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Wäre es uns um Sensation zu thun, so würden wirz. V. aufführen, wer in Rußland zu Universitätspedellengestellt wird, wie die Justiz dort umgangen wird, werdie Geißel der Hungersnoth verursacht, die wie ein mo-derner Minotaurns sieben- bis achtmal in jedem Jahr-hundert Rußland heimsucht. Es ist dies nicht die ge-wöhnliche europäische Hungersnoth, die auch Entsetzensgenug bietet, sondern jene ist nur in Rußland möglich,bei der die Mäuse Hungers sterben und die Ratten aufKrücken gehen müssen. — Geschickte Vertreter panslavist-ischer Interessen im Auslande waren: der Gesandtschafts-priester Najewski in Wien, General-Obrutschcw in Paris ,zugenannt der „schöne General", der sich am meisten aufseine elegante Figur einbildete, die „ksvisv ok Iloviorvg"in London, die ihre Spalten für politische russische Agentenund Spione offen hält, dann die berüchtigte Hinterthür-diplomatie des Trios: Madame Adam, Nowikow und des„freien Kosaken" Aschinow. Nowikow blieb es vor-behalten, die russischen Gefängnisse Erziehungsanstaltenzu nennen; mit demselben Rechte könnte man Sibirien mit seinen giftigen Morasten und für die Sonne un-durchdringlichen Eisflächen, diese Botany-Bah des Zaren-reichs, dieses Nendcz-vons alles Elends und aller Ver-brecher, einen gesunden Kurort nennen.
Während heute Rußland mit der Türkei in demTone süßlicher Friedseligkeit spricht, zeigte es sich in seinerwahren Gestalt gegenüber Bulgarien , wo das offizielleRußland sich nicht entblödete, nihilistische Politik zu treiben,und zwar an einem Volke, das eben erst vorn türkischenJoche befreit war und gegenüber den russischen Insulteneine unerhörte Mäßigung, Selbstbeherrschung und Sinnfür Gesetzlichkeit an den Tag legte. Der Fürst vonBulgarien, der nicht der gekrönte Sklave Rußlands seinwollte, gegen den man aber auch nicht die Blut- undEisenkur anwenden wollte, wurde der Gegenstand zahl-loser, von den russischen Regierungsagenten veranlaßterComplotte und Attentate; man hetzte seine Offiziere gegenihn auf, brachte seinen Salonzug zum Entgleisen, suchteentlassene Sträflinge zu Meineiden zu veranlassen.
Wenn Frankreich , wie es den Anschein hat, immermehr davon abkommt, im Bunde mit Rußland die Voll-streckerin panslavistischer Ideen zu werden, wenn es über-haupt noch ein Europa im politischen Sinne gibt, wennmit dem Worte überhaupt noch ein sittlicher Begriff ver-bunden werden kann, dann werden auch die panslavistischenBäume nicht in den Himmel wachsen, und Rußland ,der Bär, wird nicht, wie Heine fürchtete, an demverstümmelten Deutschland und Frankreich seine Freß-gier stillen.
Recensionen und Notizen.
Hake P., Katholische Apologetik. II. Aufl., bcarb. vonI. F. Hückelheim. 8°. VIII -j- 232 SS. Frei-burg i. Br., Herder 1897. M. 2 40.
§ An Lehrbüchern der Apologetik (Hettinger, Gut-berlet, Schell, Schanz u. s. w.1 haben wir keinen Mangel,gerade in jüngster Zeit ist auf diesem Gebiete viel Litera-tur erschienen. Gegenwärtiges Buch will mit den be-währten Werken durchaus nicht in Concurrenz treten.Scii: Zweck ist vielmehr, unter Benützung der bekanntenMeisterwerke, eine knappe und klare Darstellung des Stoffeszu bieten, wie er von reiferen Gymnasialschülern bewältigtwerden kann. Und diese Absicht ist in dem trefflichen Werkem ganz mustergiltiger Weise erreicht worden. Scharf unddeutlich sind die Erklärungen, vorzüglich sind die Ein-teilungen, welche sich schon durch die Anordnung desDruckes dem Auge leicht erkenntlich zeigen. Dem Stu-
direnden, der ein verständiges Erfassen des Glaubens-inhaltes erstrebt, könnte für den ersten Gang in diewissenschaftliche Vertheidigung der katholischen Lehre keinpraktischeres, besseres Buch in die Hand gegeben werden.Das Studium größerer Werke wird dann mit um sogrößerem Nutzen möglich sein.
* Das prächtig ausgestattete erste Heft des neuenJahrganges des D eutschen Hausschatzes beginnt mitzwei Romanen, die, nach den bis jetzt gegebenen Nummernzu schließen, als Perlen der Erzählungskunst bezeichnetwerden dürfen. B. Corony's Roman: Im Banne derKunst, nimmt einen vielversprechenden Anfang, wirahnen jetzt schon den traurigen Konflikt, der das Lebender jungen, vornehmen Künstlerkreisen entstammenden Frauverbittern wird. Noch spannender scheint sich der Ro-man eines Egoisten von Champol, einem der be-deutendsten katholischen Romanschriftsteller Frankreichs, gestalten zu wollen. Die ersten Kapitel fesseln ungemem.M. Herbert gibt in der Novellette: Das Sterbekleidder Madame Roland, eine wahrhaft erschütterndeEpisode aus dem Leben des unglücklichen Sohnes Lud-wigs XVI. An belehrenden Artikeln, die zugleich demZweck der Unterhaltung dienen, ist das Heft besondersreich. Dr. F. I. Holly gibt in Poetische Friedhofs-blumen eine sehr anziehende Blüthenlese aus Gedichten,die sich auf Allerseelen beziehen. Der allbeliebte Reise-erzähler Karl May ist in diesem Hefte noch nicht ver-treten, doch theilt die Redaction mit, daß er die Fort-setzung des interessanten Romans Im Reiche des sil-bernen Löwen auf das bestimmteste in Aussicht ge-stellt habe.. Die Hälfte des Romans ist bereits in Händender Redaction. Der Bilderschmuck dieses Heftes ist überausreich und gediegen.
* Mittheilungen der Leo-Gesellschaft. Heraus-gegeben vom Direktorium- Nr. 7 dieser Mittheilungengibt einen Bericht über die vortrefflich verlaufene 6. Ge-neralversammlung der Gesellschaft in Klagenfurt (26. bis29. Juli), sowie verschiedene andere Mittheilungen überdie Sitzungen des Direktoriums über den Stand derPublikationen der Leo-Gesellschaft und einen Prospekt überein katholisches Prachtwerk ersten Ranges,dessen Edition die Gesellschaft veranstaltet unter demTitel „Die katholische Kirche unserer Zeit undihre Diener in Wort und Bild". Der erste Bandbefaßt sich mit der Centralregierung der Gesammtkirche,und bildet ein für sich abgeschlossenes Werk. Es soll denLebenslauf des jetzt regierenden Papstes, eine Darstellungder Organisation und Thätigkeit der höchsten und hohenPrälatur unter Berücksichtigung der historischen Entwick-lung, eine Schilderung der vatikanischen Institute, sowiedie Kongregationen und Centralcommissionen u. s. w. undihres Wrrkens geben. Der Plan des Unternehmens hatden Beifall Sr. Heiligkeit des Papstes und mehrererkatholischer Fürstenhöfe gefunden. Der I. Band umfaßtcirca 720 Textseiten mit 60 Tafelbildern und circa 1100sonstigen Abbildungen und wird in 30 Lieferungen ä 1 M.ausgegeben. Subscriptionen können bei der Leo-Gesell-chaft in Wien angemeldet werden.
Höhler, vr.. Fortschrittlicher „Katholizismus"oder KatholrscherFortschritt? Mrtbischösl.Approbation. 3. Aufl. 89 S. gr. 8". Preis 1 M.Trier . Paulinus-Druckerei.
Bereits in dritter Auflage sind diese Beiträge zurWürdigung der bekannten Broschüre des Pros. Dr. Schellin Würzburg : „Der Katholizismus als Prinzipdes Fortschritts" erschienen. Diese Schrift erörtertin außerordentlich klarer und überzeugender Weise dieAnschauungen, welche mehrfach in der vielbesprochenenBroschüre des Würzburger Professors sich finden. Diemaßvollen und vielfach klassischen Ausführungen desimmer sachlichen Kritikers über die Seminarbildung desKlerus, kirchliche Autorität und Gedankenfreiheit, Wissen-schaft und Glaube rc. sind sehr beachtenswerth. Auch dieZusätze der neuesten 6. Auflage der Schell'schen Schriftsind m einem Nachtrag berücksichtigt. Allen denjenigen,welche sich rasch über die Streitfragen orientiren wollen,wird diese Schrift willkommen sein.