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hat Herr v. Strichele vernichtet, indem er darauf hin-wies, das; sich keine der aus den römischen Quellen be-kannten Nömerstättcn nach Dillingen verlegen läßt, dasjedenfalls ein bedeutender Römerort gewesen sein müßte,und daß kein Nömerdenkmal, keine Statne, keine Inschrift,nicht einmal eine römische Münze bisher zu Dillingen gefunden wurde. (Der Straßenstrccke im WeichbildeDillingenS, die möglicherweise römisch ist, wurde obengedacht.) Die Burg gestört vielmehr sicherlich dem frühenMittelaltcr an. Indessen erscheint es mir nicht so ganzzweifellos, wie Herrn v. Steichcle, daß die gegenwärtignoch vorhandenen Bnckelgnadcrmnnern von dem ältestenursprünglichen Ban des Schlosses, aus dem 10. Jahr-hunderte oder gar aus noch früherer Zeit, herrühren; ichwäre vielmehr geneigt, sie in das 12., frühestens in das11. Jahrhundert zu versetzen. Ich habe jedoch dieseMauern nicht untersucht, sondern nur betrachtet, undvielleicht unterzieht sich Herr I)r. Piper, der Verfasserdes ausgezeichneten Werkes über „Bnrgenknnde" und zu-gleich der beste Kenner der Burgen und aller mit ihnenzusammenhängenden Dinge, einmal der Mühe, den Restender Burg eine gründliche Untersuchung zu widmen, zumalihm ihr Vorhandensein bis vor kurzem ganz entgangenwar. Wenn er dann das Ergebniß seiner Forschung demrührigen Historischen Verein zu Dillingen zur Ver-öffentlichung in dessen Jahresberichten überlassen will, sowird er nicht bloß diesem Vereine und der Stadt fürdie Lokalgeschichte, sondern auch der Wissenschaft einengroßen Dienst erweisen.
Das „Schloß", wie die Burg seit langem genanntwird, ist ein unregelmäßiges, in seiner quadratischenGrundaulagc verschobenes Gebäude von ungleichen Flügel-längen, das in seiner gegenwärtigen Gestalt das Ge-präge verschiedener Ban-Perioden au sich trägt. Aufallen vier Seiten zeigt der Unterbau bis zur Höhe von7 oder 8 Meter die ungeheuer dicke Mauer aus Buckel-quadern, ebenso bis zur Höhe von 26 Meter in 50Schichten das Viereck des außerordentlich starken undfesten Thurmes, des sogenannten Hofthurmcs, an dernordwestlichen Ecke; eine hohe und nngemcin dicke Mauer,gleichfalls aus Bnckclqnadcrn mit Zwischeufüllnng, um-schloß nördlich vom Schlosse die Ziigchörungcn desselbenoder die alte Stadt, die somit die sogenannte „Vorbnrg"bildete. Bedeutende Neste dieser Umfassungsmauer sindnoch sichtbar am Pfarrhofe, am großen Kloster, an derPfarrkirche und am kleinen Kloster, und unter der Erdeliegen sie im Hofe des Hofbränhanses und im Schloß-garten. Außer dem bereits genannten Thurme beschirmtenniedrigere, runde Thürme die übrigen Ecken; als Haupt-eingang diente wahrscheinlich das an der Westseite nochbestehende, durch Rundbogen und Pfeiler sich als uraltkennzeichnende Portal, über weichein an der Außenseiteein köstliches Steinbild der hl. Jungfrau Maria mit deinKinde steht. Auf einem dem Andenken des BischofsHartmnnn, der Burg und Stadt Tillingcn der bischöf-lichen Kirche zu Augsburg schenkte, und seines Vatersgewidmeten Monumente, das vielleicht vom Bischof Fried-rich von Zollcrn errichtet worden und jetzt an der östlichenInnenwand des Hofes eingemauert ist, befindet sich eineAbbildung der Burg, wie sie noch im 15. Jahrhundertegestaltet war; sie zeigt die Westseite mit dem Portale,rechts davon steht ein runder, die Burg überragenderThurm, links ein viereckiger, der jetzige Hofthnrm, hinterihm wieder ein runder Thurm; sämmtliche Thürme ver-laufen in niedrige Helme.
Von der Zeit an, da die Bischöfe ihren ständigenAufenthalt zu Dillingen nahmen, geschahen vielfache Ver-änderungen an der Burg, insbesondere wurden auf denmassiven Buckelquader-Unterbau Stockwerke aufgesetzt, ein-zelne Bautheile wurden abgebrochen, andere umgebaut,so daß das Schloß genügende Räume für den Hofhältund im Aeußeren jene Gestalt gewann, in welcher wires heute noch vor uns sehen. Es war jetzt nicht mehrFestung, sondern Palast. Drei Jahrhunderte hindurchdiente es den Bischöfen als Residenz und blieb nach demAnfalle des Bisthums Augsburg an Bayern auch fürden Dienst des königlichen Hofes vorbehalten, bis es imJahre 1832 dem Staatsärare überlassen und zu Kanzlei-stuben für die in Dillingcn befindlichen königlichen Aemteroder. zu Wohnungen für die Beamten umgewandelt wurde:ein Schicksal, das so vielen einst glänzenden Dynasten-sitzen und Schlössern widerfuhr, wiewohl es immer nochbesser sich gestaltet als die Verwendung zu Kasernen fürdas reisige Kriegsvvlk oder zu Kerkern für grau mon-tirte Büßer.
. Eine groß« archäologische und baugeschichtliche Merk-würdigkeit bildet- ferner der unterirdische Gang, der sich.von der Umfassungsmauer des Schloßgartens, gegenüberder südwestlichen Schloßecke, unter dem Garten von Südnach Nord in das Innere des Schlosses auf eine Streckevon etwa 60 Meter hinzieht; dann scheint er abwärtszu laufen. Weiteres Vordringen ist wegen Verschüttungnicht möglich. Die Wölbung des Ganges ist im Rund-bogen aus Backsteinen ausgeführt, ungefähr in der Mittezeigt sich enger zusammentretend ein runder Bogen, undder Bogen am äußeren Ende ist gothisch geformt. DieHöhe und die Breite dieses Ganges betragen fast 5 Meter.Neben demselben läuft zu beiden Seiten ein niedriger,rnndgewölbter Seitengang; er ist durch viereckige Pfeileraus Back- und Bruchsteinen, zwischen denen wieder Rund-bögen gesprengt sind, mit dem Hauptgange verbunden, sodaß mau beim Anblicke des Ganzen an die Form vondreischiffigen romanischen Kirchen erinnert wird. Deröstliche Seitengang ist sammt den Zwischenwölbungen derPfeiler nunmehr vollständig mit Mauerwerk ausgefüllt,dcßgleichen fast alle Zwischengewölbe der Pfeiler zurLinken, der Nebengang auf dieser Seite hat sich aberthcilwerse erhalten. Ueberhaupt wurde an diesem Bau-werke vielfach gebaut, gebessert und gestützt. Herrn vonStrichele stimme ich darin bei, wenn er die Entstehungdes Ganges als gleichzeitig mit dem Schlosse annimmt;allein da ich die Erbauung des letzteren, soweit es dieNeste der alten Burg enthält, nicht wie er in das 9.oder 10. Jahrhundert, sondern erst in das 12. anzn-,fetzen geneigt bin, so rücke ich auch die Anlage desGanges um so viel herunter.
Die Sage von dem Vorhandensein derlei unter-irdischer Gänge haftet fast an jeder alten Burg, und beieiner ziemlich bedeutenden Anzahl wurden auch wirklichdergleichen entdeckt, indessen meistens nnr solche vonminderen Ausmaßen in Bezug auf Höhe und Breite;in der Regel wird ihnen eine bedeutende Längenerstreckungzugeschrieben, bis zu einer andern Burg in der Nachbar-schaft. Das wirkliche Verhältniß läßt sich gegenwärtigjedoch nirgends feststellen, da die Gänge meistens ver-schüttet oder eingestürzt sind und nur auf kurze Streckenbegangen werden können. Letzteres ist auch bei der BurgStein an der Atz, nördlich von Traunstein, dem Sitzedes fabelhaften Raubritters Heinz von Stein, der Fall.Dort sind eine Reihe von Gemächern in den Nagelstnh-