Ausgabe 
(6.10.1897) 58
 
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6. Olrt. 1897.

Die deutsch -französischen Allianzenim 18. und 19. Jahrhundert.*)(Fortsetzung.)

Ungerecht wäre es übrigens, Alexanders 1. Verdiensteum sein Land zu verkennen, das leider seine gutgemeintenReformen fast sämmtlich ablehnte. Der Adel haßte ihn,weil er die leibeigenen Bauern befreien wollte; dieLiberalen verabscheuten ihn, da er den reaktionärenUntcrrichtsmittister Chischkof berief; der kaiserlichePalast brannte aus unaufgeklärten Gründen bis auf denGrund nieder, Petersburg selbst wurde durch eine Ueber-schweimnnng der Newa fast vernichtet: tvas Wunder, daßder Mann, welcher Europa unter seine Obervormundschaftzu zwingen dachte, in seinen letzten Regierungsjahren inTrübsinn und moralische Lethargie verfiel, zu der sichnoch fast völlige Taubheit gesellte? Keine Musik wardmehr im Winterpaläst gehört, nur melancholische Rabenkrächtzen in dem Hofparkc. Immer abstoßender gestaltetensich auch nach außen Rußlands Beziehungen zu Frank-reich. Unerhört war das Benehmen des russischen Ge-sandten Morkow in Paris, das an den Fürsten Dol-gornky lebhaft erinnerte. Dieser, der russische Gesandte,sollte 1687 wegen seines ungeschlachten Wesens und derekelhaften Unreinlichkeit seines Gcsandtschaftspersonals ausParis ausgewiesen werden und erhielt von der Pariser Polizei das Verbot, Handel mit Rhabarber zu treiben,den er aus Rußland mitgebracht hatte.

Es kam vor, daß Morkow in öffentlicher AudienzNapoleon I. den Nucken drehte und das Palais verließ,das; er einen Ball gab, ohne Napoleon I. wenigstensformell einzuladen. Geradezu skandalös war seine In-solenz bei dem berüchtigten Auftritt vom 21. September1803, worauf der Russe abberufen wurde und denAndreaSordeu verliehen bekam. Die höchste Erbitterungdes zuweilen au hysterischen Wuthanfällcn leidenden Corsenerregten aber die beständig in Paris unterhaltenen rus-sischen Spione, von denen der gefährlichste Graf Czerni-chcff war. Dieser erregte in den Pariser Salons, woer die Mazurka einführte, Sensation und erlauschte sotanzend die wichtigsten Staatsgeheimnisse; wie erschöpfthielt er innc, wenn er au den verstohlen plauderndenDiplomntengrnppeu vorbeikam, und niemand ahnte, daßder von den Damen vergötterte Kosakenseladou täglicheBerichte nach Petersburg schickte. Derselbe bestach aucheinen Beamten der MontirnngSvcrwaltnng, Michel, derzwei Gehilfen, Saget und Salmou, an der Seitehatte und noch den Bureauschrciber Moses in's Ge-heimniß zog. 1812 wurde Michel zum Tod, Sagetzu Pranger und zu hoher Geldstrafe verurthcilt, Sal-mou und Moses freigesprochen; Czernicheff - wurdespäter Günstling des Zaren Nikolaus I.

Ferner zog Alexander I. mit großer Gcschicklichkeitalle mit Napoleons Regierung klnznfriedeueu an sich: derTodfeind Napoleons , der unheimliche Korse Pozzo diBorgo, Joseph de Mai stre, der berühmte Pnbli-cist, und die kühne Frau von Staöl wurden enthusiastischin Petersburg aufgenommen, auch viele Emigrantenwandten sich dorthin; so hat der einzige Richelieu,ein sonst nnbcrühmter früherer französischer Unterthan,für den Kampf gegen Napoleon enorme Summen ge-spendet. Die russificirten Franzosen Lambert und

Laugeron haben der großen Armee 1812 empfindlicheNiederlagen beigebracht.

Napoleon I. rächte sich unter anderein dadurch, daßer der Pariser Polizei den Wink geben ließ, die Aus-gabe falscher russischer Papiere und Banknoten zu be-günstigen?) gewiß ein nicht unwirksames Mittel eines soverbrecherischen Genies, wie es Napoleon I. ivar.

Keine Untiefe der menschlichen Leidenschaft existirk,in die er nicht hinabgetaucht wäre, kein moralischer Zügelschien diesen merkwürdigen Menschen zu lenken. Waswollte es besagen, wenn ihn die russischen Bauern denAntichrist, die Polen dagegen den Messias nannten, wennenglische Flugschriften ihn das korsische koatus mit denmatten grünen Augen, das dämonische Scheusal nanutcu,welches in allen Lastern noch mit diabolischem Höhne dasSeltsamste, Widernatürlichste für sich herauswählte? Der-selbe Mann, welcher auf seinem ägyptischen Fcldzugc ge-droht hatte, wenn er Jerusalem einnehme, wolle er denFrcihcitsbanm au der Stelle aufpflanzen lassen, wo dasKreuz Jesu Christi gestanden, und den ersten französischen Grenadier, der beim Sturm fiele, im Grabmale unseresHeilandes begraben lassen, derselbe Mann verrieth auchPolen , das auf ihn mit schwärmerisch verzückter Be-geisterung gehofft hatte. 1806 noch schien er Wort haltenzu wollen; damals war der Redner Carrion Nkzasvon Napoleon gedungen worden, eine heftige .Kriegserklärunggegen Rußland im Tribunat abzugeben. Nizas gab da-mals die Parole eines occidentalen Kaiscrthums aus mitFrankreich an der Spitze, das die russische Uebermachtabwehren werde. Und doch äußerte Napoleon sich wört-lich gegen Narbonue, der anhaltend für die Polen eintrat, deren alte Herrlichkeit und Unabhängigkeit er her-stellen müsse:Ein republikanisches Polen kann ich nichtdulden; dasselbe würde neue Kraft für eine diabolischePropaganda haben.Nein, nein, mein lieber Nar-

bonue; ich will in Polen nur eine disciplinirte Machthaben, um damit ein Schlachtfeld ausstatten zu können(ponr inoudlar un otminp cts bakaillo!)." In derThat folgten die arglosen Polen , nicht fähig, eine soherzlose Politik zu begreife», immer und immer neueHoffnungen nährend, ihrem Abgotte Napoleon nach allenLändern und Schlachtfeldern Europa's .

Hatte Napoleon III. gesagt:Das Kaiserreich istder Friede l" so durfte Napoleon I. , das Wort variirend,von sich sagen:Das Kaiserreich ist der Schwindel undHnmbug!" Wie ein falsch spccnlirendcr amerikanischerEisenbahnkönig ist Napoleon I. schmählich verkracht. All'seine Schöpfungen erwiesen sich als eitel Lüge, Schein,Hnmbng, Effecthascherei und leere, imperatorische Virtuosen-kunststückchcn. Das erste Kaiserreich bedurfte der Fälschungvon Taufscheinen (Napoleons Geburtsjahr kennt man nicht,das angegebene ist gefälscht), gemachter Attentate, Docu-menten - Diebstähle (man entfernte alle Berichte über dieSchlacht von Märcngo und faßte darüber Phantasie-berichte ab), erlogener Zeitungsberichte. Napoleon hatnie die Pestkranken von Jaffa berührt; er, der persönlichsehr feig war, hat nie aus sich bäumendem Rosse imSchneegestöber den St. Bernhard überschritten; eswar damals vielmehr das schönste Wetter, und an ge-fährlichen Stellen ritt der Imperator einen zahmenMaulesel.

Pasquier, Llemoirss. Bd. I S. 525.

') Nachdruck verboten,