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Frau v. Nsmusat schildert, wie Napoleon an seineerlogenen Schlachtenberichte, die er aufs geschickteste indie Zeitringen zu dirigiren verstand, schließlich selbstglaubte, wie er seine Generäle Schlachten schlagen undReden halten ließ, die ihnen nicht im Traume in denSinn kamen. Einstmals erhob einer seiner Generäledagegen Einspruch, daß er wiederum eine Schlacht ge-wonnen haben sollte, wie alle Pariser Journale meldeten.Der Mann, welcher zu plaudern drohte, wurde durch dieErlaubniß abgefunden, in irgend einer Provinz Contri-bution zu erheben und zu brandschatzen.
Nach der Niederwerfung Napoleons versank Ruß-land wieder in den behaglichen Schlaf, den es vorherbei seinen antediluvianisch-ichthyosaurokratischen Zuständengeschlafen hatte. Die liberalen Ideen, welche Napoleons Feldzug geweckt hatte — war es ja auch die liberale rus-sische Partei?) gewesen, die besonders znm Kriege gegenFrankreich gedrängt hatte — hatten zwar zur Gründungvon mehr oder weniger revolutionären Vereinen geführt(auch die Freimaurerei begann um jene Zeit an der Newa ihren Hokuspokus aufzuführen), darunter der „Verein füröffentliche Wohlfahrt", der den Tod des Zaren Alexander I. plante, ebenso der Verein der vereinigten Slaven, die erstenAnfänge des panslavistischen Kuhreigens; aber die Be-wegung war zu sporadisch, die gebildete Welt, welche dierevolutionäre Gehcimbündelei als Sport betrieb, zu zer-fahren und zu sehr den extremsten Einflüssen preisgegeben.So domiuirte in den Petersburger Salons bald Voltaire ,bald dessen Todfeind de Maistre, bald eine Modetänzerin,bald ein melancholischer, schwärmerischer Pole, und jeder— bekam Recht; es herrschte eine der asiatisch-russischenCholera analoge Gesinnungsausartung. Es war die Zeit,wo das Spielen mit Seifenblasen als salonfähige undgeistreiche Unterhaltung galt. Die Verstimmung gegenFrankreich hielt andauernd an; als charakteristisch sei nurhervorgehoben, daß der Uebertritt eines sonst herzlich un-bedeutenden russischen Tenoristen Iwanow in die fran-zösische Unterthanschaft als Beleidigung der russischen Nationalehre angesehen wurde und geeignet war, Sen-sation zu erregen.6) Hierher gehört auch das gegenFrankreich giftsprühende Buch des Grafen . Tolstoi:„I»sttrs cl'un Lmsss L un sournniists trautznis."Auch die Handelsbeziehungen zu Preußen ließen auf beidenSeiten sehr großen Mangel an Entgegenkommen erkennen.Es galt für Rußland , einen ihm unbequemen Handels-vertrag mit Preußen von 1818 zu beseitigen, vergebenssuchte Alexander I. brieflich am preußischen Hofe darumnach. Die Sachlage besserte sich nicht, als Rußland 1822den Vertrag einfach verletzte und für abgeschafft erklärte;erst 1825 trat eine leidliche Besserung ein, um jedoch1849 einer ^o großen Verstimmung (immer noch wegendieses Vertrags) Platz zu machen, daß die Obligationeneiner projectirten russischen Bahn au der Berliner Börse nicht uotirt wurden. Schon 1830 hatte auch Preußendas ziemlich unverfrorene Ansinnen Rußlands , die preuß-ischen Unterthanen auf Ansuchen an Rußland auszuliefern,mit Entrüstung abgelehnt. Es war um jene Zeit(1832), als der russische Geschäftsträger von Berlin ausnach Hause schrieb: „Es existirt in Preußen eine Parteivon Liberalen (unter „liberal" subsumirte man damalsalles politisch Unbequeme, Uudefinirbare, ähnlich wie hent-
') Darunter sogar der Generaladjutant des Zaren.General Chitnow. der allerdings dafür in Sibirien büßen mußte.
zutage in der Jurisprudenz der Unfugsparagraph ge-handhabt wird), eine Partei von Juden und Raisonneuren,welche besondere Sympathie für Preußen und Frankreich hegt und für Rußland nichts als Haß hat."
Zeit ist es nun, eine Persönlichkeit vor das un-barmherzige Urtheil der Nachwelt heranzuziehen, derendunkle Schatten einen ganzen Welttheil verfinstert haben;einen Mann, dessen antokratischer Fanatismus mit seinerkaltblütigen Grausamkeit einen infernalischen Bund ge-schlossen hat; einen Mann, der, als man ihm sagte, diein Polen einrückenden russischen Soldaten hätten dieCholera, ausrufen konnte: „Um so besser; desto mehrPolen gehen zu Grunde!"; einen Mann, der seine Missiondahin präcisirte, „das Polenthum und das Dominosvobisourn (d. i. die katholische Kirche ) zu vernichten";einen Mann, der berufen war, über ein Land zn herr-schen, das so groß ist wie die glänzende Scheibe desVollmonds, und dessen Despotie in hundert Völkerzungendieses Ländermeeres zum Himmel schreit; einen Mann,der nicht den Fürsten christlicher Zeitrechnung, sondern derAera der heidnischen Cäsaren, dem Zeitalter Neros undDomitians anzugehören scheint, zu dessen Entschuldigungniau nur seine pathologische Abnormität anführen kann;ich meine den Zaren Nikolaus I. Sein Vater Paulwar wahnsinnig; vor seinen Tobsuchtsanfällen, die aufScenen krankhaften Verfolgungswahns folgten, zittertendie Kinder, denen er später Lakaien als Aufpasser be-stellte, während er zu seinem Vertrauten den Stiefelputzer,späteren „Grafen " Iwan Kutaissow, den GefährtenSuworow's , dieses Buffo in Uniform» erhob. SeinBruder Alexander starb in einer abnormen Geistesver-fassung, der andere Bruder Coustantin litt an Tobsuchts-anfällen, und Großfürst Michael war dem erotischenWahnsinn verfallen. Auffallend war auch an Zar Ni-kolaus seine nervöse Unruhe, seine heftige Sprache, feinunsinniger Haß gegen alles Neue, sein politischer Größen-wahn. Nikolaus war ein Kleinigkeitskrämer; nahm erwirklich einmal große Ideen und Männer in die Hand,so verwandelten sie sich ihm unversehens zu abgeschmacktenPossenspielen. Er stieß Civilgerichtsurtheile um, besuchtedie Cadettenanstalten, um zu sehen, ob der Schnitt derUniformen reglementmäßig sei, instruirte dre Ceremonien-meister und — nicht zu vergessen — sühne einen leiden-schaftlichen Krieg gegen die — Schnurrbärte. Wichtigerals die Klagen ganzer Länder war ihm die Verbesserungdes Kopfputzes der Infanterie und die Erfindung einerneuen Kokarde. Aehulich seinem Vater, welcher täglichmehrere Stunden die Soldaten einexercirte, beständigävn!" (1, 2) schreiend, war auch der Sohn einSoldateuspieler, der gekrönte Feldwebel, der in Korporals-geuüssen schwelgte. Einmal kam ein General währendeines Manövers nw einige Minuten zn spät; wüthendvor Zorn degratirte der Zar ihn vor den Augen derSoldaten zum Küchenjungen (!). —
(Fortsetzung folgt.)
Das Velociped
im Gebrauche der Geistlichen vorn theologischenund kanonistischen Standpunkt aus betrachtet.
1. Das Velociped ist ohne Zweifel an sich etwasGutes. Es verdankt seine Existenz dem Scharfsinn undNachsinnen, sowie der Handfertigkeit des Menschen. Esist ein Glied an der langen Reihe der Erfindungen, welchedie Menschen gemacht haben, seitdem den ersten Menschender Auftrag geworden ist: üsptsts tsrram st «nbjioitssain. Oen. 1, 28. Auch im Velociped haben die Menschen