Ausgabe 
(30.10.1897) 63
 
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Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in derEinheit anbeten und die Anbetung irgend eines anderenGottes Götzendienst ist, es sei nun das IdealDieMenschheit" (Anbetung des Geschöpfes) oder ein meta-M)s,scher Begriff des Unbegrenzten, als das UnendlichemaSkirt, oder ein scheußlich geschnitzter Holzblock Re-ligion ist das Band, welches den Menschen mit Gott ver-bindet. Sie kann viele Formen annehmen, jedoch nureine, die allen Menschen und allen Zeiten angepaßt ist.Die Lehre:Das Wort ist Fleisch geworden", vermagallein gleichzeitig den religiösen Instinkt des Menschenzu befriedigen, ohne unseren Gottesbegriff zu verkümmernund herabzuziehen. Das Christenthum ist vor allem eineumfassende Religion. Es verkündet Einen Herrn, EinenGlauben, Eine Taufe. Sein Einer Gott ist der Führerdes Menschengeschlechtes, sein Einer Glaube ist der Schlüsselzu allen Geheimnissen, seine Eine Taufe ist die Bürg-schaft für die Solidarität der Menschheit, jener organischenEinheit, welche, wenn sie erkannt wird, alle entgegen-gesetzten Meinungen über Religion in Harmonie auflösenwürde, die ihre Lebenskraft aus sich bekämpfenden Inter-essen ableiten, indem sie eine direkte Verbindung mit demGeiste der Wahrheit herstellt, aus dem alle Formen in-tellektueller Thätigkeit hervorgehen."

Was werden die Blavatskosophen zu solchen Wortenihres neuesten Widersachers sagen, der Okkultismus undGeheimlehre" ebenso wie die von gewissen Theosophenverachteten Martinisten und Rosenkreuzer (älterer Richtung)auf die Basis des persönlichen Gottesbegriffes und ein-zelner christlicher Grundbegriffe aufgebaut wissen will?

Nur schade, daß der Autor, der an anderer Stellenoch von dem Universum als einer großen Symphoniespricht, deren Thema die Liebe Gottes und deren Schlüsselsei: Lt iucaruatiis sst äs Lxiritu La-noto, der deneinst den Heiligen überlieferten Glauben" hochhält, aufeinem Felsen, einer ewigen Wahrheit, gegründet, die denSchlüssel zu jedem Probleme im Universum biete, daßdieser sonderbare Apologet selbst im Verlaufe seiner Er-örterungen seine christlichen Ideen nicht genauer präcisirt.Allgemeine religionsphilosophische Klarlegungen in seinemWerke hätten wahrlich viel kürzer gegeben werden können,anderseits hätten auch Ausfälle gegen die römische Kirche,deren Wesen er nicht genauer zu kennen scheint, im Ver-gleiche mit der anglikanischen, weggelassen werden können.Wir können die Gründe seiner Hochschätzung dereng-lischen Kirche", von der er sich so eingreifende Reformenchristlicher Auffassung in der Zukunft verspricht, nichtfinden, allerdings finden wir einzelne seiner antirömischenAusfälle begreiflich, wenn er uns (x. 45) sagt, daß dasMannesalter des neuen Europa sich vom 16. Jahr-hundert herleite.

Doch kehren wir, ehe wir diesen Standpunkt weiterbeleuchten, zu seinen Aufklärungen über die TheosophischeGesellschaft zurück.

Die deutsch - französischen Allianzen

im 18. und 19. Jahrhundert.

Von V(Schluß.)

Der Krimkrieg, von den russischen Chauvinisten heißersehnt, da man eine Niederlage der russischen Waffenund eine Selbsteinkehr des russischen Geistes oder Re-formen von ihm erwartete, stärkte nur die nihilistischePartei, welche an der deutschen Philosophie, besonders

Hegel, Schalter und Rosenkranz , sich großgezogen hatte,wie sie ja auch das altdeutsche Kostüm der deutschenBurschenschafter adoptirte. Alexander Herzen gab inLondon den nihilistischenKolokol" heraus, der diePetersburger Palastgeheimnisse besser kannte, als oft derZar selbst, und die Geheimpolizisten, die gegen ihn nachLondon gesandt werden sollten, schon Wochen vorausavisirte. Herzen's Diktatur über das Publikum ver-nichtete, um sich selbst an die Stelle zu setzen, der Hohe-priester der Panslavisten Katkow , derselbe, der alsStudent für Hoffmann und Heine geschwärmt, ä Is, Na-poleon und Lord Byron posirt und unaufhörlich, selbstauf der Straße, mit zum Himmel erhobenen AugenFreiligrath's Gedichte deklamirt hatte. Während einesFestmahls war er, von Schwermut!) befallen, auf dieStraße gestürzt und hatte dort einen Zusammcnlauf ver-ursacht. Auch war er eine Zeit lang Anglomane, dieZielscheibe deS Spottes seiner Kameraden. Aber nachdemer der Reihe nach für alle Culturnationen geschwärmthatte, begann er sie zu schmähen und sich auf die rus-sische Nationalität zu capriciren. Sein Todfeind warder bedeutendste russische Kritiker Belinski , dem schrift-stellernde Generäle den Hof machten, der aber in Gesell-schaft vor Schüchternheit kein Wort zu reden wußte.Auch der Schriftsteller Gribojodow fällt über die russische Literatur folgendes Urtheil:Ich kann vor französischerLektüre nicht einschlafen, während ich mich über russischen Büchern krank geschlafen habe." Eine bittere Enttäuschungbrachte auch der Moskauer Slavencongreß 1867. Wiebeim babylonischen Thnrmbau verstanden die einzelnenDeputationen einander nicht, und die Czechen, Nnthencn,Bulgaren, Wenden mußten deutsch sprechen, um sich zuverständigen! Während damals eine Hungersnoth inRußland herrschte, sammelte man enorme Summen fürdas Theater in Prag und für das russische Theater inLemberg. Die russische Regierung indeß war ganz imSchlepptau dieses Moskauer Redacteurs, und die Zeiten,wo der spätere Kanzleidirector v. Westmann ihn miteinem Hahne verglichen hatte, der auf dem Misthaufenkräht, waren vorbei. 1883 wurde das letzte russische Blatt freierer Richtung unterdrückt. Jetzt dominirte derunglaublich seichteGrashdanin" des Fürsten Mesch-tscherski, der sich auch durch Franzosenhaß hervorthat.Die Aera Pobedonoszew , des Absolutisten strengster Ob-servanz, hatte begonnen, der slavisches Pathos mit tar-tarisch-brutalem, eisig despotischem Geiste verbindet, ein-herrasend in hochgradigem Panslavistenwahnsinn, übrigens,wie Katkow, ein durchaus unredlicher, vor Geschichts-fälschungen nicht zurückschreckender Mann, dessen Idealdie Wiedereinführung der Leibeigenschaft bildet.'^) Nachihm hat Rußland die Mission, Europa gegen Asien zubewachen, wie es schon 1300 die Mongolengefahr abge-wendet habe. Schade nur, daß dies falsch ist, daß ge-rade Rußland den Mongolen unterlag, sie aufnahm, ihrenGeist in sich aufsog und damit die mongolische Gefahrnoch näher an Europa rückte. Von einer ganz anderenMission weiß der Dichter Tschaadajcw, der heimlich zumKatholicismus übertrat, zu berichten:Wir sind nurdazu da," ruft er aus,daß die Welt ein abschreckendesBeispiel an uns nehme." In der That ist jedem, derLanin's Schilderungen aus Rußland liest, jeder Z -eifelgeschwunden, daß Rußland keine höhere Mission er-füllen kann, wenn es auf diesem Wege weitcrschreitet.

") Siehe sein Lehrbuch des Civilrechts. IH. Auflage1883, Theil I. Seite 44.