die wir auf politischem Gebiet glänzend bekunden könnenund bekundet haben, auch auf wissenschaftlichem Gebietezu bekunden. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ichbin weit entfernt davon, die Wissenschaft überschätzen zuwollen, aber, meine Herren, ich kann wohl sagen, daß.wer sich überhaupt ernsthaft mit Wissenschaft beschäftigt,mehr und mehr von dieser Ueberschätzung abgeführt wird.Ich darf wohl sagen, daß wirkliche Beschäftigung mit derWissenschaft nicht anmaßend, sondern bescheiden macht,(Sehr wahr!), daß, wer sich ernstlich mit Wissenschaft zubefassen hat, sich gar sehr der Grenzen alles menschlichenWissens und gar sehr der Grenzen seines eigenen Könnensbewußt wird. Anmaßend macht nicht die Wissenschaft,anmaßend macht die Halbbildung (Bravo!) , die mit er-borgten Brocken der Wissenschaft prunkt und auf dieMassen zu wirken sucht. (Allgemeiner lebhafter Beisall.)

Was speciell den katholischen Gelehrten betrifft, sohabe ich mir immer seine Aufgabe so gedacht, in demTrinmphzng des lebendigen Gottes über die Erde alsFackelträger zu dienen. (Lebhaftes Bravo!) Aber aufder andern Seite freilich dürfen wir die Wissenschaftnicht unterschätzen, und da gilt doch zunächst, daß wiralle die Pflicht der Arbeit haben. Wohl sind wir ia, dawir durch Gottes Gnade Kinder der katholischen Kirchesind, im Besitze der übernatürlichen Wahrheit, wohl wissenschon unsere Kinder über die größten Fragen des Lebensmit einer Sicherheit und Klarheit Bescheid zu geben, umdie sie mancher Weise beneiden möchte. Aber vergessenwir über dem glücklichen Besitz des übernatürlichenGlaubens nicht die Nothwendigkeit wissenschaftlicher Er-kenntniß. (Lebhafter Beifall.) Wenn das zu allen Zeitennothwendig war, so ist es besonders in der Gegenwartnöthig. Die Alten rühmten die Wiffcnschastlichkeit, daßsie den Menschen für sich allein glücklich zu machen imStande sei, daß die Wissenschaft den Beruf l-abe, alsrein theoretische Beschäftigung den Geist zu befähigen.Heute hat die Wissenschaft eme ganz andere Stellung,heute greift die Wissenschaft auf allen Punkten mächtigins Leben hinein, heute sehen wir uns überall vonTriumphen der Wissenschaft umgeben. Wenn es heutekeine Grenzen mehr gibt, wenn alle Entfernungen aus-geglichen sind, wenn es kein Hinderniß mehr gibt, nichtdas Meer und nicht die Berge und nicht die Eisberge,wenn alles die menschliche Kunst zu überschreiten imStande ist, so ist es menschliche Wissenschaft gewesen, diedie Wege bahnt, die die Formeln ausrechnet, die dieMöglichkeit, dieses oder jenes Problem technisch auszu-führen, zuerst theoretisch feststellte, und von diesem engenZusammenhang zwischen Wissenschaft und Technik, zwischentheoretischer Erkenntniß und Gütern der Cultur, von ihmist ja heute unsere ganze Welt erfüllt. Jedermann weißdas. Jedermann preist die Wissenschaft vor allem, weil

sie die Cultur so mächtig gefördert bat. Und nun sageich, wir dürfen diese Güter doch nicht als Bettler vonfremder Hand nehmen, wir müssen uns doch selbst anihrem Erwerbe bckheiligen, wir müssen selbst mitwirken,um gleichfalls zu entdecken lind zu erfinden auf allen Ge-bieten, wie die Andersgläubigen es gethan haben, undnamentlich, meine Herren, wenn unsere stndirende Jugend,die von Begeisterung für die Wissenschaft und ihre Machterfüllt ist, in der Geschichte der Wissenschaft und dergroßen Errungenschaften des menschlichen Geistes immernur die Namen Andersgläubiger findet, und nur hie undda einen katholischen Gelehrten, so ist die Versuchungsehr nahe für solche jugendliche und noch schwankendeGeister, an die Jnferiorität des Katholicismus zu glauben.Diese Gefahr müssen wir beseitigen; wir werden sie wirk-sam beseitigen, wenn wir auf allen Gebieten menschlichenWissens hervorragende Gelehrte besitzen. Das in derThat ist nur der Wunsch, der mich von ganzem Herzenerfüllt. Ich stehe seit 30 Jahren in der Gelehrtencarriöredrinnen, meine Herren, es ist vielfach ein einsamer Weggewesen: von den ersten Jahren an habe ich mich darnachgesehnt, daß diese Einsamkeit überwunden werde undeine große Zahl gleichstrebender Männer sich um michschaaren möchte. Gott sei Dank, manches ist besser ge-worden, aber doch noch nicht viel. und wir sind immernoch die vereinzelten, man könnte sagen, die weißen Raben.So ist es die große Aufgabe des katholischen Deutschlands, diesem Uebelstande abzuhelfen, und mit unserem verehrtenHerrn Präsidenten rufe ich auch unsere diesjährige Ge-neralversammlung an, uns dazu zu verhelfen. Nichtjeder kann ja selbstverständlich ein Gelehrter sein, nichtjeder hat den Beruf, nicht jeder die Zeit, nicht jeder diemateriellen Mittel, aber was wir von Ihnen Allen, ivaswir vom ganzen katholischen Deutschland anstreben, dasist die richtigeWerthschätzung wissenschaftlicher 'Äethätignng. (Lebhafter Beifall.) Weil der Weg eineskatholischen Gelehrten vielfach ein einsamer ist, darumersehnt er nichts mehr, als das Verständniß und dieSympathien seiner Glaubensgenossen, darum wünscht ervor Allem, daß in seinen Kreisen, in den Kreisen derKatholiken volles Verständniß für die Mission desMannes auch der reinen Wissenschaft sei, und ganz be-sonders richte ich meinen Appell an alle die, denen dieErziehung der Jugend obliegt. Die Jugend ist ja soleicht für Ideale zu begeistern, die stndirende Jugendblickt voll Bewunderung anf die Größen der Wissenschaftbin, in talentvollen Jüngern der Wissenschaft ist es nichtschwer, das Interesse zu erwecken und die Neigung, selbst-thätig anf dem Gebiete der Wissenschaft mitzuarbeiten.Stärken Sie dieseNeignng, begeistern Sie diese junaeHerzenund steigern Sie die Ideale wissenschaftlicher Bethätigung,indem Sie als ihre große Aufgabe hinstellen, diese wissen-schaftliche Bethätigung in dem Sinne und Geiste derKirche vorzunehmen. (Beifall.)

Und nun zum Schlüsse denn auch noch ein Wortan die katholischen Gelehrten. Nicht daß ich sie aufzu-fordern hätte, mehr ivie bisher ihren Dienst der großenSache zu widmen. Es ist ein anderer Wunsch, den ichausspreche. Wir sind nur wenige in Deutschland , unsereZahl ist immer noch verschwindend klein gegenüber derZahl der anderen, und darum müssen wir vor allem zu-sammenhalten (lebhafter Beifall), und bannn können wirvor allem nichts weniger vertragen, als gegenseitigesMißtrauen und gegenseitige Verdächtigung. Die Neig-ungen mögen verschieden sein, die wissenschaftlichen Ge-wohnheiten mögen verschieden sein, die speciellen Inter-essen mögen auscinandergeben. aber der Geist muß der-selbe sein, der Geist ernstesten Strebens nach Wahrheit*und der Geist der katholischen Liebe. (Stürmischer Bei-fall und nicht enden wollender Jubel und Händeklatschen.)

Dillingen .

Von Hugo Arnold.

( Fortsetzung.)

Was nun das gegenwärtige Schloß zu Dilliugenbetrifft, so ist vor allem davon keine Rede, daß die altenBuckelquadermaueru römisches Bauwerk und hier einrömisches Castell gewesen sei, wie man bis vor kurzerZeit allgemein geglaubt hat. Den Zauber dieser Fabel